Handwerk:"Das war die anstrengendste Woche meines Lebens"

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Handwerk: Die größte Herausforderung war der Zeitdruck, sagt Benjamin Supé. Für jeden Millimeter Holz zu viel oder zu wenig gab es einen Punktabzug.

Die größte Herausforderung war der Zeitdruck, sagt Benjamin Supé. Für jeden Millimeter Holz zu viel oder zu wenig gab es einen Punktabzug.

(Foto: Michael Zanghellini/World Skills Germany)

Benjamin Supé aus Hohenschäftlarn amtiert als Bayerischer und Deutscher Meister im Möbelschreinern. Nun ist der 22-Jährige nach acht Monaten Intensiv-Training bei der Weltmeisterschaft angetreten.

Interview von Martina Scherf

Er hatte monatelang trainiert und zum Schluss alles gegeben. Gesägt, geschraubt und gehämmert, was das Zeug hält, immer gegen die Zeit. Zum Weltmeistertitel reichte es am Ende nicht für Benjamin Supé aus Hohenschäftlarn, der bei der WM der Möbelschreiner in Basel antrat. Doch mit seinem achten Platz und einer Exzellenzmedaille ist der 22-Jährige höchst zufrieden. Drei Mal Gold ging an Südkorea, China und das Vereinigte Königreich. Die Medaille wird ihm Türen öffnen, sagt er. Doch bevor er seine Meisterausbildung antritt, will er erstmal reisen und arbeiten in Australien.

SZ: Auf den Fotos von der WM kann man die Stimmungslagen in Ihrem Gesicht ablesen, Anspannung, Lachen, Ärger, einmal raufen Sie sich die Haare - war es schwieriger als erwartet?

Benjamin Supé: Es war aufregend, und ich war ganz schön nervös. Deshalb passierten mir wohl auch ein paar Fehler. Einmal hatte ich eine Verbindung schon geleimt und dann gemerkt, dass ich mich beim Messen vertan hatte. Dann musste ich nochmal neu zuschneiden. Aber naja. Mir fehlten zum Sieger nur 18 Punkte von 800 möglichen, das ist nicht viel. Aber der Zeitdruck ist eben enorm. Dafür war die Stimmung in der Halle fantastisch, vor allem beim Endspurt am letzten Tag. Da kochten die Emotionen hoch, bei mir, aber auch bei den Zuschauern in meiner Fanbox.

Wer war dabei?

Meine Familie, meine Freundin, mein Trainer und alle seine Werkstatt-Mitarbeiter, etliche Kollegen aus dem Verband. Sie haben mich auf den letzten Metern alle angefeuert, das war toll.

Was war die Aufgabe?

Ich musste nach einer vorgegebenen Zeichnung eine Stehkommode mit einer Schublade und einer Klappe bauen. Der Wettbewerb ging über vier Tage, insgesamt 22 Stunden. Da muss jeder Handgriff sitzen. Ein Millimeter Holz zu viel oder zu wenig, jede Verbindung, die nicht ganz sauber zusammenrutscht, gibt Punktabzug. Das war die anstrengendste Woche meines Lebens!

Wie lange haben Sie sich vorbereitet?

Ich hab acht Monate vorher angefangen zu üben, erst an den Wochenenden und nach Feierabend, die letzten zwei Monate dann Vollzeit. Ich durfte die Innungswerkstätten nutzen und die letzten drei Wochen verbrachte ich in der Werkstatt meines Trainers. Der weiß genau, worauf es ankommt. Man muss möglichst präzise funktionieren, ohne lange nachzudenken. Die Aufgabe entspricht ungefähr einem Gesellenstück, nur dass man es in einem Viertel der Zeit schaffen muss. Deshalb trainieren die Chinesen und Koreaner ja auch mehr als ein Jahr Vollzeit nur auf diesen Wettbewerb hin, wofür sie mit Goldmedaillen belohnt wurden. Aber ich bin mit meiner Exzellenzmedaille glücklich. Es ist ja schon wahnsinnig viel wert, überhaupt dabei zu sein.

Die WM war eigentlich voriges Jahr in Shanghai geplant, wurde wegen Corona aber verlegt.

