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Berliner Modell:Ein Drittel Quereinsteiger

Schulen - Lehrer

Der Weg ins Lehrerzimmer steht in Berlin vielen offen. Es gibt in der Stadt viel zu wenig ausgebildete Pädagogen.

(Foto: dpa)

In der Hauptstadt werden als Lehrer auch Bewerber unbefristet eingestellt, die vorher einen anderen Job hatten

Von Verena Mayer, Berlin

Unterrichtet werden von Lehrern, die gar keine Lehrer sind? In Berlin ist das eher die Regel als die Ausnahme: Denn ein gutes Drittel der Leute, die in der Hauptstadt vorne im Klassenzimmer stehen, haben mit Schule eigentlich nichts zu tun. Viele sind aus dem Wissenschaftsbereich gewechselt, andere haben Erfahrung als Trainer gesammelt, die meisten sind "nicht blutjung", sagt Matthias Jähne vom Berliner Landesverband der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). So waren unter den 1900 Lehrern, die zum vergangenen Sommer eingestellt wurden, fast 700 nicht als Lehrer ausgebildet.

Wie viele Bundesländer leidet Berlin seit Jahren unter Lehrermangel, wobei in der Hauptstadt dazukommt, dass jedes Jahr Zehntausende zuziehen, viele mit schulpflichtigen Kindern. Überall in der Stadt fehlt es inzwischen an Gebäuden und Personal, besonders schlimm ist es an den Grundschulen. Wer als Quereinsteiger in den Schuldienst will, hat es in Berlin deswegen verhältnismäßig leicht. Man wird sofort unbefristet angestellt und voll bezahlt, man muss nur eines der Mangelfächer studiert haben, derzeit sind das Mathematik, Physik, Informatik, Chemie, Musik, Sonderpädagogik und Sport. An den Grundschulen gelten zudem Sachkunde und Englisch als Mangelfächer. Danach muss man parallel zum Unterricht ein Referendariat absolvieren. Und alle Quereinsteiger, die nur ein Fach studiert haben, müssen berufsbegleitend ein zweites nachholen.

Das sei zwar nicht unanstrengend, sagt Jähne, dennoch breche nur ein kleiner Teil der Quereinsteiger die neue Laufbahn wieder ab. Die meisten wüssten, worauf sie sich einlassen, und seien vor allem "stark motiviert", mit Kindern und Jugendlichen zu arbeiten. Die Info-Veranstaltungen, bei denen sich Schulen und Bewerber beschnuppern, seien jedes Mal gut besucht, erzählt Jähne, wobei manche auch nur in den Schuldienst wechseln wollen, weil sie sonst keine Jobs finden. "Da kommen dann auch Leute, die europäische Ethnologie oder Architektur studiert haben."

Das Berliner Modell des Durchwurstelns funktioniert zwar, ideal ist es aber nicht. Denn die Quereinsteiger einzuarbeiten, ist aufwendig für die Schulen, die durch Ausfälle und Krankenstände ohnehin schon am Limit sind. Und für die pädagogischen Seiteneinsteiger selbst ist der neue Alltag aus Unterricht, Vorbereitung, Seminaren und Elternabenden auch nicht immer einfach. "Wer vorher mit Schule nichts am Hut hatte, findet das erst mal hart", weiß Jähne. Berlin will deswegen nun wieder mehr Lehrer ausbilden, die Studienplätze für Lehramtsstudenten wurden zuletzt aufgestockt. Auch versucht die Bildungsverwaltung der Stadt, Lehrer aus Österreich, den Niederlanden und Polen für den Schuldienst zu gewinnen.

© SZ vom 06.03.2017
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