Berg am Laim:Die heiß begehrte Wiese

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Der ESV München-Ost braucht dringend ein neues Kunstrasenfeld. Die Baugenehmigung hat er, das Grundstück fehlt ihm. In Frage kommt die Grünfläche bei der Kfz-Verwahrstelle, für die es aber noch andere Interessenten gibt

Von Lea Kramer, Berg am Laim

Das Gras wächst hüfthoch auf der Wiese. Im hinteren Teil des Geländes weiden Pferde, an einer Seite versteckt fliegen Bienen in ihre Stöcke. Die Wiese am nordöstlichen Rand von Berg am Laim gleich neben der Kfz-Verwahrstelle - dem Ort, an den die Polizei falsch geparkte Autos abschleppen lässt - wirkt auf den ersten Blick unspektakulär. Dabei hängt die Zukunft kleiner, mittlerer und ganz großer Institutionen an der Grünfläche. Gerade hat sich für eine mittlere eine neue Chance dort ergeben.

Seit klar ist, dass auf dem Acker an der Truderinger Straße Wohnungen gebaut werden, ist der Eisenbahner-Sportverein München-Ost (ESV) in Bedrängnis, denn der Pachtvertrag für seinen Bolzplatz neben der landwirtschaftlichen Fläche läuft im August aus. Ein Ersatz für den Platz, auf dem vorwiegend die Junioren-Mannschaften trainieren, war lange nicht gesichert. Doch nun scheint sich eine langfristige Lösung abzuzeichnen. Anfang Juni habe die Lokalbaukommission "die Errichtung eines Fußballfeldes sowie den Neubau eines Nebengebäudes an der Thomas-Hauser-Straße genehmigt", heißt es aus dem Referat für Stadtplanung und Bauordnung.

Die Pläne hatte der ESV bereits vor zwei Jahren eingereicht, um "rechtzeitig den Finger gehoben" zu haben, wie ESV-Bauvorstand Josef Koch angesichts der vielen Interessenten, die einen Blick auf das Grundstück geworfen hatten, damals sagte. Details zu den Planungen will der frühere SPD-Lokalpolitiker, der 22 Jahre dem Bezirksausschuss Berg am Laim vorstand, nicht nennen. Auch ESV-Geschäftsführer Michael Mössinger ist zurückhaltend. Der ESV sei in intensiven Gesprächen mit der Stadt zur Realisierung, "es sind aber noch ausführliche Gespräche mit den Nachbareigentümern des Geländes zu führen", sagt er. Die Zurückhaltung könnte auch daran liegen, dass die Verhältnisse auf dem Grundstück alles andere als geklärt sind.

Blick Richtung Westen zum SZ-Turm: Die Wiese an den Bahngleisen gehört der Stadt. Ein Teil ist an die Pädagogische Farm vermietet und wird als Weide genutzt. (Foto: Alessandra Schellnegger)

Obwohl der ESV die Baugenehmigung für einen neuen Kunstrasenplatz mitsamt Gebäude für die Umkleiden in der Tasche hat, fehlt ihm das Grundstück selbst. Die Wiese ist nämlich im Besitz der Stadt, und die teilt mit, dass sie diese dem Sportverein bislang weder verpachtet noch überlassen habe. Ein Teilstück davon sei "anderweitig vermietet", heißt es aus dem Kommunalreferat, das die Immobilien der Stadt München verwaltet.

Da kommt die kleinste Institution ins Spiel, die mit dem Grundstück zu tun hat: die Pädagogische Farm von Peter Ruch. Er ist mit seinen Ponys, Kaninchen, Hühnern und anderem Kleinvieh vor gut zehn Jahren aus Trudering nach Berg am Laim gezogen. Die Wiese gegenüber seiner Farm nutzt er als Weide. Grundsätzlich sehe er durch den Neubau des Sportplatzes keine Gefahr für das Fortbestehen seiner Einrichtung - "wenn mehrere kleine Restflächen um den Sportplatz und die neue Bahntrasse herum für die Beweidung zur Verfügung stehen", sagt er. Wichtig ist ihm, dass die Wasserversorgung auf den Weiden geklärt ist. Er könne sich auch eine inhaltliche Zusammenarbeit mit dem Verein vorstellen.

