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Literatur:Die Ängste der Pinguine

Humboldt-Pinguine im Frankfurter Zoo

Was macht ein Humboldt-Pinguin aus Hellabrunn im Badezimmer einer Privatwohnung? Auch davon erzählt "Das Liebesleben der Pinguine".

(Foto: Arne Dedert/dpa)

Im abwechslungs­reichen Debütroman des Münchner Autors Bernhard Heckler geraten Menschen und Tiere ins Schwimmen

Von Antje Weber

Pinguine haben Angst vor dem Gang ins Wasser, erfährt man in diesem Roman, denn sie fürchten im Meer lauernde Feinde. "Bevor sie losschwimmen, nähern sie sich in kleinen Gruppen dem Ufer, zögerlich, offensichtlich jeder mit dem Wunsch, nicht der erste sein zu müssen, der das Meer betritt." Solches Wissen über Pinguine, wie Bernhard Heckler es vor jedem Kapitel einstreut, passt auch gut zu den zaudernden Menschen, von denen er erzählt. Die wunderlichste Geschichte allerdings handelt von einem Pinguin namens Ophelia, aber dazu später.

Denn auch wenn der schöne Titel dieses Romans "Das Liebesleben der Pinguine" (Tropen) lautet, ist dem Autor das Liebesleben der Menschen doch noch um einiges wichtiger. Bernhard Heckler, 1991 in München geboren, arbeitet als Journalist und hat als Stipendiat unter anderem der Bayerischen Akademie des Schreibens einen vielschichtigen Debütroman reifen lassen. Bei der Reihe "Frühlingsmix" des Literaturhauses, die jungen Autorinnen und Autoren sowie Zeichnern ein Forum bietet, stellt er ihn am kommenden Dienstag vor; eingeladen sind außerdem die Berliner Autorin und Dramatikerin Esther Becker mit dem Roman "Wie die Gorillas" und die Hamburger Comic-Zeichnerin Hannah Brinkmann mit der Graphic Novel "Gegen mein Gewissen".

Bernhard Heckler: "Das Liebesleben der Pinguine" (Tropen Verlag)
Foto: © Thomas Dashuber

An Orten von Regensburg bis Istanbul hat der Münchner Autor und Journalist Bernhard Heckler Politikwissenschaft und Journalismus studiert. Heute lebt er wieder in München.

(Foto: Thomas Dashuber)

Das Liebesleben, von dem Bernhard Heckler erzählt, ist jedenfalls ziemlich turbulent - und zeugt von den Veränderungen und Verunsicherungen der Gegenwart, die Pandemie einmal ausgelassen. Man nehme nur Niko, eine der Hauptfiguren. Er ist 33 und arbeitet im Marketing für die Firma Herbalife, außerdem versucht er sich auf Instagram als Influencer. Über seine sexuellen Vorlieben wird er sich erst langsam klar: Nach einer langen heterosexuellen Beziehung fragt er sich, ob es ihn nicht doch eher zu Männern hinzieht; er hat sich deshalb bei der einschlägigen Dating-App Grindr ein Profil hochgeladen. Über diese App trifft er überraschend auf seinen ehemaligen Kumpel Sascha, der wiederum auch mit Nikos ehemaliger Freundin Nura etwas am Laufen hat...

Klingt nach einer komplizierten Dreiergeschichte, stimmt auch, macht nichts. Es gibt außerdem noch einige Themen mehr, die Heckler in diesem Roman unterhaltsam gegeneinander schneidet. Eine Parallelgeschichte, die von der anders schwierigen Glückssuche eines traumatisierten Bodybuilders namens Franco erzählt, führt die Leser an Münchner Orte, die nicht jeder kennt: das abgeranzte Fitnessstudio "Ercan's Body Gym" im Schlachthofviertel zum Beispiel, wegen Gentrifizierung vom Verschwinden bedroht und mit allerlei Kunden, die man als gescheiterte Existenzen abhaken könnte. Man kann ihnen aber auch freundlichere Blicke zuwerfen; der Autor tut's. Insgesamt gelingt es ihm, den Münchner Zeitgeist in seiner Widersprüchlichkeit sehr gut einzufangen.

Außerdem wirft er noch ein paar interessierte Blicke in die Niederungen illegalen Tierhandels, und damit wären wir endlich wieder bei Ophelia angelangt. Der Humboldt-Pinguin, aus dem Tierpark Hellabrunn geklaut, soll weiterverscherbelt werden; Bodybuilder Franco, der nebenbei auch mit Tieren dealt, hat kurzfristig ein logistisches Problem. Und so parkt Ophelia kurzzeitig im Badezimmer einer Privatwohnung. Sie watschelt in einer unvergesslichen Szene zaghaft über die Fliesen des Bades. Sie reckt ihre Kehle, gibt schnarrende Laute von sich. "Ihr Blick sagt: Ich weiß doch auch nicht."

Frühlingsmix mit Bernhard Heckler u.a.: Mittwoch, 21. April, 20 Uhr, Literaturhaus-Stream

© SZ vom 19.04.2021
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