Biberkunde Vegetarier mit scharfen Zähnen

Auch wenn er messerscharfe Zähne hat: Der Biber bevorzugt pflanzliche Nahrung, die rote Färbung kommt vom Eisenoxid.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)
  • In Starnberg wird ein junger Mann von einem Biber gebissen, in der Oberpfalz wäre ein angenagter Baum fast auf ein Kind gefallen. Mit solchen Nachrichten machten die Nagetiere sich in der letzten Zeit wohl eher nicht beliebt.
  • Bei einer Führung um den Egglburger See haben Kinder und Erwachsene viel Neues über das bedrohte Tier erfahren.
Von Rita Baedeker, Ebersberg

Wäre Ferdinand ein Mensch, hätte er ungefähr das Alter eines Schulkinds. Ferdinand aber ist kein Mensch. Er ist - oder besser: war - ein Biber. Die Biologin Ursula Kunz vom Bund Naturschutz in Bayern, Kreisgruppe Ebersberg, hat ihn anlässlich ihrer Biberführung rund um den Egglburger See mitgebracht, dazu einen "Biberrucksack", gefüllt mit Lehrmitteln zum Staunen. "Ich werde heute Sachen über Biber berichten, die Sie noch nicht wissen", sagt sie und hält das präparierte Jungtier in die Höhe.

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Etwa 14 Kinder im Alter von etwa zwei bis zehn Jahren und ebenso viele Erwachsene haben sich am Gasthaus "Zur Gass" eingefunden. Zur Einstimmung dürfen die Kinder Ferdinand streicheln. Ein kurzes Zögern nur, dann greifen kleine und große Hände in das weiche Fell. Pro Quadratzentimeter Haut hat der Biber 12 000 Haare, am Bauch sogar 23 000, berichtet Kunz. Beim Menschen sind es 600. Kein Wunder also, dass neben dem Fleisch vor allem sein Fell einst so begehrt war, dass die Art nahezu ausgerottet wurde.

Wie man mit dem Biber das Fasten umging

Früher diente das Nagetier auch noch als Fastenspeise. Wegen seiner schuppig wirkenden "Kelle" (Fachausdruck für Schwanz) erklärte man ihn kurzerhand zum "Fisch". Dank dieser dreisten Ausrede konnte man sich ungeniert am Braten gütlich tun und verstieß trotzdem nicht gegen das Fastengebot. Auch das angeblich erotisch stimulierende Düsensekret trug zur Ausrottung der Art bei. "Das ist natürlich ein Märchen", sagt Ursula Kunz resolut. Nun ist der Biber zurück, er steht unter strengem Naturschutz und hinterlässt Spuren, auch am Egglburger See.

Bevor es losgeht mit dem Rundgang, wird Ferdinand von allen Seiten begutachtet. Seine langen Schneidezähne, mit denen man lieber keine nähere Bekanntschaft schließen möchte, sind rostrot. Ein Fall für die Zahnfee ist das aber nicht, auch ist er kein Fleischfresser; die Färbung ist ganz natürlich und kommt vom Eisenoxid im Zahn, wie Ursula Kunz erklärt. Biberzähne wachsen nicht nur immer wieder nach, sie sind auch dank eines perfekt konstruierten Überbisses selbstschärfend, das heißt, "sie wetzen sich selber", sagt Kunz. Schön, wenn man nie zum Zahnarzt muss.

Biber Ferdinand beantwortet Fragen. Bei der Führung mit Ursula Kunz am Egglburger See erfahren die Teilnehmer, dass ein Biber messerscharfe Zähne hat.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Ein Kuriosum auch der eingebaute "Putzkamm" - so nennt Ursula Kunz die doppelte Kralle an einem der fünf Zehen, mit der er sein Fell striegelt. Die flache "Kelle", die als Fettdepot, Ruder und, bei Gefahr, als Warnsignal dient, sieht durch die Lupe betrachtet aus wie ein Stück Gummi mit Noppen, aus denen Härchen sprießen.

Bevor er klettert, fällt er einen Baum

Nur mit seinen Äuglein kann der Biber keinen Staat machen. Aber da er die Welt nur in Schwarz-Weiß und meist im Dunkeln sehe, sei das kein großer Nachteil, wie Kunz sagt. Auch Klettern ist seine Sache nicht. Wenn er die Blätter oder die Rinde einer Weide oder Zitterpappel verspeisen wolle, müsse er zuerst den Baum fällen, was wiederum mit Hilfe seiner Zähne kein Problem darstelle. Er benagt den Stamm von allen Seiten, bis der an einer Stelle die Form einer Sanduhr hat und umstürzt.

Besichtigen kann man die Holzfällerkunst des Bibers am Nordende des Sees. Hier liegt ein Baum, den der Biber auf dem Gewissen hat. Die Nagespuren sind eindeutig, aber - alt. "Der Biber ist über die Ebrach zugewandert, er war hier, ist aber mittlerweile ans Südende des Sees umgezogen", sagt die Biologin. Genau kenne sie den Standort aber nicht, da man ans Ufer nicht herankomme. Den Verhau aus Zweigen und Ästen ein paar Meter weiter, der wie eine Landbrücke vom Ufer zu einer der kleinen Inseln führt, hat der Nager jedoch nicht zu verantworten.

Ein Biber besitzt eine eingebaute "Putzkralle".

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

"Der braucht das nicht, der schwimmt", sagt Ursula Kunz. Damit die Besucher eine Vorstellung von Anatomie und Lebensweise des im Volksmund "Meister Bockert" genannten Tiers bekommen, hat sie Fell, Schädel, Gipsabgüsse von Händen und den mit Schwimmhäuten ausgestatteten Hinterfüßen sowie die Skizze eines Biberbaus mitgebracht und erklärt, wie der Biber sein Zuhause in die Uferböschung gräbt, Belüftung inbegriffen.

Auch Biber verlassen Hotel Mama irgendwann

Biber bilden Reviere, Paare bleiben lebenslang zusammen und ziehen zwei Biber-Generationen auf, erzählt sie. Wenn allerdings der dritte Wurf geboren sei, müssten die älteren Geschwister raus aus dem Hotel Mama und auf Wanderschaft gehen, um ein eigenes Revier zu finden. Natürliche Feinde habe der Biber abgesehen vom Wolf keine, sagt Kunz. Wenn er zubeiße, dann, weil er sich - wie jüngst bei Starnberg geschehen - von Spaziergängern mit Hunden bedroht sehe und seine Familie verteidige. Schließlich habe es dort einen Warnhinweis gegeben, der missachtet worden sei. Es gibt also bei aller Faszination schon auch Konflikte zwischen Mensch und Biber.

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Land- und Teichwirte etwa sind nicht erfreut, wenn der umtriebige Kerl durch seine Bautätigkeit Wasser aufstaut, das die angrenzenden Felder überflutet. Biber schaffen jedoch Licht am Ufer und Biotope, sagt Kunz, aus gefällten Bäumen werde Totholz, von dem Amphibien, Libellen, Fische und andere Lebewesen profitierten. Eine Lösung des Konflikts, so Kunz, könnte sein, wenn man dem Biber zwanzig Meter Uferstreifen gewährte. "Nur zwanzig Meter! Weiter landeinwärts geht er nicht."