Bis dahin kann noch etwas Zeit vergehen. Eine Baugenehmigung ist in Bayern vier Jahre lang gültig, sofern noch nicht mit dem Bauen begonnen worden ist. Zudem kann sie bis zu zwei Jahre verlängert werden. Im Referat für Bildung Sport (RBS) werde geprüft, ob die Fläche im Erbbaurecht an den Verein übertragen werden könne. "Das RBS, Geschäftsbereich Sport, unterstützt das Vorhaben", sagt ein Sprecher. Eine finanzielle Förderung der Stadt stehe jedoch unter dem Vorbehalt eines entsprechenden Stadtratsbeschlusses.

Wo genau auf die Wiese der Sportplatz kommt, hängt mit den Planungen eines anderen Akteurs zusammen - des großen mit den internationalen Interessen. Die DB Netz AG plant dort nämlich eine Verbindungskurve, die den Eisenbahnverkehr im Münchner Osten verbessern und den Bahn-Südring entlasten soll.

Die sogenannte Truderinger Kurve ist Teil der Ausbaustrecke München-Mühldorf-Freilassing und damit ein Zulauf für den Brenner-Basistunnel zwischen Österreich und Italien. Geplant ist, dass auf der Wiese oberirdisch ein neues Gleis gebaut wird, das die Bahnhöfe Trudering und Riem verbindet. Die Kurve bekommt eine Neigung, die zulässt, dass Züge sie mit Geschwindigkeiten von bis zu 80 Stundenkilometern durchfahren können. Das ermögliche eine "effizientere Logistik", heißt es von der Bahn. Für die von der Bahn favorisierte Variante müsste an der Thomas-Hauser-Straße eine zweite Bahnunterführung gebaut werden. Eine weitere würde hinter der Kfz-Verwahrstelle entstehen.

Kritisch sehen das Bahnprojekt vor allem die Anwohner, denn die Truderinger Kurve steht im Zusammenhang mit weiteren Infrastrukturprojekten der Bahn in Daglfing, Trudering und Englschalking. An der Grenze der drei Stadtbezirke Berg am Laim, Bogenhausen und Trudering- Riem sind zahlreiche Anwohner von der Ausbauoffensive betroffen. Wird gebaut wie geplant, würden die Bahngleise deutlich näher an ihre Häuser rücken. Deshalb suchen sie immer wieder das Gespräch mit der Bahn, ohne signifikantes Ergebnis.

Wenigstens hat die Bahn unlängst mitgeteilt, dass sie neben der Amtsvariante (A0), die vom Bundesverkehrsministerium (BMVI) und dem Eisenbahn-Bundesamt (EBA) bevorzugt worden war, die Bürgervarianten (B1 und B2) ebenfalls untersucht. In den Variantenvorschlägen der Bürgerinitiativen hätte der Sportplatz des ESV ebenfalls einen Platz. Er würde allerdings weiter nach Osten rücken als bisher in den Plänen der Bahn verzeichnet. Die Deutsche Bahn teilt mit, dass sie sowohl mit der Stadt als auch mit Ansprechpartnern des Sportvereins im Gespräch sei. Der Fußballplatz werde an der "ursprünglich geplanten Grundfläche der Landeshauptstadt München geplant", sagt eine Sprecherin. Ziel der Bahn ist es, bis Anfang 2022 die Planfeststellungsunterlagen beim EBA einzureichen. Mit dem Bau will die Bahn voraussichtlich im Jahr 2026 beginnen. Wessen Interessen dann schwerer wiegen - die der ganz kleinen, mittleren oder großen Institutionen - darüber werden bis dahin vermutlich auch die Gerichte entscheiden.

© SZ vom 03.08.2021 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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