Berg am Laim:Einfache Erklärungen

Leichte Sprache ist ursprünglich für kognitiv eingeschränkte Menschen gedacht. Heute wollen Lokalpolitiker sie nutzen, um mehr Münchner am politischen Leben teilhaben zu lassen. Das bringt Probleme mit sich

Von Lea Kramer, Berg am Laim

"Das Corona-Virus ist gefährlich. Das Corona-Virus soll nicht weiter übertragen werden. Deshalb gibt es neue wichtige Regeln." So lautet ein Auszug aus den Informationen über das Coronavirus auf der Internetseite der Stadt München. Der Text ist verfasst in sogenannter leichter Sprache, einer speziell geregelten Form der deutschen Sprache. Sie soll Menschen mit Einschränkungen mehr Teilhabe ermöglichen. Deshalb fordern auch immer mehr Münchner Stadtteilgremien, dass Formulare und Antragstexte in diese Sprachform übersetzt werden. Nicht alle Sprachwissenschaftler halten das für den richtigen Weg zur Barrierefreiheit.

In Berg am Laim stellt sich der Bezirksausschuss (BA) vor, dass der Internetauftritt des Gremiums in leichte Sprache übersetzt wird. In Obergiesing-Fasanengarten hat die SPD vorgeschlagen, Bürgerversammlungen unter anderem durch Vorabinformationen in leichter Sprache und Braille-Schrift inklusiver zu machen. Die Maxvorstädter wünschen sich, dass BA-Antragsformulare, Zuwendungsschreiben oder Bewilligungsbedingungen künftig in leichter Sprache zur Verfügung gestellt werden, um so für alle Bevölkerungsgruppen einen niederschwelligen Zugang zu Informationen aus der Stadtverwaltung zu schaffen. Aus Schwabing-Freimann stammt der Vorschlag, alle Informationstexte, die auf den Webseiten der Stadt veröffentlich werden, zusätzlich in leichter Sprache zur Verfügung zu stellen.

All diese Vorstöße sind in den vergangenen sechs Monaten aus den Stadtbezirken mit mal mehr, mal weniger Nachdruck an die Verwaltung herangetragen worden. Zugrunde liegt ihnen der Wille, möglichst viele Münchner am politischen Leben in der Stadt teilhaben zu lassen. Darüberhinaus sind öffentliche Stellen mit den Änderungen am Behindertengleichstellungsgesetz (BGG) verpflichtet, ihre Internetangebote barrierefrei zur Verfügung zu stellen. Zusätzlich ist Deutschland mit der Unterzeichnung der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) aufgefordert, geeignete Maßnahmen zu treffen, um behinderten Menschen den Zugang zu Information und barrierefreier Kommunikation zu gewährleisten. Das heißt nicht, dass überall leichte Sprache zum Einsatz kommen muss. Eine Webseite kann etwa für blinde Menschen barrierefrei gestaltet werden, indem Bilder oder Formulare textlich beschrieben sind. So kann sich der Nutzer die Seite von einem Programm vorlesen lassen.

Andrang bei Sachsens Sprachschulen

Auch Deutsch als Fremdsprache wird inzwischen in leichter Sprache unterrichtet. "Man kann nicht alle inkludieren, indem man die niedrigste Sprachform für alle ansetzt", kritisiert aber die Sprachwissenschaftlerin Stefanie Stricker.

(Foto: Waltraud Grubitzsch/dpa)

