Geschäftsführer des Verbandes für Popkultur in Bayern:Standfest in den Wellen

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Geschäftsführer des Verbandes für Popkultur in Bayern: Einen Giganten für den Intendanten: Kulturschaffende aus Bayern dankten Bernd Schweinar für dessen Unterstützung in der Corona-Krise. Auf Initiative des Impressarios Wolfgang Ramadan überreichten sie dem Geschäftsführer des VPBy eine zwei Meter hohe Skulptur des Holzbildhauers Nikolaus Sanktjohanser.

Einen Giganten für den Intendanten: Kulturschaffende aus Bayern dankten Bernd Schweinar für dessen Unterstützung in der Corona-Krise. Auf Initiative des Impressarios Wolfgang Ramadan überreichten sie dem Geschäftsführer des VPBy eine zwei Meter hohe Skulptur des Holzbildhauers Nikolaus Sanktjohanser.

(Foto: Dieter Schnöpf/oh)

Bernd Schweinar ist seit 30 Jahren Bayerns offizieller "Rock-Intendant". In der Corona-Krise kämpft er auf breiter Front für alle freien Künstler, Veranstalter und Kultur-Profis.

Von Michael Zirnstein, Alteglofsheim

Zum 30-Jährigen als Bayerns Rock-Intendant gab es keine Feier für Bernd Schweinar. Auch die Gala zur Verleihung des Bayerischen Popkulturpreises im Münchner Feierwerk fiel wegen der "unermüdlichen Corona-Situation" aus. Für die noch viel länger unermüdliche Arbeit von Bernd Schweinar hätte dort die eine oder der andere Anwesende anerkennende Worte am Rednerpult verloren, Bayerns Kunstminister Bernd Sibler sicherlich. Langjährige Weggefährten, also Politiker, Veranstalter, Musiker, Journalisten, Verbandsmitglieder hätten ihm auf die Schulter geklopft, ihm gedankt. Schade drum, aber Schweinar, den Gastgeber, traf die Absage weniger wegen seiner selbst, sondern wegen der eigentlich an diesem Tag zu Ehrenden: Radio Buh, das Technofestival Klangtherapie, die Musikbühne Hirsch und ganz besonders die sich aufopfernde Truppe um die inklusive Kunst-Kultur-Kneipe Chili aus Dillingen. "Die hätten die Aufmerksamkeit wirklich gebrauchen können", sagt Schweinar, der Juryvorsitzende. Als Geschäftsführer des ausrichtenden Verbandes für Popkultur in Bayern (VPBy) will er jetzt aufwendige Videos drehen lassen, um die Preisträger ordentlich im Internet zu präsentieren.

Statt also zur Zeremonie nach München zu fahren, bleibt Bernd Schweinar in Alteglofsheim, um einen Reporter durch sein Schloss zu führen. Er sperrt den einstigen Frühstücksraum auf, der für sich selbst spricht: ein Barock-Juwel mit einem Deckenfresko von Cosmas Damian Asam, der sich darauf selbst verewigt hat mit einem Humpen Bier. Schweinar bemerkt dies belustigt, vielleicht auch ein bisschen stolz auf seinen schmucken Arbeitsplatz, Sitz des VPBy. Es sei gut, sagt er, dass der Freistaat kein Museum aus dem Schloss von 1240 gemacht habe. Für 55 Millionen Euro saniert, eröffnete es Kultusminister Hans Zehetmair im Jahr 2000 als Bayerische Musikakademie. Schweinar ist seit 2011 auch deren künstlerischer Leiter. 40 Teil- und Vollzeitkräfte sind hier beschäftigt, Rock-, Klassik-, Jazz-Musiker übernachten hier in 105 Betten, um zu lernen, zu üben, sich auszutauschen. "Abends treffen sich die Leute. Ein Melting Pot", sagt Schweinar, der selbst noch selten zum Country-spielen an der Pedal-Steel-Gitarre kommt. Aber: "Musik verbindet."

Normalerweise. Das erste Camp des neuen Jahrgangs von "By.On", dem Förderprogramm des Freistaats für angehende Pop-Profis, fiel gerade coronabedingt aus. Kein Kennenlernen möglich. Und auch um das "Wacken Music Camp" im Januar bangt Schweinar. Jung-Rocker zwischen 13 und 17 Jahren hätten hier eigentlich von Profis motiviert werden sollen, "Musik außerhalb des Musikschulunterrichts lebendig, mit Freude zu erfahren". In seinem Büro hängt gegenüber einem Udo-Lindenberg-Zitat ein Plakat vom Wacken-Camp aus dem Vorjahr. Durch seine Kontakte hat er Alteglofsheim zur Studien-Zweigstelle des legendären Heavy-Metal-Festivals in Norddeutschland gemacht. Hier in der Oberpfalz, geografisch und meteorologisch eigentlich schon Niederbayern, wie Schweinar sagt, soll die Musik brummen - wie in ganz Bayern auf dem Land. "Kultur in die Fläche bringen", das war immer sein Anliegen.

