Neues Programm:"Die Leute sind dünnhäutiger geworden"

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Der Bonner Comedian Bernhard Hoëcker, 52, tourt gerade mit seinem Programm "Morgen war gestern alles besser". (Foto: Morris Mac Matzen)

Bernhard Hoëcker spürt den harten Wind in der Comedy-Szene. Mit Humor und Hirn hält er dagegen beim Stand-up-Abend im Lustspielhaus, auf Impro-Tour mit Wigald Boning und im Ukraine-Talk bei "Maischberger".

Von Michael Zirnstein, München

Stand-up-Comedians stehen mitten in einem Sturm der Entrüstung. Dazu musste Bernhard Hoëcker nicht erst auf die Oscar-Verleihung in den USA schauen, bei der sein Kollege Chris Rock nach einem Witz über Jada Pinkett Smith von deren Ehemann Will vor laufenden Kameras eine Mörder-Backpfeife verpasst bekam. Oder auf Dave Chappelle, der gern mal über Transmenschen scherzt und wohl dafür jüngst auf der Bühne von einem Zuschauer niedergerannt wurde. Gut, den Sturm haben diese Komiker bewusst selbst losgetreten. Die Reaktion jedoch überschreite eine Grenze, findet Hoëcker: "Man kann reinrufen, kann gehen, kann den Hintern zeigen - alles in Ordnung. Aber körperliche Gewalt zeigt, dass der andere mit der Waffe Wort nicht umgehen kann."

Am eigenen, 1,59 Meter großen Leib musste Hoëcker den Gegenwind in der Szene noch nicht spüren. Er hat aber erfahren: "Die Leute sind dünnhäutiger geworden." Er meint damit auch jene Kollegen, die - hierzulande seiner Meinung nach völlig überzogen - behaupteten: "Man darf ja gar nichts mehr sagen." Die Gereiztheit steckt aber auch in den E-Mails und Internet-Kommentaren der Zuschauer, die er grundsätzlich begrüßt, denn er diskutiere gerne. Zum Beispiel nachdem er in der "Oster-XXL"-Sendung von "Wer weiß denn sowas?!", dem Schlaumeier-Quiz der ARD, ein blauweißes Ringelhemd trug. "Damit solidarisieren Sie sich mit der russischen Armee", raunzte ihn ein Zuseher an. "Wieso?", fragte Hoëcker nach. "Na, die russische Marine trägt solche Shirts." - "Die ukrainische auch. Das ist generell so, weil man sich durch die Kontraste auf die Distanz besser erkennt", versuchte der Comedian zu erklären. "Ich wusste, dass Sie nicht einsichtig sind. Sie sind so einfältig", kam zurück. Das Hauptproblem sei, solche Dialoge auf einer sachlichen Ebene zu halten, sagt Hoëcker.

Mit Fakten nerven, aber auch amüsieren

Die sachliche Ebene ist immer seine Basis, sein Markenkern. Inzwischen. Denn bekannt wurde er, der noch während seines VWL-Studiums mit "Saufkumpels" wie Bastian Pastewka die Comedy Crocodiles gründete, von 1997 an mit Parodien von TV-Persönchen in der Sketch-Reihe "Switch". Vor allem in der Veräppelung einer Focus-Werbung ("Fakten, Fakten, Fakten"), in der bei allerlei Konferenz-Spielchen der Kleinste stets den Kürzeren zog: "Hoëcker, Sie sind raus!"

Mit Fakten nerven, aber auch amüsieren, herumspinnen, das macht keiner so albern und zugleich streberhaft, so spontan und ausdauernd wie der Bonner im deutschen Fernsehen: Sei es bei Blödelfragen wie "Was ist eine Schockhose?" im Rateteam von "Genial daneben", feinsinniger bei "Kaum zu glauben" im NDR oder eben bei "Wer weiß denn so was!?", dem Quoten-Hit im Vorabendprogramm. Er und Elton duellieren sich da jeweils an der Seite eines Gast-Raters (jüngst die Tennis-Veteranen Boris Becker und Michael Stich) mit so unnützem wie süchtig machendem Wissen. Dass die TV-Omnipräsenz seine Klein(st)künstler-Karriere überdeckt, findet er nicht schlimm. Während Corona rief er gar dazu auf: "Geht lieber zu Leuten ins Theater, die ihr nicht aus dem Fernsehen kennt, die brauchen es gerade dringender."

Hoëcker gibt immer Hoëcker

Aber jetzt spielt er wieder live. Ja, was eigentlich? Hoëcker gibt immer Hoëcker. Seine Kunstfigur sei sehr nah an der Alltagsfigur, er frage die Leute nur (40 Prozent) und erzähle auch nur (60 Prozent), was ihn wirklich interessiere. In seinem sechsten Solo "Morgen war gestern alles besser" untersucht er "mit Wissen und Erkenntnis gewappnet" (Programm-Info) die Verklärung jener Vergangenheit, in der in einem Jahrzehnt auf 36er-Film nicht so viel fotografiert wurde, wie heute an einem Tag Selfies geknipst werden. Es gehe ihm "um die Psychologie der positiven Erinnerung" und damit freilich um die Gegenwart. Etwa um die Veränderung der Sprache, die ja "den Bach runtergeht". So sagt er es zumindest dem Publikum, "habt Ihr nicht auch das Gefühl?", und wenn dann alle sagen "Jajaja, es wird immer schlimmer", hakt er ein und retourniert: "Stimmt doch gar nicht. Nicht die Jungen machen die Sprache kaputt, wir Alten hören sie nur alt."

Das ist ein klein wenig konfrontativ, aber nicht zu sehr. Er ist halt keine übertriebene Kunstfigur wie Mario Barth, hinter der er sich verstecken kann. Dass seine Haltung immer erkennbar ist, ist ihm wichtig. So kann er dann auch als "zeitungslesender Vertreter des Volkes" in Polit-Talkshows pointiert strittige Themen erklären: Stellt dazu zwei von 120 Leuten aus dem Publikum hin und sagt, die beiden repräsentierten den Anteil der Flüchtlinge in Deutschland, wo denn da nun eine "Flut" sei, und ob wir denn, wenn die beiden an die Zahnfee glaubten, wirklich unseren christlichen Glauben aufgeben müssten.

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Am Mittwoch, 11. Mai, sitzt er neben CDU-Boss Friedrich Merz und Grünen-Chefin Ricarda Lang bei "Maischberger". Der Krieg in der Ukraine werde das beherrschende Thema, schätzt er. Ob man darüber jemals auf der Comedy-Bühne lachen dürfe? Am ehesten, wenn er mit seinem alten Münchner Nerd-Freund Wigald Boning und dem Format "Gute Frage" toure ( etwa am 26. Mai in Baienfurth im Allgäu). Da löchert das Publikum die beiden, und der Impro-Meister ("Schillerstraße", "Vier sind das Volk") antwortet ungeschützt aus dem Kopf und dem Bauch heraus: "Von ,Warum ist die Banane krumm?' bis ,Haben Sie Angst vor dem Atomkrieg?' - das ist der Witz, dass da alles kommen darf."

Bernhard Hoëcker, So., 15. Mai, 19 Uhr, Lustspielhaus München

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