Berufsunfähig Märchen ohne Happy End

Dienstwagen? Brauche ich nicht. Der Fürstenfeldbrucker Oberbürgermeister war immer mit dem Fahrrad unterwegs.

(Foto: Günther Reger)

Der Schuhmachermeister Klaus Pleil aus Fürstenfeldbruck nahm es mit den Riesen der CSU auf und wurde 2014 Oberbürgermeister. Der 53-Jährige arbeitete sich auf und erlitt 2015 einen Herzinfarkt. Nun ist klar, dass er nicht zurückkehrt

Von Stefan Salger

Eine Figur wie ein Holzfäller, ein Händedruck wie ein Schraubstock. So hat man den Fürstenfeldbrucker Oberbürgermeister Klaus Pleil in Erinnerung. 2014 deklassierte er in der Stichwahl den Konkurrenten der Christsozialen. Da wirkte alles wie ein politisches Märchen. Ein Märchen vom Schuhmachermeister, der auszog, um es mit den Riesen von der CSU aufzunehmen. Ein gutes Jahr später, im August 2015 wurde klar, dass für dieses Märchen kein Happy End geschrieben wird. Alles wurde zu einem einzigen Albtraum: Der damals 52-Jährige erlitt im Sommerurlaub eine Herzattacke, von der er sich bis heute nicht erholt hat. Deshalb wird in der Kreisstadt im Münchner Nordwesten voraussichtlich im Mai ein neuer Oberbürgermeister gewählt.

Menschlich ist das eine Tragödie. Auch deshalb, weil am 30. März 2014 für den Politiker der Brucker Bürgervereinigung (BBV) ein Lebenstraum in Erfüllung zu gehen scheint. Im Sitzungssaal des Rathauses steht er da, in Jeans und Lederjacke. Und hinter ihm wächst der an die Wand projizierte blaue Balken und der Abstand zum grauen Balken wird immer größer. Der graue Balken, das sind die Stimmen für den CSU-Bewerber. Der blaue Balken, das sind die Stimmen für Pleil. 62,31 Prozent werden es am Ende sein. Die Rechnung ist aufgegangen. Pleil profitiert nicht nur von der allgemeinen Wechselstimmung im Land, sondern auch von seinem standhaften Kampf gegen zwei Projekte, die von der Stadtratsmehrheit vorangetrieben worden sind: Pleil war zum Wortführer zweier Bürgerbegehren geworden, im Kampf gegen die Bebauung des innerstädtischen Viehmarktplatzes und gegen den Umzug der Stadtwerke an die Peripherie.

Es gibt ein Foto, das Pleil zeigt, wie er an jenem Wahlsonntag fast ungläubig und mit Tränen in den Augen auf die beiden Balken starrt. Der Applaus der Besucher im Rathaus und der höfliche Händedruck des unterlegenen Mitbewerbers holen ihn zurück ins Hier und Jetzt. Amtsinhaber Sepp Kellerer von der CSU, der nach 18 Jahren an der Spitze der Stadt aus Altersgründen nicht mehr antreten durfte, schenkt ihm Sekt ein und wirkt gar nicht so arg traurig über den Wahlverlauf, als er um 18.31 Uhr ruft: "Fürstenfeldbruck hat einen neuen Oberbürgermeister!" Pleil bringt nur noch einen dürren Satz heraus: "Für mich ist das jetzt einfach der Wahnsinn."

Natürlich verschwinden ein paar vollmundige Versprechungen aus der dicken Wahlkampfbroschüre der BBV in der Schublade. Etwa die "richtige" Ortsumfahrung der Bundesstraße 2, die "her muss", aber wenig überraschend am Widerstand der Nachbarkommunen scheitert. Und doch bleibt der gebürtige Fürstenfeldbrucker, der seine beiden Orthopädie-Schuhgeschäfte nebst einer kleinen Softwareschmiede mit insgesamt 25 Mitarbeitern an seinen Sohn Sebastian übergibt, seiner Linie treu.

Pleil verbiegt sich nicht. Dienstwagen? Brauch ich nicht: Er fährt mit dem Fahrrad. Feierabend oder freies Wochenende? Brauch ich nicht: Fast immer brennt spätabends noch das Licht im Dienstzimmer mit Blick über den Marktplatz. Eine Krawatte bindet er sich nur im allergrößten Notfall um. Bei der Vereidigung vergisst er, das Herstelleretikett am Ärmel zu entfernen. Für viele Bürger bleibt er der, den sie als Handballtrainer, Skilehrer, als Mitbegründer der Stadtmarketinggruppe oder auch sechs Amtsperioden lang als Stadtrat kennengelernt haben: "der Klaus". Mitarbeiter loben den "frischen Wind im Rathaus".

Pleil redet nicht nur, er packt selbst an. So wie er es gemacht hat, seit er sich in jungen Jahren gegen das Studium und für die Übernahme des elterlichen Betriebs entschieden hat. Einmal geht er herüber zum Haushaltswaren-Tienemann und ersteht für 35 Euro das Stück ein paar Ruheliegen und einen Sonnenschirm - für die Mittagspause der Mitarbeiter.

