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Beobachtungen aus dem Tierpark:Teil 4: Freiheit für die Mhorr-Gazelle

Hellabrunn-Chef Wiesner kämpft mit einem Netzwerk aus Zoo-Spezialisten gegen das Aussterben bedrohter Tiere.

Dann war der Jaguar auf einmal neben ihm. So dicht, dass er den Luftzug des peitschenden Schweifs an den Beinen spüren konnte. Der Jaguar saß da, sehr aufrecht, nur sein Schwanz peitschte. Im Nachhinein sagt Henning Wiesner, dass die Katze ausgesehen habe wie eine ägyptische Statue. So ein poetischer Vergleich ist ihm damals an dem Märztag des Jahres 2001 in Venezuela nicht in den Sinn gekommen. Weil der Jaguar so nah war. Weil er sich auf den Boden setzte neben die Rampe des Transporters, in dem sie ihn hergebracht hatten, anstatt das Weite zu suchen. Ganz plötzlich zog der Jaguar, den sie Carmencita nannten, dann aber mit großen Sätzen ab in die venezolanische Landschaft. Henning Wiesner flog heim nach Hellabrunn und hatte wieder mal ein Tier gerettet.

Tierpark München, Verwaltungstrakt. Im ersten Stock liegt das Büro des Zoodirektors, in welchem auf dem Schreibtisch, in den Regalen, die andere Büromenschen mit Briefbeschwerern und Haftzetteln bestücken, kiloschwere Elefantenzähne liegen sowie das Halsband eines Wildhunds aus Simbabwe. Die Bezeichnung Büromensch würde Henning Wiesner allerdings nicht so gefallen, weil er seine Zeit am liebsten draußen verbringt. Beim täglichen Rundgang durch den Zoo und in der freien Wildbahn auf den Rettungsreisen in die Ferne. Sansibar, Sumatra, Brasilien: Das Chefzimmer in der Siebenbrunner Straße6, 81543 München, ist ein Stützpunkt der interkontinentalen Tier-Community. Das Netzwerk für bedrohte Paarhufer, selten gewordene Vögel oder fast ausgerottete Rinder operiert weltweit, und die Zoologischen Gärten sind wichtige Partner. "Es langt nicht mehr, Tiere zu kaufen, sie hinzustellen, und dann kommen die Leute und schauen", sagt Wiesner.

Artenschutz heißt das Stichwort, und der 58-Jährige legt Wert auf den Hinweis, dass er sich dem Thema schon gewidmet, dass er bereits Orang Utans auf Borneo gerettet und afrikanische Gazellen auswildert hat, lange bevor etwa der "Code of Ethics" in Kraft trat, der Ethik-Kodex der europaweiten Zoo-Organisation EAZA ("European Association of Zoos and Aquaria"). In der Präambel dieses Grundsatzpapiers aus dem Jahr 2001 bekennen sich die EAZA-Mitglieder zum "Respekt vor der Würde der Tiere in unserer Obhut" als Grundlage ihrer Tätigkeit und erklären sich bereit, dabei dem "hohen Ideal" der Arterhaltung zu dienen. Diesem Ideal fühlt sich auch die Tierpark-Dachorganisation WAZA verpflichtet, ebenso die Europäische Union, welche in einer Richtlinie von 1999 die "Rolle der Zoos bei der Erhaltung der biologischen Vielfalt" festgesetzt hat.

Empfehlungen, Leitfäden, gesetzliche Vorschriften - jede Menge Papier, und Wiesner holt einen Ordner nach dem anderen aus dem Regal. Durchs geöffnete Fenster ist Kindergeschrei zu hören, das ein leichter Wind an diesem Tag aus der Abteilung Flamingos herüberweht. Spektakel Naturgeschöpf - dass die Zurschaustellung in Gefangenschaft gehaltener Tiere stets scharfe Kritiker fand und vermutlich weiter finden wird, ist Henning Wiesner bewusst - deshalb ist ihm die andere Seite von Hellabrunn so wichtig: der Tierpark als Tier-Schützer.

Beispiel Mhorr-Gazelle, Gazella dama mhorr. Die schmalgliedrigen Paarhufer mit der braunen Rückenfärbung residieren im Parkteil Afrika zwischen Gepard und Zebra, und nur wer die Tafel mit dem erklärenden Beitext genau studiert, dem wird klar, welcher animalischen Preziose er gegenübersteht. 1968 wurde das letzte frei lebende Exemplar in der damals so genannten Spanischen Sahara erlegt, lediglich sieben Tiere wurden gerettet und in eine Zuchtstation zur Erhaltung der Sahara-Fauna im südspanischen Almeira gebracht. Hellabrunn übernahm Gazellen aus Almeira, versuchte sich erfolgreich in der Nachzucht und machte sich Anfang der Neunziger daran, die Wiederkäuer wieder dorthin zu bringen, wo sie zuhause sind.

