"Baum 20":Wo das soziale Miteinander kein Selbstläufer ist

Lesezeit: 4 min

"Baum 20": Ein Ort zum Ratschen, Planen, Spielen: der Nachbarschaftstreff "Baum 20" an der Baumkirchner Straße 20 in Berg am Laim.

Ein Ort zum Ratschen, Planen, Spielen: der Nachbarschaftstreff "Baum 20" an der Baumkirchner Straße 20 in Berg am Laim.

(Foto: Stephan Rumpf)

Der Nachbarschaftstreff an der Baumkirchner Straße in Berg am Laim ist der jüngste der Stadt. Am "Wunschbaum" sucht Leiter Mathias Brandstätter noch nach einem Profil - denn jeder der münchenweit insgesamt 54 Treffpunkte ist ein Abbild seines Viertels.

Von Franziska Gerlach

Der ältere Herr, der an diesem grauen Nachmittag vor dem großen Schaufenster an der Baumkirchner Straße 20 stehen geblieben ist, klopft sich eine Zigarette aus dem Päckchen. Er ist mit jemandem ins Gespräch gekommen, und das könnte sich zu einem von jener Sorte entwickeln, die schon mal eine Zigarettenlänge dauern. Es geht um den Stadtteil, um Berg am Laim, das früher "so ländlich schön" gewesen sei, um die einfachen Häuser und die zünftige Wirtschaft, die es in der Gegend gab. Ein Gespräch, wie man es gerne mit dem Nachbarn führt, spontan, ungezwungen, nah. Nur dass der Nachbar in diesem Fall nicht nebenan wohnt. Es handelt sich um Mathias Brandstätter, den Leiter des neuen Nachbarschaftstreffs "Baum 20" - der mittlerweile vierte Nachbarschaftstreff, den der Träger MAGs (Münchner Aktionswerkstatt Gesundheit) in Berg am Laim betreibt.

Die Situation mit dem älteren Herren sei typisch gewesen, wird Brandstätter später sagen, als er drinnen an einem der kreisförmig aufgestellten Tische sitzt und von seiner Arbeit erzählt. Als Leiter des Ende November eröffneten Nachbarschaftstreffs sorgt er dafür, dass sich der große, helle Raum an der Baumkirchner Straße mit Aktivitäten füllt, so gut das in diesen kontaktarmen Corona-Zeiten eben geht. Dafür muss er auf die Leute im Viertel zugehen, damit sie von dem neuen, städtisch finanzierten Nachbarschaftstreff erfahren. Er muss ihnen zuhören, ihre Wünsche und Bedürfnisse erfragen. Und er muss die Menschen zusammenbringen. "Das ist der Sinn eines Nachbarschaftstreffs: dass sich die Leute kennenlernen, sich treffen und vernetzen", sagt Brandstätter.

"Baum 20": Mathias Brandstätter muss Leben in die Räume bringen und die Nachbarn aktiv ansprechen.

Mathias Brandstätter muss Leben in die Räume bringen und die Nachbarn aktiv ansprechen.

(Foto: Stephan Rumpf)

Seit fast 30 Jahren lebt er in Berg am Laim, er ist Mitglied im Trägerverein "Kulturbürgerhaus Berg am Laim" und engagiert sich in der evangelischen Kirchengemeinde "Sophie Scholl". Und wenn er durchs Viertel geht, von A nach B, dann treffe er jedes Mal "zwei, drei Leute", mit denen er sich kurz unterhalte. Der 61-Jährige hat Physik studiert, erzählt aber geradeheraus von "ein paar Brüchen" in seinem Leben, und dass nun die Zeit für etwas Neues gekommen sei.