Die Stadt hat sich bereits vor einigen Jahren zum Ziel gesetzt, es Menschen mit Behinderung zu ermöglichen, gleichberechtigt am Leben in München teilzuhaben. Dafür hat sie das Koordinierungsbüro zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention gegründet, das im Sozialreferat angesiedelt ist. Wie steht man dort dem Vorschlag gegenüber, etwa Budget-Formulare in leichte Sprache zu übersetzen? "Der Wunsch ist nachvollziehbar", sagt Boris Kuhn, Leiter des Koordinierungsbüros. Viele Formular-Texte seien aber aus juristischen Gründen so komplex formuliert und könnten deshalb nicht beliebig gekürzt und umgeschrieben werden. "In solchen Fällen ist es nötig, sie im Gespräch zu erklären", sagt er. Menschen mit Lernschwierigkeiten, für die die leichte Sprache ursprünglich entwickelt wurde, könnten oftmals überhaupt nicht lesen. "Geschriebene leichte Sprache nutzt ihnen also nichts. Für sie werden Audio-Formate oder mündliche Erklärungen benötigt," so Kuhn. Leichte Sprache sei ein Hilfsmittel, das eben auch an Grenzen stoße. Wenn zum Beispiel lange Texte stark gekürzt und vereinfacht werden müssten, um sie lesbar zu machen, könne es passieren, dass Informationen verloren gingen. "Allgemein gilt: Sprache kann einbeziehen und Sprache kann ausgrenzen", sagt er.

Kritik am zunehmenden Einsatz von leichter Sprache kommt aus der Sprachwissenschaft. Stefanie Stricker ist Professorin am Lehrstuhl für Deutsche Sprachwissenschaft an der Otto-Friedrich-Universität in Bamberg. Sie untersucht in einem Forschungsprojekt, welchen Einfluss die Verwendung von leichter Sprache auf die normale Sprache hat. "Es ist ein Riesenproblem, dass etwas, das für kognitiv eingeschränkte Menschen entwickelt worden ist, auf andere Menschen übergestülpt wird, etwa jene, die einen Migrationshintergrund haben oder eine geringere Bildung", sagt sie.

Ihre Untersuchungen zeigen, dass die leichte Sprache in die Domänen der Standardsprache eindringe. Das gehe so weit, dass sie von Lehrenden im Ausland verwendet werde, um Schülern Deutsch als Fremdsprache beizubringen. "Diese Menschen könnten ja komplexe Satzgefüge und schwierige Vokabeln verstehen, nur sie werden ihnen nicht vermittelt", sagt Stricker. Würden die Menschen im Alltag nur mit leichter Sprache konfrontiert, könne das auch zum Ausschluss führen - zum Beispiel von normaler Lektüre. "Man kann nicht alle inkludieren, indem man die niedrigste Sprachform für alle ansetzt", sagt sie. Stricker plädiert dafür, Wahlunterlagen oder komplexe Informationen von öffentlichen Stellen zu vereinfachen, aber nicht dem festen Regelwerk der leichten Sprache zu unterwerfen.

Unter der Rubrik "München gut verständlich" hat das Rathaus viele Informationen zum Beispiel zum "Geburten-" oder "Sterbe-Büro" in leichter Sprache bereitgestellt. Dort steht, wie man Kontakt mit seinem Bezirksausschuss aufnimmt. "Sie können einen Brief schreiben. Oder eine E-Mail," heißt es dort. An welche Geschäftsstelle er adressiert werden muss? "Das kommt darauf an: Wo Sie wohnen. In welchem Stadt-Teil." Weiterführende Informationen zu den Bezirksausschüssen und ihren Aufgaben in leichter Sprache seien derzeit in Arbeit, sagt eine Sprecherin des Presse- und Informationsamts. Bei den Budget-Anträgen suche man neben vereinfachten Formularen auch nach anderen Wegen, wie der Zugang erleichtert werden könne, "etwa durch digitale Lösungen mit verständlicher und intuitiver Menüführung".

In den Antworten an die Bezirksausschüsse beschreibt die Stadtverwaltung noch ein weiteres Problem: Personalmangel. Es gebe die Möglichkeit für BA-Mitglieder, an Fortbildungen teilzunehmen, um ihre Inhalte selbst in leichter Sprache zu formulieren. Für eine "weitergehende Unterstützung" der Bezirksausschüsse bei der Übersetzung ihrer Internetseiten stünden derzeit "vor dem Hintergrund der aktuellen Sparvorgaben des Stadtrates aufgrund der Corona-Pandemie" keine Ressourcen zur Verfügung, heißt in der Antwort auf den BA-Antrag aus Berg am Laim.

© SZ vom 28.07.2021
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB