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Berg am Laim:"Wo sollen die Leute wohnen?"

Auf dem ehemaligen Zündapp-Gelände wollte ein Investor 515 Wohnungen bauen. Nun setzt man auf dem Areal nur noch auf Gewerbe. Der Bezirksausschuss kritisiert die Kehrtwende scharf und hofft noch auf ein Umdenken

Von Ilona Gerdom, Berg am Laim

Überall in München gibt es das gleiche Problem: zu wenig Wohnraum. Auch in Berg am Laim kennt man das gut. Doch dort sollen nun statt eigentlich geplanter Wohnungen Büros entstehen. An der Anzinger Straße 23 und 29 in Berg am Laim, auch bekannt als ehemaliges Zündapp-Gelände, herrscht schon jetzt Baustellen-Flair. Noch wird auf den Grundstücken der Firma Siebengebirge, die zur Pandion Gruppe gehört, nicht gebaut, sondern abgerissen. Eigentlich hatte die Eigentümerin vor gehabt, dort 515 Wohnungen zu bauen. Weil durch den benachbarten Betrieb Qualcomm Emissionen entstehen, kam man davon ab und plante im östlichen Karree Büros. Die Zahl der Wohnungen schrumpfte daraufhin auf 360. Jetzt jedoch hat Siebengebirge laut Planungsreferat von den "ursprünglichen Planungen Abstand genommen" und "beabsichtigt nun auf dem gesamten Areal Gewerbenutzung".

Daher sollen sowohl Einleitungs- und Aufstellungsbeschluss als auch Billigungsbeschluss aufgehoben werden. Im Hause Pandion möchte man sich aktuell nicht zum Kurswechsel äußern. Das Planungsreferat gibt indes an, dass sich die Projektgesellschaft wegen "verbleibender Rechts- und Realisierungsrisiken" umentschieden habe. In einem letzten Treffen habe man von städtischer Seite zwar erneut deutlich gemacht, dass man "mit Entschlossenheit hinter dem Bebauungsplan mit anteiliger Wohnnutzung steht". Doch auch das konnte die Grundeigentümerin nicht überzeugen.

"Wir haben es bis zuletzt versucht", sagt Ingo Trömer, Pressesprecher des Planungsreferats. Aber ein vorhabenbezogener Bebauungsplan könne nun mal nicht ohne Antrag der Vorhabenträgerin durchgeführt werden. Gerade in Bezug auf das angrenzende Gewerbe von Qualcomm habe das Planungsreferat die Grundeigentümer jedoch unterstützt und sich um aktive Vermittlung bemüht. Immissionsschutzrechtliche Fragen standen dabei im Mittelpunkt. Denn der Betrieb hat Einfluss auf die Nachbarschaft. Auf drei Stockwerken stellen 1500 Angestellte Halbleiter und Funktransmitter her. Für Anwohner äußert sich das in Lärm durch die Lüftung, die Tag und Nacht läuft, und Geruch aufgrund von Lösungsmitteln.

Zwar konnte man sich nicht auf eine Nachbarschaftsvereinbarung einigen, doch Ulrich Bauernschmitt, Vice President Operations bei Qualcomm, sagt: "Nach unserem letzten Kenntnisstand ist eine Wohnbebauung von unserer Seite aus möglich." Aus Arbeitgebersicht sei Wohnraum zudem wünschenswert. Überhaupt sei man dialogbereit.

Im Bezirksausschuss Berg am Laim löste die Aussicht auf Gewerbe statt Wohnraum Verärgerung aus. So bezeichnete Fabian Ewald (CSU) das Ganze als "Kracher aus dem Planungsreferat". Auch weil das Areal an der Anzinger Straße durch einen Flächennutzungsplan als allgemeines Wohngebiet ausgewiesen ist. Wie es sein kann, dass dort trotzdem Büros entstehen dürfen, kann man sich im BA nicht erklären. Laut Planungsreferat ist der Flächennutzungsplan für die rechtliche Beurteilung aber nicht relevant. Ob man diesen ändern müsse, sei noch nicht abschließend entschieden.

Kritisch sieht man im BA vor allem das Vorgehen der Verwaltung. CSU-Fraktionssprecher Johann Kott merkte an: "Als Stadt hat man das letzte Wort." Die drängende Frage, die mit dem Rückzug von Siebengebirge entsteht, stellte schließlich BA-Chef Alexander Friedrich (SPD): "Wenn immer mehr Büros entstehen, wo sollen die Leute wohnen?" Deshalb steht das Gremium dem Entwurf ablehnend gegenüber. Stattdessen will man alle Beteiligten an einen Tisch bringen und eine Lösung für einen Bebauungsplan finden, der Wohnungen beinhaltet.

Die Stellungnahme der Lokalpolitiker wird in die Beschlussvorlage einfließen. Letztlich entscheidet aber der Stadtrat über das weitere Vorgehen.

© SZ vom 15.09.2020

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