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Bewegung im Alter:"Ihre Bühnenpräsenz ist unverkennbar"

Die drei anderen Frauen nehmen ihre Plätze wieder ein. "Wir machen weiter", sagt Engl, "und am Schluss lernen wir noch was Neues - wie jede Woche." Sissy Engl geht jetzt auch auf die Tanzfläche. Sie stellt sich vor den Schülerinnen auf und zeigt ein paar Schritte. Sie proben "Cakewalk", zum ersten Mal. "Das sind vom Rhythmus her furchtbar verzwickte Schritte", sagt Engl. Kurz darauf fällt Stauchner um und sitzt auf dem Hintern. Engl lacht und sagt zu ihr: "Die Pause ist vorbei." Sie hilft Stauchner wieder auf.

Dann ist Schluss für diesen Tag. Eva-Maria Stolze sagt "puuh", Ernestine Stauchner geht ruhig von der Tanzfläche. Sie ziehen sich wieder um. Dann bringt Sissy Engl einen Kaffee. "Ernestine ist seit 1997 bei mir, Eva-Maria seit 1999", sagt sie.

Eva-Maria Stolze wird bald 93 Jahre alt. Wer ihre schwungvollen Bewegungen sieht, mag das kaum glauben.

(Foto: Stephan Rumpf)

"Ich habe die Lolly Mollys von Sissy damals im Fernsehen gesehen und mich bei ihr beworben", sagt Ernestine Stauchner. Sie hat eine glockenhelle Stimme, und sie spricht bairisch. Stepptanz habe sie bis dahin bloß für sich gemacht, sagt sie. Daheim. Aber sportlich sei sie schon immer gewesen: Sie unterrichtete Sport an einer Schule in München und bei Siemens, und sie war Übungsleiterin beim TSV Forstenried. Dort hat sie auch Handball gespielt. Stauchner ist Münchnerin, sie lebt heute in Forstenried. Alleine. "Der Sohn wohnt ums Eck", sagt sie.

Eva-Maria Stolze sagt, sie habe ein "bewegtes, sehr interessantes Leben" hinter sich. Das klingt stereotyp. Aber es trifft bei ihr ganz sicher zu. Stolze kommt aus Jena, sie hat den Krieg erlebt und ist danach mit einem Tanzensemble auf Tournee gegangen. "Ihre Bühnenpräsenz ist unverkennbar", sagt Elfriede Widmann, die jüngere Stepptänzerin, die sich auch dazu gesetzt hat. "In München, am Deutschen Theater, habe ich mit Marika Rökk getanzt", sagt Stolze. Ältere werden die berühmte Schauspielerin, Sängerin und Tänzerin (Jahrgang 1913) noch kennen, Jüngere können auf ihrem Smartphone nachgucken. Stolze überlegt. "Und ja, mit Johannes Heesters war ich auch auf der Bühne - aber ich weiß nicht mehr, wo."

Sie zögert wieder einen Moment. "Aber das müssen Sie gar nicht alles schreiben", sagt sie dann. Sie willigt schließlich doch ein. Ist ja nichts Schlimmes dabei. Aber vielleicht will sie nicht angeben; kein Theater machen, wie Stauchner.

Später war Stolze Schauspielerin. Sie arbeitete frei, tourte durch ganz Deutschland. Ihre Basis aber ist seit 1953 München. "Ich bin fast eingemeindet", sagt sie. Stolze lächelt. Sie macht manchmal Scherze, und sie wirkt dann sehr jung und, mit Verlaub, ein wenig keck.

Nach dem Tanzen und nach dem Theater ging sie zum Fernsehen. Nicht als Schauspielerin. Als Produktionssekretärin bei Aktenzeichen XY. "Mit Eduard", sagt sie. Mit Eduard Zimmermann also, der auch "der Wohnzimmerfahnder" genannt wurde, weil er die Zuschauer um Mithilfe bei der Aufklärung von Kriminalfällen bat. Der längst verstorbene Zimmermann war Jahrgang 1929.

Eva-Maria Stolze ist 1926 geboren, Ernestine Stauchner 1921.

© SZ vom 16.02.2019

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