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Besondere Reise:Bänkelsänger mit besonderer Antriebskraft

Kim Mira Meyer

Enthusiasmus für die Kultur und Fahrräder mit muskelkraftsparendem Drehmoment: (von links) Collin Willhauk, Kim Mira Meyer und Lea Kopff werden drei Wochen unterwegs sein, um Kultur dorthin zu bringen, wo sie derzeit nicht stattfinden kann.

(Foto: René Kohl)

Kim Mira Meyer arbeitet am Gärtnerplatztheater, nun startet die Künstlerin zu einer 1200 Kilometer langen Rad-Tour in Richtung Sylt. Unterwegs will sie gemeinsam mit zwei Freunden Musik, Tanz und lokale Sagen zu den Menschen bringen

Von Jutta Czeguhn

Die Generalprobe war, wie Generalproben sein sollten: Was schief gehen kann, ging schief, und am Ende ist man klüger und cooler. "In Zeitlupe bin ich mit dem Rad zehn Meter die Böschung runtergerutscht, und hinten ist die Achse des Hängers gebrochen." Kim Mira Meyer lacht, als sie von der Probetour um den Starnberger See erzählt. Und natürlich hat es auch aus Kannen gegossen. Ein Training unter Echtzeitbedingungen quasi, denn für diesen Freitagvormittag ist ein leichtes Gewitter vorhergesagt. Von der Pasinger Fabrik aus startet die Sängerin gemeinsam mit ihren Freunden, dem Gitarristen Collin Willhauk und der Tänzerin Lea Kopff, zu einer 1200 Kilometer langen Tour de Kultur quer durch Deutschland in Richtung Sylt. Wer der radelnden Kultur-Einsatztruppe nachwinken möchte, kommt um 10 Uhr in die Wagenhalle. Ehe sie direkt von der Bühne auf die Straße rollen, geben die Drei für das Abschiedskomitee eine kleine Abreise-Performance mit Chansons, Tanz und Sagenumwobenem über die Hexe von Obermenzing.

Unterwegs zu sein, geht es nicht gerade darum in der Kunst? Für Kim Mira Meyer jedenfalls scheint Stillstand keine Option. zu sein. "In der Kultur hat man die Verantwortung, nicht den Kopf in den Sand zu stecken, sondern immer nach neuen Möglichkeiten zu suchen", sagt sie, als man sie - noch heftig verstrickt in die Reisevorbereitungen - im Café der Fabrik trifft. Das klingt fast ein wenig zu zitierfähig für einen Menschen, Jahrgang 1993. Auch Florian Hoffmann, der seit zwei Monaten in der Pasinger Fabrik die Abteilung Theater/Kabarett/Literatur leitet, war offensichtlich ziemlich beeindruckt, als ihm Meyer von ihrem ungewöhnlichen Projekt erzählte, Kultur an Orte zu bringen, an denen sie derzeit oder auch sonst kaum mehr stattfindet. Wie zum Beispiel in Altenheimen oder kleinen Orten auf dem platten Land. Hoffmann jedenfalls hat keinen Augenblick gezögert, als sie ihn darum bat, die Fabrik zum Ausgangspunkt der Tour zu machen. "Sie ist zwar noch ein unbeschriebenes Blatt in der Kunstszene, aber gibt Vollgas wie ein Profi", kommt sein Lob.

Wie ein Profi... Nun, für jemanden Mitte Zwanzig hat Kim Mira Meyer in ihre Leben bereits ziemlich viel hineingepackt: Mit gerade mal 16 Jahren verlässt sie Lilienthal, einen beschaulichen Ort bei Bremen. Sie hat ein Klavierstipendium in der Tasche, in München baut sie auf einer Privatschule ein spezielles Musik-Abitur. Profimusikerin will sie werden, spielt in einer Band, schreibt Songs, arbeitet beim Radio, entdeckt irgendwann die Liebe zum Theater, eine Hospitanz folgt auf die andere am Gärtnerplatz. "Statistin, Souffleuse, Lichtinspizientin, ich hab' alles gemacht, was man am Theater machen kann", sagt Kim Mira Meyer, die aber auch auf der Bühne steht. Zuletzt als eine der Milchfrauen in der umjubelten Gärtnerplatz-Produktion "Drei Männer im Schnee". Aktuell hat sie dort einen Zweijahresvertrag als Regieassistentin. Sie weiß, welch ein enormes Glück das ist in Zeiten von Corona.

Eigentlich wollte Meyer in diesem Sommer 2020 auf eine stinknormale Konzerttour gehen, mit ihren Album "Fernweh", das am 14. August, zum Start von "Kultur auf Rädern", erscheint. Geschrieben hat sie die 15 Chansons auf einer langen Asien-Reise, die kurz vor dem Lockdown zu Ende ging. Dann kam alles anders. Auch am Gärtnerplatz war plötzlich nichts mehr los. Viele Künstlerkollegen versuchten sich in Online-Formaten. Nichts für sie. "Da war bei mir plötzlich der Drang, einen kleinstmöglichen Nenner zu finden, um auch Begegnungen zu schaffen", sagt sie. Ihr Fernweh wird sie nun eben anders zu den Leuten bringen. In drei Wochen wollen es Kim Mira Meyer, Lea Kopff und Collin Willhauk bis hinauf nach Sylt schaffen. Meyer hat längs der Strecke, die meist auf schönen, allerdings nicht immer ebenen Radwegen zur Küste führt, mit Altenheimen, Kulturinstitutionen und Ämtern telefoniert. "Oft wurde ich direkt zum Bürgermeister durchgestellt." Die Tour wird nun unter anderem über Freising, die Tropfsteinhöhle Schulerloch, Grafenwöhr, die Felsenbühne Waldstein im Fichtelgebirge, über einen Campingplatz bei Weimar, das Kyffhäuser-Denkmal, Hamburg und Helgoland nach Sylt führen. Wie die alten Bänkelsänger auf den Jahrmärkten werden sie, sagt Meyer, auch mal für ein, zwei Lieder in kleinen Orten jenseits dieser Stationen anhalten. Der ein oder andere Bürgermeister will sie am Ortsschild abholen, geschlafen wird in Hängematten auf Campingplätzen oder, wenn's ganz luxuriös zugeht, auch mal in einer kleinen Pension.

Neben den Fernweh-Liedern, die zu exotischen Orten wie Hanoi führen, haben die Kultur-Radler viel recherchiert und lokale Sagen ausgegraben. Sie werden Kulturschaffende vor Ort bitten, diese vorzulesen. So wird man von der alten Obermenzinger Hexensage also auch auf Helgoland erfahren, und eine Weise aus dem Thüringer Wald wird in Hamburg zu hören sein. Lea Kopff, die wie Meyer in Obermenzing zu Hause ist, wird die Geschichten mit ihrem Tanz interpretieren.

"Lea ist gewiss die Fitteste von uns Dreien", sagt Kim Mira Meyer, die wild entschlossen ist, die 1200 Kilometer durchzuhalten. Immerhin, auch das hat sie mit ihrem regieassistenz-erprobten Organisationstalent fertig gebracht: Ein Sponsor stellt ihnen Räder mit besonderem Drehmoment, bei denen sie 30 Prozent weniger Muskelkraft aufbringen müssen, um flott dahinzusausen. Und sollte mal wieder eine Achse am Anhänger brechen: Die Kultur-Radler haben nun Ersatz für alle Fälle dabei.

© SZ vom 13.08.2020

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