Kulturschaffende aus ganz Bayern haben ihm dafür im September ein Denkmal gesetzt: Wolfgang Ramadan, der wie einige wenige andere Konzertagenten die Provinz mit Kultur versorgt, dankte Schweinar für dessen Einsatz für die privaten Kulturprofis in der Corona-Krise mit einer zwei Meter hohen Holzskulptur. Dass das mit einer Kettensäge geschnitzte Trumm dem Geehrten kaum ähnlich sieht, dürfte den nicht stören. Mit dem Verewigen hat er es nicht so, wohl aber mit solch symbolträchtigen Aktionen und nachhaltigem Arbeiten. Jüngst hat er 350 Kommunen angeschrieben um abzufragen: "Wer zahlt überhaupt etwas aus dem Stadtsäckel für Popkultur, haben die das auf dem Schirm?" Fast zwei Drittel offenbar nicht. "Gerade bei den kleinen Gemeinden wäre also was zu tun. Da müssten wir eine Förderung aufstellen."

Das soll nun nicht bedeuten, Schweinar habe keinen Draht in die Zentralen der Macht. In Berlin ist er durch den Musikspielstätten-Bundesverband Livekomm vernetzt. Und in der bayerischen Staatskanzlei ging kein Funktionsträger aus der Kultur in den vergangenen zwei Jahren so viel ein und aus wie Schweinar. Seine Telefonleitung zum Kunstminister Sibler ist - von Bernd zu Bernd - kurz. Als es wegen der Pandemie überall brannte, entwickelte sich der Rockintendant zum Feuerwehrhauptmann vor allem der privaten Event-Welt. Er machte der Staatsregierung deutlich: "Was ist erforderlich in der notleidenden Branche zum Überleben?" Seiner Auffassung nach kannte man im Team Söder und in der Verwaltung die Freie Szene kaum, "nicht die Player, die Zustände, die Lebensbedingungen, und nicht, dass die mehr Publikum generiert als die Hochkultur".

Schweinar musste also erst aufklären, und dann eingreifen. Statt wie zunächst erwogen ein langatmiges Volksbegehren anzuzetteln, wollte er in Dialog treten und mobilisierte bekannte Mitstreiter. Weil sich kaum Musiker dazu aufrafften, was ihn durchaus enttäuschte, zog er vor allem mit Kabarettisten wie Wolfgang Krebs, Hannes Ringlstetter, Helmut Schleich und Luise Kinseher Richtung Staatskanzlei. "Ohne die Promis hätte ich den Arsch ziemlich weit unten gehabt", räumt er ein, "ich bin denen allen sehr dankbar: Die Fernsehnasen haben ihre mediale Macht eingesetzt, um den Namenlosen zu helfen." Hannes Ringlstetter etwa wusste, dass die Mächtigen durchaus "Schiss haben" vor seinesgleichen samt Fans, und so bekam die Delegation binnen einer Woche nach einem ersten öffentlichen Appell einen Termin bei Söder. Zum Ministerpräsidenten habe ihm Wolfgang Krebs Vertrauen aufgebaut, der viele Politiker von seinen Imitationen her kennt: "Er hat ihm gesagt, ich sei ein Konstruktiver, kein Fundamentalist. Ich wurde dort nie als rebellisch wahrgenommen."

Das ist insofern bemerkenswert, da der Fantasie-Titel "Rock-Intendant" einst als Kampfbegriff der Gegenkultur gedacht war (der allerdings offiziell wurde, als Edmund Stoiber ihn einmal als "Sehr geehrter Herr Rock-Intendant..." anschrieb). Auf Druck dieser Szene, die selber in einem Verband mit staatlich garantiertem Budget künstlerische Entscheidungen treffen wollte, wollte Kultusminister Zehetmair damals eine feste Stelle für Rock und Pop installieren. Da gab es bereits bayernweit Selbsthilfevereine von Musikern wie die Musikzentrale Nürnberg oder das Feierwerk in München. Keiner wollte den Posten den anderen überlassen, man fetzte sich, und folgte, als nichts weiterging, dem Ruf eines gut vernetzten Nebenerwerbs-Journalisten aus Teugn nahe Alteglofsheim: Bernd Schweinar. "Kocht's runter", sagte der, und lud alle zum Reden in seinen Garten ein. Am Ende fragten sie ihn.

