Bereitschaftspflege:Kein Kind heißt auch: keine Einnahmen

Sie bekommt etwa hundert Euro am Tag dafür, unversteuert, bezahlt werden nur die Belegungstage. Für die Besuche im Krankenhaus gibt es eine Pauschale, die in etwa die Kosten der Fahrkarte deckt. Manchmal sitzt sie da acht Stunden. Sie ist selbständig, nicht sozialversichert, nicht krankenversichert, nicht rentenversichert. Die Babys sind Tag und Nacht bei ihr, sie fahren mit in den Urlaub, schlafen bei ihr auf der Brust, manchmal fände sie es schön, wenn sie auch stillen könnte, aber gut, das ist rein hypothetisch. Jedes Mal, wenn ein Kind wieder weg muss, ist eine Pause vorgesehen, in der die Familie für sich bleiben soll. Kein Kind zu betreuen, heißt aber auch: keine Einnahmen. Ohne den Lohn ihres Mannes würde es nicht gehen.

Mit ihrem Mann ist Marlene Trenker seit vielen Jahren zusammen. Die ältesten, leiblichen Töchter sind erwachsen, eine der beiden zieht gerade aus, die andere ist längst ausgezogen. Dann sind da die jüngeren Kinder: der Adoptivsohn, 15, die Vollzeitpflegetochter, 8. Beide waren Bereitschaftspflegekinder. Und beide blieben. An der Tür der Familie stehen vier Nachnamen. Wenn man sie also nach der Zahl ihrer Pflegekinder fragt, zählt Marlene Trenker die leiblichen manchmal dazu, einfach, weil sie die Unterscheidung zwischen eigenen und anderen Kindern nicht mag.

14 Kinder in 15 Jahren. Zwölf davon gingen wieder. 14 Mal Nähe, zwölf Mal Abschied. Warum tut sie sich das an?

Sie ist mit acht Geschwistern aufgewachsen, alle haben Kinder, sie mag den Trubel. Anfangs wünschten sie und ihr Mann sich ein drittes Kind. Es muss kein leibliches sein, waren sie sich einig. Sie wollten adoptieren, merkten aber, dass das aussichtslos ist, wenn man eigene Kinder hat. Beim Jugendamt erfuhren sie vom Bereitschaftspflegemodell, Marlene Trenker gefiel, dass sie ihren Beruf einbringen konnte. Sie ist Erzieherin. In München haben alle Bereitschaftspflegekräfte eine pädagogische Ausbildung, Trenker hat im Kindergarten gearbeitet, in der Krippe, im Tagesheim. "Wir sind die Diplom-Mütter", sagt sie.

Es klingelt. Die älteste Tochter lebt in der Nähe, sie hat selbst ein Baby und kommt vorbei, um einen Bobbycar abzuholen und den richtigen Aufsatz für die Trinkflasche. Dem Kind in der Babyschale streicht sie über den Kopf, sie setzt sich kurz mit an den Tisch, dann muss sie wieder los, aber sie sehen sich ja sowieso bald wieder.

Ihre Arbeit, sagt sie, ist eine wichtige, sie gibt ihr Befriedigung. Bereitschaftspflege ist eine besondere pädagogische Herausforderung. Man hat mit Kindern zu tun, für die vieles schlecht gelaufen ist in ihrem Leben, auch wenn es noch ein kurzes Leben ist. Die meisten Babys spüren schon im Mutterleib, dass sie abgelehnt werden, sagen Kinderpsychiater. Manche haben Gewalt erlebt. Manche werden ihr Leben lang Krampfanfälle oder Herzfehler haben, sie werden aggressiv sein oder nie richtig sprechen können, weil die Mutter in der Schwangerschaft Alkohol trank.

Das Kind in der Küche sieht gesund aus, die Oberlippe geschwungen, der Kopf groß und rund, ganz anders als die typischen Fälle von fetalem Alkoholsyndrom, aber wer weiß, was die nächste Untersuchung ergibt. Es macht Marlene Trenker stolz, wenn sie spürt, was die Babys brauchen, ob sie im Tragetuch getragen werden wollen, ob sie gern kuscheln, ob sie Ruhe wollen. Wenn sie Auffälligkeiten bemerkt und die Kinder gezielt fördern kann. Sie schreibt Berichte an das Jugendamt. Manchmal erkennt sie etwas nicht, und wenn der Neurologe ihr sagt, dass ein Kind in der Entwicklung zurückgeblieben ist, denkt sie: blöder Arzt.

Es ist ihr wichtig, den Eltern keinen Vorwurf zu machen. Sie sagt nie: Die wollten nicht. Sie sagt immer: Die konnten nicht.

Einmal nahm sie ein Findelkind auf, das die Mutter mit einem Brief zurückgelassen hatte, warm eingepackt, mit der Bitte, gut zu sorgen für die Kleine. Es gab öffentliche Aufrufe, man suchte die Mutter. Dann wurde ein zweiter Brief gefunden. Sie weine die ganze Zeit, schrieb die Mutter, sie sei so unglücklich, aber sie könne einfach nicht. Marlene Trenker hat sie verstanden. Sie hat verstanden, wie sehr die Mutter litt, und sie findet, dass es Respekt verdient, wenn eine Mutter auf ihr Kind verzichtet, weil es ihm woanders besser geht. Sie sagt lange nichts. Dann sagt sie: "Die denkt nicht an sich." Sie hat Tränen in den Augen.

Marlene Trenker geht spazieren, es geht an Wiesen und einem See vorbei, das Kind liegt im Kinderwagen. Frösche quaken, sie nimmt das Kind aus dem Wagen, damit es die Frösche besser hören kann. Als eine ältere Dame das Kind sieht, ruft sie: "Dich nehmen wir ja gleich mit!" So etwas hört Trenker öfter. Das Kind fällt auf, es sieht asiatisch aus. Kolleginnen auf dem Land, sagt sie, erging es anders. Wenn sie ein schwarzes oder arabisch aussehendes Baby dabei hätten, hörten die zuletzt auch: "Für a gscheids hat's wohl nicht gereicht?"

Der Sohn ist aus der Schule zurück, Marlene Trenker fragt ihn, ob er gegessen hat. Was Mütter so fragen. Das Baby spielt mit einem Pinienzapfen. Trenkers Job ist es, ihm Geborgenheit zu geben, auf Zeit. Wird es ihr manchmal zu viel? Gibt es etwas, das sie nicht zulässt, um eine zu nahe Bindung zu verhindern? Sie streicht dem Baby still über die Wange, sie spricht lieber über die Kinder als über sich, davon, wie der Sohn immer einen gewissen Sicherheitsabstand wahrt und zugleich liebevoll ist. Davon, wie die Pflegekinder lernen, mit Abschieden umzugehen. "Man übt das." Es tue ihr heute nicht mehr so weh wie am Anfang.

Ein Satz ist ihr wichtig, eine Erkenntnis von Kinderpsychiatern: Man kann eine Bindung übertragen. Das Kind soll lernen, wie sich das anfühlt. Das bleibt. Mit Nähe ist es so wie mit der Liebe. Man wächst immer daran, sie ist immer schön, selbst dann, wenn sie nicht für immer sein kann.

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