NS-Dokuzentrum Mit digitaler Hilfe aus der NS-Zeit lernen

Die Medientische im Untergeschoss des NS-Dokumentationszentrums zeigen unter anderem die politischen Netzwerke der Weimarer Zeit.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Mediaguides und ein Lernforum sollen die Zeit zeitgemäß aufbereiten - und eine App zu Rundgängen durch die Stadt einladen.

Von Jakob Wetzel

Es sei ein einzigartiger Lernort, sagt Winfried Nerdinger, der Gründungsdirektor des Münchner NS-Dokumentationszentrums. Und die Möglichkeiten seien längst nicht ausgeschöpft. Im Mai 2015 hat der weiße Würfel an der Brienner Straße seine Türen geöffnet; seitdem haben fast 200 000 Menschen die Ausstellung in den vier oberen Stockwerken besucht.

Doch was das Zentrum zu etwas Besonderem macht, sind weniger die etwa 900 gezeigten Fotos und Dokumente; das Haus kommt so gut wie ohne Originalstücke aus.

Das Besondere ist die Technik: Mediaguides für die Ausstellung, eine App für draußen und ein digitales Lernforum im Keller. Das NS-Dokuzentrum hat nun seine digitalen Projekte präsentiert, mit denen es die Menschen möglichst zeitgemäß erreichen möchte. Mehr als drei Millionen Euro hätten sie gekostet, sagt Nerdinger. Damit seien sie mehr als doppelt so teuer gewesen wie die Ausstellung.

NS-Dokumentationszentrum Erkunden Sie das NS-Dokuzentrum
Interaktive Grafik
Eröffnung am 1. Mai

Erkunden Sie das NS-Dokuzentrum

Warum fanden die Nazis ausgerechnet in München so viel Zulauf? Wie profitierte die Stadt von der Juden-Verfolgung? Und warum wurde nach dem Krieg so zaghaft entnazifiziert? Klicken Sie sich durch das NS-Dokuzentrum.   Von Jakob Wetzel, Hassân Al Mohtasib und Sarah Unterhitzenberger

Die Mediaguides

Sie helfen dabei, die Masse an Informationen in der Ausstellung einzuordnen: Die 400 Mediaguides erklären die gezeigten Dokumente in acht wählbaren Sprachen und bieten zudem thematische Rundgänge an, zum Beispiel zur Ausgrenzung von Teilen der Bevölkerung und zur nationalsozialistischen "Volksgemeinschaft", zum Antisemitismus als Staatsdoktrin und seinem Fortwirken bis heute oder auch zum Männer- und Frauenbild im völkisch-nationalistischen und rassistischen Staat. Enthalten sind auch spezielle Rundgänge für Jugendliche und für Kinder.

Künftig will das NS-Dokumentationszentrum nicht nur neue Rundgänge ergänzen, sondern auch sprachlich aufrüsten. Bislang kann die Software Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch, Polnisch, Russisch und Hebräisch. Derzeit werden die Inhalte zusätzlich ins Türkische und ins Arabische übersetzt; geplant ist auch eine Version in Gebärdensprache. Die Mediaguides bieten dabei nicht nur Übersetzungen von Ausstellungstexten, sondern sie synchronisieren zum Beispiel auch in der Ausstellung gezeigte Filme.

Die App

Die Smartphone-Anwendung "Orte Erinnern" führt die Nutzer aus dem NS-Dokuzentrum heraus ins Freie. Vier Rundgänge führen die Nutzer zu 120 Orten in der Altstadt und in der Maxvorstadt, die einen Bezug zum Nationalsozialismus haben - von den Parteibauten am Königsplatz bis hin zu den Standorten der Münchner Synagogen. Auf einer Karte sind zusätzlich Orte in anderen Stadtviertel oder in der weiteren Umgebung eingezeichnet, etwa der frühere KZ-Außenlagerkomplex Mühldorf oder die damalige Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar, die Vorgängerin des heutigen Isar-Amper-Klinikums.

Wer die besprochenen Gebäude nicht kennt, dem hilft das Programm mit einer Art Wegweiser-Funktion: Bei aktivierter Kamera blendet die App am Bildschirm Beschriftungen ein; wer darauf tippt, erhält weitere Informationen. Und die einzelnen Orte sind zusätzlich nicht nur nach Themengebieten gegliedert, sondern auch verschlagwortet.

