Bestattungen:Auf Münchens Friedhöfen endet die Sargpflicht

Künftig dürfen Tote auch in Leinentüchern bestattet werden, Mitarbeiter der Stadt haben Beisetzungen bereits mit Dummys geprobt

Von Jakob Wetzel

Bei der Entscheidung gehe es auch um Anerkennung, sagt Imam Belmin Mehic vom Münchner Forum für Islam an der Hotterstraße. Viele Jahre lang haben viele muslimische Münchnerinnen und Münchner ihre Toten nicht in der Stadt bestattet, sondern anderswo, häufig im Ausland. Denn in Bayern galt bislang eine strikte Sargpflicht. Bestattungen nur in einem Leinentuch, wie es im islamischen Ritus vorgesehen ist, waren tabu. Doch das ist vorbei. Bereits zum 1. April hat der Freistaat Bayern die Sargpflicht gekippt. Nun liegt es noch an den einzelnen Kommunen, ihre Friedhofssatzungen anzupassen. Und für Mehic schließt sich damit der Kreis. "Die Menschen sind hier geboren worden", sagt er. "Sie haben hier gearbeitet, und sie finden hier auch ihre ewige Ruhe."

In München ist die neue Satzung bereits in Arbeit. Es werde schnell gehen, verspricht Bürgermeisterin Verena Dietl. Die ersten Bestattungen ohne Sarg sollten bereits bald am Westfriedhof möglich sein. Um bis dahin letzte Details zu klären, hat die Friedhofsverwaltung auf jenem Friedhof zuletzt Probebeisetzungen vorgenommen. An unterschiedlichen Grablagen haben Mitarbeiter jeweils einen Dummy in eine Grube hinabgelassen und ausprobiert, wie religiöse Riten in den gesetzlichen Rahmen passen, wie eine würdevolle Bestattung garantiert und auch der Arbeitsschutz gewährleistet werden kann, heißt es von der Verwaltung. Geklärt werden müsse etwa die Wicklung des Leichnams, der Transport der Toten über den Friedhof und das Hinablassen ins Grab, außerdem die Ausrichtung des Leichnams in der Erde - nach islamischer Vorschrift soll sich dieser nach Mekka orientieren. Und beispielsweise müsse auch noch definiert werden, welche Materialien zum Einsatz kommen dürfen. Die Ergebnisse der Versuche sollten dem Stadtrat dabei helfen, die Friedhofssatzung sinnvoll anzupassen.

Die Koalition im Münchner Rathaus begrüßt die neue Freiheit auf den Friedhöfen. Sie sei "ein wichtiges Zeichen unserer Wertschätzung für Menschen mit Migrationsgeschichte, die seit vielen Generationen in München leben und nun auch endlich nach ihren religiösen Ritualen bestattet werden können", sagt SPD-Stadträtin Micky Wenngatz. Auch Nimet Gökmenoğlu (Grüne) freut sich: "In Zukunft werden Menschen muslimischen Glaubens nicht mehr Tausende Kilometer weit reisen müssen, um ihre Verstorbenen betrauern zu können."

Tatsächlich sei die Sargpflicht für viele Münchner Muslime eine spürbare Belastung gewesen, erzählt Imam Mehic. Muslimische Gräberfelder gibt es in der Stadt an sich zwar bereits seit Jahrzehnten, insbesondere auf dem Westfriedhof. Die Gräber dort sind nach Mekka ausgerichtet; bislang aber galt dort eben die Sargpflicht, eine Bestattung war für viele religiöse Familien deshalb keine Option. Eine Überführung ins Ausland sei aber nicht nur teuer, sagt Mehic. Die Trauernden kämen auch in Gewissensnöte. Denn ein Begräbnis im Ausland mache es den Angehörigen schwer, das Grab regelmäßig zu besuchen. Manchmal könnten sie aus organisatorischen Gründen nicht einmal an der Beerdigung teilnehmen, erzählt der Imam. Ausgerechnet in der Trauersituation sei das eine zusätzliche Last. Und warum sollten Muslime überhaupt in einem anderen Land bestattet werden wollen? "Wir gehen davon aus, dass sich immer mehr in Deutschland begraben lassen wollen", sagt Mehic. Das sei zu spüren.

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