Das "Baum 20" selbst dagegen ist nicht ganz neu, in den vergangenen Jahren wurden die rund 50 Quadratmeter plus Küche und Büro an der Baumkirchner Straße im Zuge des Förderprogramms "Soziale Stadt" bereits als "Stadtteilladen" genutzt, der denselben Namen trug wie jetzt der Nachbarschaftstreff. Eine Kapelle traf sich hier etwa, es gab einen Handarbeitstreff und einen Italienisch-Kurs. Über seine Arbeit für das Kulturbürgerhaus war die Fläche an der Baumkirchner Straße auch Brandstätter schon lange vertraut. Nun kommt es darauf an, den Schritt von einer reinen Nutzung des Raumes hin zum Konzept des Nachbarschaftstreffs zu vollziehen - einem Konzept, dessen Motor das ehrenamtliche Engagement der Menschen im Stadtteil ist. Diesen Motor am Laufen zu halten, das ist Brandstätters Aufgabe als Leiter.

Die Treffpunkte entstanden einst aus Notunterkünften heraus

Das Motto sei "Aus dem Quartier für das Quartier", sagt Yvonne Rips, beim städtischen Amt für Wohnen und Migration für den Fachbereich Angebote im Sozialraum zuständig. Ende der Neunzigerjahre entstanden in München die ersten Nachbarschaftstreffs aus den städtischen Notunterkünften heraus, in Ramersdorf, Milbertshofen oder im Hasenbergl zum Beispiel. Orte, an denen soziales Miteinander kein Selbstläufer war. Die direkter, leicht zugänglicher Unterstützung bedurften. Mittlerweile gibt es 54 Nachbarschaftstreffs in der Stadt, in manchen wird gekocht, in anderen gibt es Krabbelgruppen, im nächsten Sportangebote, der übernächste überrascht mit einem vielfältigen Kulturprogramm.

Jeder Treff ist anders, ein Abbild des Viertels, aus dem er erwachsen ist. Pandemiebedingt wurden zwar auch in diesem Jahr viele Kurse abgesagt - oder das Angebot ins Internet verlegt. Die "Beratungen" der Nachbarschaftstreffs, die den Stadtteilbewohnern als Anlaufstelle bei Problemen jedweder Art dienen, seien bislang abgehalten worden, und sei es vor der Türe oder durch das Fenster hindurch, berichtet Rips. Im zweiten Lockdown sei außerdem die Idee aufgekommen, die verwaisten Räume zu "stillen Büros" umzufunktionieren: Für Münchner, denen im Homeoffice die Decke auf den Kopf fällt. Oder für Schüler, die in Ruhe lernen möchten.

Auch in Berg am Laim finden die "offenen Sprechstunden" regelmäßig statt - jeden Freitagvormittag geht es etwa um "Bewegungsangebote", ein wichtiges Thema beim Träger MAGs (Münchner Aktionswerkstatt Gesundheit). Und zumindest gedanklich füllt sich das "Baum 20" zunehmend mit Ideen: Historische Stadtteilführungen schweben Brandstätter vor, aber auch Angebote zu Umweltschutz und Nachhaltigkeit, vielleicht ein Graffiti-Workshop für die Jugend.

An Ideen fehlt es nicht, es gibt eigens einen "Wunschbaum"

Der Leiter des Nachbarschaftstreffs tritt hinaus in den frühen Winterabend, mit hochgezogenen Schultern steht er auf der Baumkirchner Straße, es ist kalt ohne Jacke. Dennoch will er noch den "Wunschbaum" herzeigen, den er ins Schaufenster geklebt hat. Auf der rechten Seite hängen die gewünschten Angebote, links die Vorschläge von Leuten, die sich ehrenamtlich einbringen möchten: Karten spielen steht da, Sitzyoga, Jonglieren für Senioren, Malkurse, Meditation, Kurzgeschichten vortragen. Was vergessen? Ach ja, die Ausstellung chinesischer Kalligraphien und antiker Holzschnitzereien, die noch bis zum 31. Dezember zu sehen ist. Rudolf Henseli heißt der Künstler und Architekt aus Berg am Laim. Er hat 15 Jahre in China gelebt, im "Baum 20" will er bald einen Workshop abhalten, bei dem junge Menschen ihre Visionen zum Thema Wohnen entfalten dürfen. Noch so einer, mit dem Brandstätter mal ins Gespräch gekommen ist.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB