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Artenschutz:"Die Honigbiene hat die Imker als Lobby"

Die Münchner Regisseurin Vanessa Weber von Schmoller dreht den Dokumentarfilm "Ein Himmel voller Bienen".

(Foto: proseccohead)

Vanessa Weber von Schmoller dreht trotz vieler Rückschläge einen Film über Artenvielfalt. Im Interview erzählt sie, wie jeder Insekten retten kann - und warum München nicht so grün ist, wie viele glauben.

Interview von Julia Huber

Die beiden Filmemacherinnen Vanessa Weber von Schmoller und Olivia Hagemann mochten schon immer am liebsten die Geschichten, in denen Menschen einfach loslegen. Trotz Chaos und Stress. Mit Mut und Herzblut. Das Paar, das ein Klohäuschen im Englischen Garten übernahm und einen hippen Kiosk daraus machte. Die junge Frau, die eine Bäckerei eröffnete und lauter Omas und Opas einstellte. Vanessa Weber von Schmoller und Olivia Hagemann besuchten sie, fingen die Stimmung ein und veröffentlichten Kurzfilme in ihrer Serie "Münchner G'schichten" im Internet. Jeder Film eine Liebeserklärung an die Stadt München und ihre Menschen. Ihr nächstes gemeinsames Projekt hätte ein Film darüber sein sollen, wie die Bienen gerettet werden können. Das Drehbuch hatten sie schon, die Finanzierung nicht. Als Olivia Hagemann im Juni 2019 plötzlich starb, stand Vanessa Weber von Schmoller allein vor der Entscheidung: loslegen oder nicht.

SZ: Sie drehen gerade einen Dokumentarfilm darüber, wie das Bienensterben aufgehalten werden kann. Wie kam es dazu?

Vanessa Weber von Schmoller: Bereits vor ein paar Jahren habe ich viel darüber gelesen, dass die Bienen verschwinden, dass Imker und Wissenschaftler Alarm schlagen. Es ist ja so: Die Honigbiene hat die Imker als Lobby. Aber es gibt viele andere Insekten, die keine Lobby haben. Schmetterlinge zum Beispiel oder Wildbienen. Die fliegen einfach draußen rum, sammeln Nektar und Pollen für ihre Brut und werden von uns Menschen kaum wahrgenommen. Aber sie machen einen sehr wichtigen Job, indem sie die Pflanzen bestäuben. Ohne sie würden viele Obst- und Gemüsesorten einfach verschwinden.

2017 erschien dann die Krefelder Studie, in der Insektenkundler auswerteten, wie sich die Insektenarten vom Jahr 1989 bis 2016 entwickelt hatten.

Ja. Da wurde endlich sichtbar, was alle Naturschützer schon seit Jahren ahnten. Nämlich, dass bereits rund drei Viertel der Fluginsekten verschwunden sind. Das muss man sich mal vorstellen! Das hat mich schockiert. Seitdem habe ich dazu viel recherchiert, denn ich wollte wissen, warum die Biomasse der Insekten so rapide abgenommen hat. Mir ist aufgefallen, dass es auch in meinem Umfeld schon viel weniger Insekten gibt. Als ich aufgewachsen bin, war das so: Bei meiner Tante im Allgäu habe ich abends Glühwürmchen beim Tanzen beobachten können. Wenn ich durch den Englischen Garten geradelt bin, ging das nicht ohne die eine oder andere Fliege in den Augen. Und beim Verreisen in die Sommerferien hatten wir immer eine Windschutzscheibe voller Insekten. Das war komplett normal. Mit meinen Kindern erlebe ich das nicht mehr.

Vermutlich vermissen Sie das auch nicht so sehr...

Insekten im Auge oder auf der Windschutzscheibe vermisse ich natürlich nicht. Aber ich sehe auch kaum noch Schmetterlinge. Meine Kinder haben noch nie Glühwürmchen gesehen, dabei sind wir viel in der Natur. Es wird immer stiller. Ich glaube, dass die Menschen, die mit dieser Stille aufwachsen, die Insekten nicht vermissen. Man kann ja nur vermissen, was man kennt. Aber Insekten sind zu rund 80 Prozent für die Bestäubung unserer Lebensmittel in Europa zuständig. Wenn wir sie verlieren, gerät unser Ökosystem aus dem Gleichgewicht.

Kam die Idee, darüber einen Film zu machen, von Ihnen oder Ihrer Kollegin Olivia Hagemann?

Das ging von uns beiden aus. Wir haben das Thema gesehen und gespürt. Olivia war ein total feinfühliger Mensch mit einem großen Faible für sensible Themen. Wir haben uns also hingesetzt und ein Drehbuch geschrieben. Unser Plan war immer: auf wichtige Themen aufmerksam machen, aber die Menschen nicht traumatisiert zurücklassen, sondern ihnen Lösungen vorschlagen. Aber dann wurde Olivia schwer krank.

Wie ging es weiter?

Olivia hatte eine schwere Operation. Sie konnte nicht mehr arbeiten. Also musste ich unsere Serie, die Münchner G'schichten, erst mal alleine stemmen. Für einen großen Kinofilm war keine Zeit. Wir wollten ihn beide unbedingt machen, aber wie es halt manchmal so ist im Leben ... der Zeitpunkt muss auch stimmen. Vorübergehend sah es so aus, als würde Olivia wieder gesund werden. Wir waren so euphorisch, dachten, nächstes Jahr könnten wir durchstarten und den Film angehen. Aber das Gegenteil war der Fall. Ihr Gesundheitszustand hatte sich dramatisch verschlechtert.

