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Beratungsangebot:Immer mehr junge Münchner kämpfen mit Überschuldung

Schuldnerberatung

Viele Jugendliche, die Schulden haben, kommen aus Familien, denen es finanziell nicht gut geht.

(Foto: Jochen Lübke/dpa)
  • Seit zehn Jahren gibt es die Jugendschuldnerberatung der Arbeiterwohlfahrt und des Deutschen Gewerkschaftsbundes.
  • Im vergangenen Jahr nahmen 140 Jugendliche die Hilfe in Anspruch, 2010 waren es noch 122.
  • Die durchschnittliche Höhe der Schulden ist aber gesunken. Von 9800 Euro im Jahr 2008 bis auf rund 6500 Euro im vergangenen Jahr.

Er war gerade mal 19 Jahre alt, und die Schulden türmten sich schon zu einem riesigen Berg, so hoch, dass er den Gipfel nicht mehr erkennen konnte. Vielen Gläubigern schuldete er Geld. Ohnehin psychisch instabil, lastete der Druck der Schulden schwer auf dem jungen Mann. Allein würde er das nicht bewältigen können. Deswegen beschloss er im Februar 2014, in die offene Sprechstunde der Jugendschuldnerberatung von Arbeiterwohlfahrt (Awo) und DGB zu gehen.

An diesem Freitag wird die Beratungsstelle zehn Jahre alt. Inge Brümmer leitet sie. "Bei jungen Leuten befindet sich viel im Umbruch", sagt Brümmer. Auszug aus dem Elternhaus, Trennung vom Partner, Wechsel oder Verlust der Ausbildungsstelle - all das kann in jungen Jahren schnell passieren und gravierende Auswirkungen auf die finanzielle Situation der Betroffenen haben. Die Überschuldung ist oft die Konsequenz mehrerer fataler Entwicklungen.

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Deswegen geht es in der Jugendschuldnerberatung erst einmal weniger darum, die Schulden zu regulieren, als darum, ihre eigentlichen Ursachen zu erörtern. "Der größte Unterschied zur normalen Beratung ist, dass wir nicht nur die Schulden, sondern die gesamte Lebenssituation unserer Klienten im Blick haben", sagt Brümmer. Deswegen kooperiert die Schuldnerberatung auch viel mit anderen Jugendhilfe-Organisationen. Wegen der häufig wechselnden Lebensumstände der Klienten ist die Beratung auch selten binnen weniger Monate abgeschlossen, wie es bei der Schuldnerberatung für Ältere der Fall ist. "Oft begleiten wir unsere Klienten über zwei, drei oder vier Jahre", sagt Brümmer.

Die Idee, neben der regulären Schuldnerberatung gezielt jüngere Menschen in finanzieller Notlage zu beraten, entstand 2004. Damals ergab eine Auswertung der Schuldnerberatung von Awo und DGB, dass die meisten erst im Alter von 27 oder 28 Jahren zur Beratung gingen. Waren jüngere Menschen nicht überschuldet? Oder scheuten sie davor zurück, sich beraten zu lassen?

Wenig später zeigte eine Studie: Junge Menschen sind sehr wohl verschuldet, manche von ihnen hoch. Deswegen wurde eine gesonderte Schuldnerberatung für 18- bis 25-Jährige ins Leben gerufen. Warum sind Menschen schon in diesem Alter überschuldet? "In jungen Jahren haben die wenigsten selbst ein so gutes finanzielles Polster, dass sie es verkraften könnten, arbeitslos oder längerfristig krank zu werden", erklärt Brümmer. Auch wer früh ein Kind bekommt, landet schnell in Geldnot.

Doch auch weniger gravierende Einschnitte können schnell zu hohen Schulden führen. Ein teurer Handyvertrag zum Beispiel, sozusagen der Klassiker unter den Schuldenfallen. "Natürlich ist das ein häufiger Grund - aber eben nur einer von vielen", sagt Brümmer. Häufig überzögen junge Leute auch ihr Konto, weil sie keinen Überblick über ihre Finanzen hätten. Nur eines haben die meisten jungen Schuldner laut Inge Brümmer gemeinsam: Sie kommen aus Elternhäusern, denen es finanziell ohnehin nicht gut geht. "Wenn die Eltern mal eben einen Hunderter hinlegen können, sobald ein Gläubiger Druck macht, hat sich das Thema schnell erledigt", sagt sie. Fehlt diese Absicherung, wachsen die Schulden schnell.

140 Klienten berieten Brümmer und ihre Kolleginnen im vergangenen Jahr, 2010 waren es 122: Die Daten des jährlich erscheinenden Schuldneratlasses belegen, dass immer mehr junge Münchner mit Überschuldung zu kämpfen haben. Den Anstieg führt man bei der Schuldnerberatung allerdings auch darauf zurück, dass im Laufe der Jahre immer mehr junge Erwachsene von dem Beratungsangebot erfahren haben.

Zwei Vollzeitstellen reichen für manche Probleme nicht aus

Immerhin: Die Höhe der Beträge, die junge Erwachsene ihren Gläubigern schulden, sinkt seit Jahren kontinuierlich. Im Jahr 2008 hatten sie durchschnittlich Schulden in Höhe von 9 800 Euro - 2015 waren es nur noch 6 490. Das sind knapp 17 000 Euro weniger als in der Gesamtbetrachtung für alle Altersgruppen.

Inge Brümmers Resümee der zehn Jahre Jugendschuldnerberatung in München fällt auch deshalb positiv aus: "Das Konzept hat sich bewährt, weil wir vielen langfristig helfen konnten." Zwar könne man den Problemen mancher junger Menschen nicht gerecht werden, dafür reichten zwei Vollzeitstellen auch nicht aus. Doch dem jungen Mann, der sich im Frühjahr 2014 an die Beratungsstelle wandte, konnten sie helfen. Nachdem sich die Beraterinnen einen Überblick über seine Schulden verschafft und bei den Gläubigern Aufschub erwirkt hatte, wurde der 19-Jährige in eine Ausbildung vermittelt. 2017 will er sie abschließen. Wenn alles gut geht, kann er den Schuldenberg in absehbarer Zeit abtragen.

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