Aus den drei Pärchen, die die Münchner in einer Gemeinschaftsaktion mit den Kollegen in Almeira in einem ehemaligen königlichen Jagdgebiet Marokkos vor den Toren Marrakeschs angesiedelt haben, ist inzwischen eine Gruppe von siebzig Tieren geworden. Die marokkanische Regierung plant, das kostbare Rudel demnächst in einen weitläufigen Nationalpark umzusiedeln, genau dorthin, wo vor 35 Jahren das letzte Exemplar getötet wurde. In dem Park werden auch Artgenossen aus den Zoologischen Gärten Berlin-Friedrichsfelde sowie Frankfurt eine neue Heimat finden. Und genau dieses Beispiel geglückter Wiedereinbürgerung, sagt Henning Wiesner und zeichnet mit dem Bleistift einen kleinen Kreis für Hellabrunn auf ein Stück Papier, einen großen Kreis für die freie Wildbahn des Nationalparks und einen Pfeil, der beide verbindet, "genau das ist die Tier-Community. Und ohne die Zoos funktioniert sie nicht."

Der Mensch zerstört den natürlichen Lebensraum von immer mehr Arten, deshalb müssen die Tiere im geschützten Raum nachgezüchtet und, sofern möglich, wieder ausgewildert werden; deshalb wurde Zoodirektor Wiesner nach Simbabwe gerufen, um gemeinsam mit einheimischen Helfern einen Wildhund zu narkotisieren und ihm ein Halsband samt Sender anzulegen, der Aufschluss geben soll über das Rudelverhalten dieser Art; deshalb musste Carmencita weggeschafft werden aus dem venezolanischen Farmland, wo die Bauern mit dem Gewehr hinter ihr her waren, weil der Jaguar in ihren Augen ein Rinderräuber ist und kein schützenswertes Exemplar einer bedrohten Spezies.

Damit sie effektiv arbeiten kann, ist die Tier-Community vielfach vernetzt. Da sind die persönlichen Kontakte, die Freundschaften unter den Herren Zoo-Direktoren, die München vor allem mit Nürnberg, Berlin-Friedrichsfelde sowie Wien unterhält. Da ist die Arbeitsgruppe Tier-, Natur- und Artenschutz TNA, die Wiesner unter dem Dach der Tierpark Hellabrunn AG ins Leben gerufen hat für spendenfinanzierte Aktionen wie die Mhorr-Wiedereinbürgerung oder ein Orang-Utan-Hilfsprogramm in Borneo. Fernsehfilme über die spektakulärsten Einsätze bringen hier zusätzliches Geld. Und da ist das von EAZA organisierte Europäische Erhaltungszucht-Programm EEP, das jedem beteiligten Zoo die Betreuung einer bedrohten Art überträgt. Hellabrunn ist zuständig für das Banteng, ein ursprünglich in Java beheimatetes Wildrind. Über ihren jeweiligen Bestand an Bantengs werden die Münchner regelmäßig von sämtlichen EAZA-Mitgliedern informiert und so die Einträge im europaweiten Zuchtbuch über Geburten, Neuzugänge und Tier-Austausch zwischen den Zoos aktualisiert.

EAZA, EEP, TNA - doch ein Bürojob, der des Zoo-Chefs? So ganz von der Hand weisen kann Wiesner das nicht, wenngleich er versuche, einiges vom "Verwaltungskram" seinen Mitarbeitern zu übertragen. Damit er frei sei, sagt Prof. Dr.med. vet.Henning Wiesner, Lehrbeauftragter für Zookunde der Ludwig-Maximilians-Universität München, seit 1972 Tierarzt, seit 1981 Direktor in Hellabrunn, wissenschaftlicher Berater von Tier- und Nationalparks von San Domingo bis Istanbul, damit er also frei sei für die Arbeit "im Feld". Manchmal sagt er auch: frei für "das Wildlife".

Wenn von der Schönheit der Mhorr-Gazellen die Rede ist oder von dem 1979 notfallmäßig narkotisierten Tiger in Kanha/Indien. Oder davon, dass Carmencita aussah wie eine ägyptische Statue. Das klingt dann für einen Augenblick beinahe schwärmerisch, und obwohl Wiesner schnell wieder sachlich wird, wagt man die Frage: Ob ihn hier an seinem Schreibtisch mit den Elefantenzähnen nicht manchmal große Sehnsucht überkommt nach der Steppe, nach dem echten Urwald? Ob's ihm nicht manchmal schrecklich eng wird?

Wiesner schaut aus seinem Direktoren-Fenster, der Blick endet hinterm Dschungelzelt am Harlachinger Berg. Doch, ja, sagt er und nickt, "das weitet schon die Augen".