Süddeutsche Zeitung

Bewegung im Alter:93 Jahre, 98 Jahre - und sie steppen 200 Beats pro Minute

Ernestine Stauchner und Eva-Maria Stolze sind Stepptänzerinnen und über 90 Jahre alt. Aber damit wollen sie nicht angeben. Ein Besuch in einer der außergewöhnlichsten Tanzstunden Münchens.

Von Gerhard Fischer

Ernestine Stauchner, 98, zieht sich noch um, aber Eva-Maria Stolze, die in zwei Wochen 93 wird, steht in ihrer Tanzkleidung schon bereit. "Ernestine ist energisch und diszipliniert", sagt Stolze, "sonst kann man das in diesem Alter nicht machen."

Sissy Engl, die Lehrerin, kommt dazu. Sie sagt: "Eva-Maria und Ernestine kommen einmal pro Woche zum Üben, sommers wie winters - im Gegensatz zu den Jungen fehlen sie nie."

Ernestine Stauchner und Eva-Maria Stolze sind Stepptänzerinnen. Gute Stepptänzerinnen; und wohl die ältesten Stepptänzerinnen Münchens. Sie treten auch vor Publikum auf, im Kulturzentrum Interim in Laim oder hier, im Tanzstudio von Sissy Engl in der Grillparzerstraße.

Das Studio heißt "Mandolin Motions Einstein Show Academy". Ein Bild von Charlie Chaplin, der auch Stepptänzer war, hängt an der Wand, neben Masken und gerahmten Fotos von Menschen in Tanz- und Sportbekleidung. An einem Kleiderständer baumeln bunte Spazierstöcke. Die Einrichtung ist verspielt. Sie passt zu Sissy Engl, die ein grelles Leben hinter sich hat: als Tänzerin, als Schauspielerin, als Sängerin und als Lehrerin. Ihr Lebenslauf füllt mehrere DINA 4-Blätter. Aber heute geht es nicht um Sissy Engl.

Ernestine Stauchner ist jetzt fertig. Sie ist etwas kräftiger als die zierliche Stolze. Stauchner und Stolze üben an diesem Nachmittag mit Elfriede Widmann, 75. "Es waren früher 14 ältere Damen und vier ältere Herren", sagt Engl noch, bevor es los geht. "Die Gruppe hieß Lolly Molly Dancers und trat auch im Fernsehen auf."

Sissy Engl drückt einen Knopf an einem CD-Spieler. Eine Männerstimme - es ist der bekannte Stepptänzer Roger M. Louis - sagt über Lautsprecher: "Fußgelenkübung 2". Die Frauen schütteln den Kopf. Falscher Knopf. Engl geht noch einmal zum CD-Spieler. Nun sagt die Stimme "allgemeine Gelenkübung". Es geht ums Locker machen, ums Aufwärmen. Stolze, Stauchner und Widmann nicken, drehen den Kopf nach links, drehen den Kopf nach rechts, kreisen die Schultern, kreisen die Arme. Dann kommt Musik dazu; Musik, die sich anhört, als käme sie aus einer Zeit, in der die Stepptänzerinnen noch junge Frauen waren: Swing, Blues, Jazz. Jetzt klappern sie auch mit den Stepptanz-Schuhen, und am Ende springen sie ein wenig in die Höhe.

Schon jetzt kann man erkennen: Das ist mehr als Bewegungstherapie für die beiden Über-90-Jährigen. Vor allem Stolze absolviert das Programm mit fließenden, manchmal ausladenden Bewegungen.

Die Männerstimme aus dem Lautsprecher sagt dann "Walz Clock single". Ein Stepptanz. Die Frauen bewegen sich rhythmisch vor der Spiegelwand. Die Schuhe klackern. Engl, die - etwas erhöht - hinter den tanzenden Frauen steht, sagt mal "gut", mal zeigt sie kleine Veränderungen an. Eva-Maria Stolze hüpft und schwingt die Arme hoch nach rechts und hoch nach links, als würde sie ein Puppenspieler an Fäden bewegen; Ernestine Stauchner klackert mit ihren Schuhen und absolviert die Schrittfolge wie ein Uhrwerk - bloß manchmal kommt sie aus dem Takt, dann dreht sie sich nach links, wenn Stolze und Widmann sich nach rechts umwenden. Aber das ist egal. Nach einer halben Stunde (erst nach einer halben Stunde) macht Stolze "puuh". Von der stoischen Stauchner hört man kein Wort, man sieht kein Zeichen von Erschöpfung. "Ernestine mag kein Jammern", sagt Sissy Engl, "sie macht kein Theater und sie ist immer fit."