Haben Sie daran gedacht, dass sie sterben könnte?

Nein, ich hatte damit nicht wirklich gerechnet. Vielleicht wollte ich es auch nicht wahrhaben. Am Morgen, nachdem sie gestorben war, rief mich ihr Mann an. Ich vermutete, er würde mir sagen, wann ich sie im Krankenhaus besuchen könnte. Ich dachte wirklich, sie wird wieder gesund. Olivia hat eine riesige Lücke hinterlassen. Vor wenigen Tagen erst habe ich mit meiner Tochter darüber gesprochen, dass ich noch nie mit jemandem zusammengearbeitet habe, mit dem ich so viel lachen konnte wie mit Olivia. Mit ihr war die Arbeit jeden Tag ein Fest.

Haben Sie überlegt, den Film sein zu lassen?

Zunächst schon. Ich wusste nicht, wie ich das alleine schaffen kann. So ein Film kostet mindestens 250 000 Euro. An einem einzigen Drehtag arbeiten ja rund 15 Leute zusammen, am Set und hinter den Kulissen. Man muss Gagen, Equipment, Versicherung, Catering bezahlen. Ich habe keine Produktionsfirma, die mich unterstützt. Wegen Corona war es sehr schwierig, überhaupt Sponsoren zu finden. Auch durch ein Crowdfunding kam zu wenig Geld rein. Gott sei Dank habe ich heute ein wundervolles Team um mich herum, mit dem ich 20 000 Euro von der S-Bahn München erhalten habe. Es war der Preis für das beste regionale Umwelt- und Klimaprojekt. In der Folge konnten wir glücklicherweise weitere Sponsoren gewinnen. Es fehlen aber immer noch gut 80 000 Euro, um den Film fertig zu stellen. Doch Olivias Tod hat mir gezeigt, dass man für Dinge, die einem wichtig sind, aufstehen muss. Nicht irgendwann, sondern jetzt.

Im Video zum Crowdfunding sagen Sie, dass Sie mit dem Film das Bienensterben stoppen wollen. Kann ein Film das leisten?

Ein Film allein kann natürlich gar nichts stoppen, aber er kann ein Bewusstsein für die Problematik schaffen und Lösungen anbieten. Ich möchte den Zuschauern des Films zeigen, wie sie ganz einfach Lebensraum für die Insekten schaffen können. Für den Film habe ich viele Menschen in und um München getroffen, die zeigen, wie jeder Einzelne den Bienen helfen kann.

Zum Beispiel?

Ich habe mich mit Agnes Becker, der Initiatorin des Volksbegehrens "Rettet die Bienen", unterhalten. Das Volksbegehren 2019 war ein unglaublicher Erfolg, es hat sich seither einiges getan. Der Erfolg hat weit über die Grenzen Bayerns hinaus Wellen geschlagen und findet weltweit Nachahmer. Es tut sich endlich etwas in Deutschland zur Rettung der Artenvielfalt. Besonders hier in München. Ich habe mit dem Wildbienen-Experten Andreas Fleischmann vom Botanischen Institut gesprochen, wo Wildbienen-Hotels aufgebaut sind. Ich war bei "Green City", die "blühende Bänder" in der Stadt aussäen. Das sind Blühstreifen entlang großer Straßen, auf denen Wildblumen wachsen und wichtigen Lebensraum und Nahrung für die Wildbienen liefern. Nebenbei verschönern sie unsere Stadt.

Wie geht es den Münchner Bienen?

Die Münchner Stadtimkerin Carmen Grimbs, die vier Bienenvölker am Bayerischen Landtag hält, hat mir erzählt, dass es den Bienen und Wildbienen in München vergleichsweise gut geht, weil es in der Stadt kaum Pestizide gibt. Doch München ist die am stärksten versiegelte Großstadt in Deutschland. Fast die Hälfte ist bebaut, betoniert und asphaltiert. Es fehlt vor allem den Wildbienen an Nahrung und Lebensraum. Das fand ich erschreckend, weil ich immer dachte, ich wohne in einer der grünsten Städte Deutschlands.

Was können die Münchnerinnen und Münchner tun, um den Wildbienen zu helfen?

Da gibt es viele einfache Lösungen. Wer einen Garten hat, lässt beim Mähen Inseln von Gras und Blumen stehen, damit Insekten dort leben können. Wer nur ein Fensterbrett hat, könnte ein kleines Insektenhotel aufstellen, Küchenkräuter blühen lassen oder beispielsweise Lavendel anpflanzen. Mein Mann und ich reißen jetzt bei uns im Hinterhof ein paar Platten raus, damit wir Platz für ein Wildblumenbeet haben. Darum geht es auch im Film: Wie wir alle einen kleinen Beitrag dazu leisten können, das Artensterben aufzuhalten. Wenn das jeder machen würde, hätten wir nicht nur Lebensraum für Wildbienen geschaffen, sondern würden in einer bunten Oase leben. In einem kleinen Paradies, von dem wir alle profitieren. Ich möchte nicht in 20 Jahren dastehen und zu meinen Töchtern sagen: Man hätte damals so leicht etwas tun können, aber jetzt ist es zu spät.

Wer den Kinofilm "Ein Himmel voller Bienen" unterstützen möchte, kann Geld per Paypal an info@muenchnergeschichten.com schicken oder eine Überweisung an Vanessa Weber von Schmoller machen, IBAN: DE53701900000102866242

© SZ vom 16.07.2021
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