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SZ-Serie: Bühne? Frei!:Erst die Gäste, dann die Polizei

Benni Zimmer/Bushbash

Benni Zimmer, 22, ist einer der Gründer des Münchner Techno-DJ Kollektivs Bushbash. Sie organisieren alternative Raves, meist im Freien, und legen dort auch selbst auf.

(Foto: Leo Tienchi)

Kultur-Lockdown, Tag 86: Benni Zimmer vom DJ-Kollektiv Bushbash berichtet über illegale und legale Raves

Protokoll von Paul Hordych

Die Location steht, alles andere auch, und langsam kribbelt die Aufregung vom Bauch aus in die Beine. Obwohl wir's schon so oft gemacht haben, ist es immer wieder aufregend. Die Musik verstärkt das Kribbeln, aber das fühlt sich wiederum sehr gut an. Der Himmel färbt sich langsam dunkelblau. Die Frage, ob zuerst die Gäste oder Polizisten die Party stürmen. Ersteres wäre besser.

Partys, bei denen Leute zusammen feiern, tanzen und es egal ist, ob man genug Geld für den Eintritt hat, weil es keinen Eintritt gibt. Es kann kommen, wer will und Lust hat, in einen zu Techno bebenden Haufen Menschen einzutauchen.

Wir sind das Künstler-Kollektiv Bushbash und organisieren legale, aber auch unangemeldete Raves.

Normalerweise.

Momentan wären es illegale, unangemeldete Raves, bei denen die Frage, wer zuerst erscheint, ziemlich eindeutig zu beantworten ist. Natürlich wollen wir ein Hotspot sein, ein Ort, an dem sich in guten Momenten alles vermischt, aber gerade eben wäre es ziemlich ungünstig, ein Hotspot zu sein. Deswegen haben wir uns auch klar dagegen entschieden, während der Pandemie irgendetwas in die Richtung einer analogen Party zu organisieren und uns klar von den Raves im Sommer, wie man so schön sagt, distanziert.

Mit Gegenwind kennen wir uns leider aus. Normalerweise in Form der Stadt München, die es uns quasi unmöglich macht, über den bürokratischen Weg an eine Freifläche für einen Rave zu kommen. In Zürich müsste man sein. Dort gibt es eine gewisse Anzahl an Locations, die genau für solche Zwecke den jungen Künstlern und Künstlerinnen zur Verfügung stehen. Aber wir sind nun mal in München, und jetzt weht uns halt zudem ein Virus entgegen.

Keine Party bedeutet viel Zeit. Zeit, von der wir ziemlich oft sagen, dass wir sie nicht haben. Also tauchen wir in unseren kreativen Unterschlupf in einer Zwischennutzung ab, probieren uns im Produzieren von eigenen Tracks, bauen neue Lichtkonzepte und setzen uns an geile Ideen, um zu checken, ob sie wirklich so gut sind.

Wir werden politisch noch aktiver. Die Stadt München hat einen riesengroßen Schritt gemacht und zieht in Erwägung, die Zürcher Idee für die Nutzung der Freiflächen zu übernehmen. Aus dem riesengroßen Schritt ist ein Auf-der-Stelle-Treten und Hoffen geworden, dass die Künstler und Künstlerinnen diesen Vorschlag vielleicht wieder vergessen würden. Sagen wir mal so: Das Rathaus kennen wir mittlerweile ziemlich gut von innen.

Nicht in Persona, dann halt digital. Irgendwie muss man ja noch feiern können. Wir legen im Harry Klein auf. Statt 200 Augenpaaren starren einem fünf Kameras entgegen, die nicht mal versuchen, dir eine Rückmeldung zu geben. Gewöhnen tut man sich daran, aber das Interesse von den Zuschauern an solchen Events schwindet leider sehr schnell, wenn jeder Schlafzimmer-DJ sein Set auf Facebook streamt. Wer will es ihnen verdenken ...

Natürlich vermissen wir die Zeit vor Corona, als das illegalste, was wir tun konnten, war, die Party nicht anzumelden. Aber bald ist wieder Sommer, ein leichter Rückenwind kitzelt den Nacken, und vielleicht sehen wir uns ja dann auf einem legalen, angemeldeten Rave.

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© SZ vom 26.01.2021
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