Pause.

"Unser Programm beinhaltet alle außerordentlichen Stepptänze", sagt Sissy Engl.

Was heißt das?

"Das ist eine fortgeschrittene Klasse", sagt Engl. "Man muss erst mal drei Klassen hinter sich bringen, bevor man das hier machen kann - es ist anspruchsvoll und schnell. Die Frauen steppen 200 beats per minute." Das klingt nach sehr schnell.

"Ihre Bühnenpräsenz ist unverkennbar"

Die drei anderen Frauen nehmen ihre Plätze wieder ein. "Wir machen weiter", sagt Engl, "und am Schluss lernen wir noch was Neues - wie jede Woche." Sissy Engl geht jetzt auch auf die Tanzfläche. Sie stellt sich vor den Schülerinnen auf und zeigt ein paar Schritte. Sie proben "Cakewalk", zum ersten Mal. "Das sind vom Rhythmus her furchtbar verzwickte Schritte", sagt Engl. Kurz darauf fällt Stauchner um und sitzt auf dem Hintern. Engl lacht und sagt zu ihr: "Die Pause ist vorbei." Sie hilft Stauchner wieder auf.

Dann ist Schluss für diesen Tag. Eva-Maria Stolze sagt "puuh", Ernestine Stauchner geht ruhig von der Tanzfläche. Sie ziehen sich wieder um. Dann bringt Sissy Engl einen Kaffee. "Ernestine ist seit 1997 bei mir, Eva-Maria seit 1999", sagt sie.

"Ich habe die Lolly Mollys von Sissy damals im Fernsehen gesehen und mich bei ihr beworben", sagt Ernestine Stauchner. Sie hat eine glockenhelle Stimme, und sie spricht bairisch. Stepptanz habe sie bis dahin bloß für sich gemacht, sagt sie. Daheim. Aber sportlich sei sie schon immer gewesen: Sie unterrichtete Sport an einer Schule in München und bei Siemens, und sie war Übungsleiterin beim TSV Forstenried. Dort hat sie auch Handball gespielt. Stauchner ist Münchnerin, sie lebt heute in Forstenried. Alleine. "Der Sohn wohnt ums Eck", sagt sie.

Eva-Maria Stolze sagt, sie habe ein "bewegtes, sehr interessantes Leben" hinter sich. Das klingt stereotyp. Aber es trifft bei ihr ganz sicher zu. Stolze kommt aus Jena, sie hat den Krieg erlebt und ist danach mit einem Tanzensemble auf Tournee gegangen. "Ihre Bühnenpräsenz ist unverkennbar", sagt Elfriede Widmann, die jüngere Stepptänzerin, die sich auch dazu gesetzt hat. "In München, am Deutschen Theater, habe ich mit Marika Rökk getanzt", sagt Stolze. Ältere werden die berühmte Schauspielerin, Sängerin und Tänzerin (Jahrgang 1913) noch kennen, Jüngere können auf ihrem Smartphone nachgucken. Stolze überlegt. "Und ja, mit Johannes Heesters war ich auch auf der Bühne - aber ich weiß nicht mehr, wo."

Sie zögert wieder einen Moment. "Aber das müssen Sie gar nicht alles schreiben", sagt sie dann. Sie willigt schließlich doch ein. Ist ja nichts Schlimmes dabei. Aber vielleicht will sie nicht angeben; kein Theater machen, wie Stauchner.

Später war Stolze Schauspielerin. Sie arbeitete frei, tourte durch ganz Deutschland. Ihre Basis aber ist seit 1953 München. "Ich bin fast eingemeindet", sagt sie. Stolze lächelt. Sie macht manchmal Scherze, und sie wirkt dann sehr jung und, mit Verlaub, ein wenig keck.

Nach dem Tanzen und nach dem Theater ging sie zum Fernsehen. Nicht als Schauspielerin. Als Produktionssekretärin bei Aktenzeichen XY. "Mit Eduard", sagt sie. Mit Eduard Zimmermann also, der auch "der Wohnzimmerfahnder" genannt wurde, weil er die Zuschauer um Mithilfe bei der Aufklärung von Kriminalfällen bat. Der längst verstorbene Zimmermann war Jahrgang 1929.

Eva-Maria Stolze ist 1926 geboren, Ernestine Stauchner 1921.

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Quelle:
SZ vom 16.02.2019
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