NS-Dokumentationszentrum Eine Stadt muss sich erinnern
NS-Dokuzentrum

Eine Stadt muss sich erinnern

Warum München? Und was geht uns das heute noch an? Mit diesen Fragen beschäftigt sich das neue NS-Dokuzentrum, das am 1. Mai eröffnet. Der Ort will mehr sein als nur eine Ausstellung.   Von Jakob Wetzel

Wer zum Beispiel nach Plätzen sucht, die mit Sophie Scholl in Verbindung stehen, der erhält fünf Treffer: Darunter sind neben der Ludwig-Maximilians-Universität, dem Justizpalast und dem Gefängnis Stadelheim etwa auch der Friedhof am Perlacher Forst, auf dem Scholl beerdigt wurde sowie das Atelier Manfred Eickemeyer an der Leopoldstraße, wo sich die Widerstandsgruppe "Weiße Rose" regelmäßig traf.

Am Ort des Ateliers steht heute ein Gebäude der Münchner Rück. Die App "Orte Erinnern" gibt es in deutscher und englischer Sprache für Apple- und Android-Geräte. Sie ist kostenlos.

Das Lernforum

Zurück im NS-Dokuzentrum: Der Lernort im Untergeschoss ist das Kernstück des digitalen Angebots - und Kernstück dieses Lernorts wiederum ist eine enorme Hintergrunddatenbank. In ihr sind Informationen alleine zu 37 000 Personen gespeichert, zu vielen gibt es Kurzbiografien.

Dazu kommen unter anderem 17 000 relevante Orte und 800 Lexikonartikel. Alles ist miteinander vernetzt und verschlagwortet. Geschaffen hat das Dokuzentrum dieses Lernforum mit Hilfe des Lehrstuhls für Architekturinformatik an der Technischen Universität (TU) unter der wissenschaftlichen Koordination des Münchner und Londoner Historikers Peter Longerich.

Die Besucher können sich hier an vier großen Medientischen und 24 Recherchestationen mit der Ideologie der Nationalsozialisten und ihren Bestandteilen auseinandersetzen; sie können die politischen Netzwerke recherchieren, die den Aufstieg der NSDAP in München ermöglichten; und sie können sich auf einer Karte auf die Hausnummer genau ansehen, wo die Menschen lebten, die von 1933 bis 1945 verfolgt wurden.

NS-Dokumentationszentrum Am Tatort
Ausstellungskritik
NS-Dokumentationszentrum in München

Am Tatort

Hier wurde Hitler gefördert, hier hätte er verhindert werden können. Mit vielen Jahrzehnten Verspätung öffnet in München das NS-Dokumentationszentrum. Was kann es zum Gedenken an das Dritte Reich beitragen?   Von Sonja Zekri

Die Opfer sind in elf Gruppen wie "Juden", "Homosexuelle" oder auch "Sozialdemokraten" gegliedert; alle Einträge auf einmal könne man nicht darstellen, sagt Jens Weber, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der TU. Es seien zu viele, der Rechner sei dafür nicht leistungsstark genug.

Mit dem Lernforum habe man "international und national Neuland betreten", sagt TU-Lehrstuhlinhaber Frank Petzold. Doch es gebe noch großes Potenzial, was man mit den Daten zusätzlich machen könnte. Spruchreif ist hier noch nichts, denkbar aber vieles. Man könne etwa Verwandtschafts- oder Geschäftsbeziehungen visualisieren, sagt Andreas Wolter, ebenfalls wissenschaftlicher Mitarbeiter an der TU. Oder man könne stärker als bisher Geschichten mit den Daten erzählen.

Umgesetzt ist bislang eine animierte Grafik, die zeigt, wie Münchens Juden in Wellen deportiert wurden oder auswanderten; sie ist im dritten Obergeschoss in der Ausstellung zu sehen. Und die Täter, in ihrer breiten Masse? Zu Beginn sei angedacht gewesen, nicht nur die Opfer, sondern auch diese zu dokumentieren, sagt Andreas Eichmüller vom NS-Dokuzentrum. Das aber sei einstweilen zurückgestellt worden; es gebe rechtliche Bedenken. Und es fehlen systematisch erhobene Daten.