Dann aber steht der Bautechniker auf der Matte, um das dafür vorgesehene Wiesenstück auf Begehbarkeit zu untersuchen. Und jemand stellt die Frage, wie diese Ausgabe denn bitte schön über den Haushalt abzurechnen sei. Es ist die erste Lektion Bürokratie für den Unternehmer. Dass jemand als Freinachtscherz die auch von Pleil geforderte Radspur auf der Hauptstraße ziemlich unbürokratisch mit blauer Farbe auf der Fahrbahn einzeichnet - tja, da könne er nun wirklich nichts dafür, sagt Pleil und kann sich ein breites Grinsen nicht verkneifen.

Nicht alle im Stadtrat können mit Pleils hemdsärmeliger Amtsführung etwas anfangen. So wie ein altgedienter SPD-Stadtrat, der sich über kurzfristig abgesagte Ausschusssitzungen beschwert. "Des derfst du dir ned g'fallen lassen", schimpft Pleils Schwiegermutter. Und so lässt der OB das eben an sich abperlen.

Ende August 2015 dann der Schock: Beim Familienurlaub auf einem Campingplatz am Neusiedler See in Österreich ist Pleil an einem Sonntag stundenlang beim Surfen. Zurück am Ufer, bricht er plötzlich zusammen. Herzinfarkt. Pleil hat noch Glück: Zwei Krankenschwestern sind in der Nähe und reanimieren ihn, holen ihn wieder ins Leben zurück. Tagelang bleibt Pleil im künstlichen Koma. Sein unbändiger Wille hilft ihm durch die Monate dauernden Rehas. In Fürstenfeldbruck übernimmt derweil Stellvertreter Erich Raff, 62, von der CSU die Amtsgeschäfte. Es stellt sich als glückliche Fügung heraus, dass der Polizeihauptkommissar, der gut ein Jahr zuvor in Pension gegangen ist, den Vollzeitjob übernehmen kann. Er orientiert sich weitgehend an Pleils Linie. Auch als sich die Genesung hinzieht und die Krankschreibung immer wieder verlängert wird, halten sich die Stadtratsfraktionen zurück. Einen ersten, sehr kurzen öffentlichen Auftritt hat Klaus Pleil beim Neujahrsempfang der Stadt im Januar vor einem Jahr. Er ist hager und gezeichnet von dem, was er durchgemacht hat.

Das erste Interview gibt der Oberbürgermeister im März der SZ. Er zeigt sich entschlossen: "Ich will unbedingt weitermachen!" Doch es wird deutlich, dass der Weg zurück in den Alltag steinig ist. An die Ereignisse in Österreich kann sich Pleil nicht erinnern. Zudem hat er Probleme, sich über einen längeren Zeitraum hinweg zu konzentrieren.

Er hadert mit dem Schicksal: "Gerade in den ersten Amtsjahren wäre es doch so wichtig, präsent zu sein." Seine Frau Claudia schirmt ihren Mann ab und bremst ihn, wenn der zu schnell zu viel will - die Gesundheit hat Vorrang.

Als der Oktober, für den Pleils Stellvertreter eine schrittweise Rückkehr ins Rathaus in Aussicht gestellt hatte, verstreicht, wird immer deutlicher, dass sich der Genesungsprozess noch lange hinziehen könnte. Die Stadtspitze sucht das Gespräch mit Pleil, dieser stimmt einer amtsärztlichen Untersuchung zu. Mit einer "Dienstfähigkeit" des Oberbürgermeisters binnen eines halben Jahres sei nicht zu rechnen, sagt der Mediziner. Unter Berufung auf das Gutachten setzt der Stadtrat Ende 2016 das formale Entlassungsverfahren in Gang. Einen freiwilligen Rücktritt kann es nicht geben, würde der OB dadurch doch die Leistungen aus der Berufsunfähigkeitsversicherung riskieren. Die aber sind wichtig für ihn, weil er wegen der kurzen Amtszeit keine Pension erhält.

Und so wird der am kommenden Montag zu einer Sondersitzung einberufene Stadtrat aller Voraussicht nach beschließen, Pleil "aufgrund dauernder Dienstunfähigkeit mit Ablauf des 30. April 2017 aus dem Beamtenverhältnis auf Zeit zu entlassen". Am 7. Mai soll es dann OB-Neuwahlen geben. Es könnte der Schlusspunkt einer aussichtsreichen politischen Karriere sein. Andere müssen sein ehrgeiziges Projekt fortführen. Das Projekt Fürstenfeldbruck. Einen Mitarbeiter, der sich mit der zivilen Umnutzung des Fliegerhorsts beschäftigt, hatte Pleil - in guten Zeiten - einmal unverblümt gefragt: "Sind Sie bereit, die geilste Stadt der Welt zu planen?"