Der gelernte Groß- und Einzelhandelskaufmann Schweinar arbeitete seit 16 Jahren als Logistik-Disponent, also als Improvisationskünstler. Die Aufgabe, etwas in der geliebten Kultur zu machen, reizte ihn. Er kannte als Rockreporter jeden, die Veranstalter wie die Künstler, er war mit einer texanischen Band in den USA auf Tour gewesen, machte mal für den BR die "Rock-Lok", fotografierte beim Haindling-Konzert hinter der Bühne Fürstin Gloria mit Kindern. Er solle ein Buch über die Zeit schreiben, riet ihm jüngst sein Verbandskollege Peter Harasim, der ihm einst mal Hausverbot in seinem Club erteilt hatte, als Schweinar ein Album des Liedermachers Georg Danzer vor dem Konzert verrissen hatte. Aber Schweinar arbeitet sein riesiges Fotoarchiv lieber Bild für Bild, Jahr für Jahr (derzeit 1986) mit anekdotischen Posts auf Facebook auf.

Jedenfalls machte er sein Hobby, die Kultur, Ende 1991 zum Hauptberuf - mit Projektmitteln für eineinhalb Jahre und dem Auftrag, als Geschäftsführer des Verbandes für Popkultur in Bayern "Strukturen aufzubauen und Drittmittel einzuwerben". Letzteres gelang phänomenal: Den Marketing-Chef der Raiffeisenbank überredete er bei einem Reinhard-Fendrich-Konzert, 300000 Euro für ein Schülerband-Festival in 51 Landkreisen locker zu machen. Bei der Allianzversicherung holte er sich vom Stehtisch weg 1,5 Millionen für bundesweite Nachwuchsprojekte mit Auftritten für 600 Bands samt CDs und schickem Magazin mit Hunderttausender-Auflage. "Mit öffentlichen Mitteln und ehrenamtlicher Arbeit wäre das nicht zu stemmen gewesen", sagt er. Nach dem Terror von September 2001 war dann aber aus den Werbeetats nichts mehr zu holen. Momentan backt er mit immerhin 420000 Euro staatlicher Förderung wieder "kleinere Brötchen", etwa mit bei der von ihm angestoßenen Workshop-Serie "Go Professional", in der Schweinar auch über die Gema-Verträge doziert.

In der Pandemie wirkte der Intendant weit über Rock und Pop hinaus, natürlich gemeinsam mit Vertretern anderer Kulturverbände. Aber er war am drängendsten, sprach und widersprach in den Beirats-Sitzungen und auf Facebook derart vehement und kundig beim Aushandeln von Spielstättennothilfe und Unterstützung für Künstler, Veranstalter und Bühnentechniker, dass Söder einmal an seine Adresse gewandt forderte: "Dann soll das halt der Klassensprecher der Kultur machen." Das passt gut, denn auch in Anbetracht von Obrigkeiten wie Söder, Sibler und Aiwanger knickt Schweinar nie ein. Einmal unterbrach er sogar - "unbedachterweise", findet er heute - Söder, den er "als sehr kulturinteressierten Menschen kennengelernt" habe, in dessen Schlusswort, als ihm dessen Zusammenfassung der Sitzungsergebnisse nicht passte. "Vollkommen angstfrei bin ich nicht", sagt Schweinar, "ich wäge das Risiko schon ab. Aber ich habe immer noch einen Trumpf im Ärmel."

So sieht das auch sein Mitstreiter Wolfgang Krebs. Er hat Schweinar erst im gemeinsamen Kampf in der Krise kennengelernt, und zwar "als Bollwerk für die Kultur". In den vom Rock-Intendanten moderierten Arbeitsgruppen sei "der Bernd für alle ein Gesprächstherapeut" gewesen", sagt der Kabarettist, "wir konnten uns in den Zoommeetings den Schmerz von der Seele reden". Bei den Sitzungen in der Staatskanzlei habe ihn Schweinar dann immer alles Nötige eingeflüstert "wie ein Fachminister". Jedenfalls sei man ohne Schweinars "großes Fachwissen" und "seine profunde Kenntnis der Details aber auch der Schwierigkeiten bei der Umsetzung" nicht da, wo man heute ist. Er habe "mit viel Herzblut und großem Engagement und Vehemenz sehr dazu beigetragen, dass in Bayern die Künstlerhilfen besser ausgefallen sind als in anderen Bundesländern", sagt Krebs. Dass das wie eine Laudatio klingt, ist beabsichtigt: "Bernd Schweinar hat sich hier große Verdienste für die Kunst und Kultur in Bayern erworben. Man müsste ihn mit höchsten Weihen ausstatten." Und das bald, denn in zwei, drei Jahren möchte Schweinar als Rock-Intendant in Rente gehen.

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