Ja, China wäre natürlich cool gewesen. Aber nicht im Lockdown. Die Berufe wurden auf verschiedene Orte in der Welt verteilt, in Basel waren nur die Möbelschreiner, Bauschreiner und Zimmerer aus 20 Nationen. Wir wohnten im selben Hotel und hatten eine tolle Woche.

Handwerk: Der 22-jährige Schreinergeselle musste eine Stehkommode mit Schublade fertigen. Am Ende fehlten ihm nur 18 von 800 möglichen Punkten zum Sieger.

Der 22-jährige Schreinergeselle musste eine Stehkommode mit Schublade fertigen. Am Ende fehlten ihm nur 18 von 800 möglichen Punkten zum Sieger.

(Foto: Michael Zanghellini/World Skills Germany)

Sie hatten vor Basel eine unglaubliche Erfolgsserie hingelegt: Sie haben bei der Schreinerei Steiger und Lankes in Hohenschäftlarn gelernt und wurden gleich nach der Gesellenprüfung 2020 Oberbayerischer Meister, dann Bayerischer Meister und kurz darauf Deutscher Meister. Was hat Sie motiviert?

Ich liebe diesen Beruf. Es macht einfach unheimlich Spaß, mit Holz zu arbeiten und so ein fertiges Möbelstück zu sehen, das man mit eigenen Händen geschaffen hat. Anfangs wusste ich gar nichts von solchen Meisterschaften. Ich war bei der Gesellenprüfung Innungsbester, da wurde ich zu den Oberbayerischen eingeladen und dachte nur: Okay, kann man ja mal probieren. Dann wurde ich überraschenderweise auch Bester. Da hab ich halt weitergemacht, und von Mal zu Mal ist der Ehrgeiz ein bisschen größer geworden.

Handwerk: Geschafft und glücklich, in Basel dabei gewesen zu sein: Benjamin Supé.

Geschafft und glücklich, in Basel dabei gewesen zu sein: Benjamin Supé.

(Foto: Michael Zanghellini/World Skills Germany)

Wollten Sie schon immer gerne Schreiner werden, gibt es einen elterlichen Betrieb?

Nein. Meine Mutter ist Architektin, mein Vater Maschinenschlosser und Fachlehrer. Aber ich habe immer schon gerne mit den Händen gearbeitet. Nach der Schule hab ich mehrere Praktika ausprobiert und die Schreinerei hat mich gleich begeistert.

Was macht einen guten Schreiner aus?

Er muss die Liebe zum Material haben, gute Ideen und natürlich penibel arbeiten können. Das Wichtigste ist aber: Freude an der Arbeit.

Und wie geht es jetzt weiter?

Jetzt werde ich noch ein paar Projekte fertigstellen, die sich in meinem Wohnzimmer stapeln. Und Kontakt zu meinen Sponsoren aufnehmen.

Sponsoren? Wie im Fußball?

Nur nicht so gut bezahlt (lacht). Aber es geht auch darum, dass Firmen unsere Expertise für die Weiterentwicklung bestimmter Maschinen nutzen können.

Und dann wollen Sie reisen?

Ich will mit meiner Freundin ein Jahr nach Australien, reisen und arbeiten. Und danach an die Meisterschule nach Garmisch. Irgendwann werde ich mich dann sicher selbständig machen. Das ist ja das Schöne an diesem Beruf: Man ist unabhängig, und kann selbst entscheiden, was man macht. Das ist mir viel wert.

15 Austragungsländer, 61 Wettkämpfe: Die World Skills, die normalerweise alle zwei Jahre abgehalten werden, konnten in diesem Jahr pandemiebedingt nicht wie geplant in Shanghai über die Bühne gehen, stattdessen wurden sie auf Orte rund um den Globus verteilt. Noch bis Ende November treten mehr als 1000 junge Handwerker und Handwerkerinnen aus 57 Ländern gegeneinander an. Das deutsche Team ging mit 37 Teilnehmern an den Start - darunter der amtierende Europameister im Fliesenlegen. Neben dem traditionellen Handwerk wie Schreiner, Maurer, Schlosser, Kfz-Mechatroniker misst sich der Nachwuchs auch in Disziplinen wie Cloud Computing, Digital Constructing und Robot Systems Integration. Die WM der nicht-akademischen Berufe gibt es schon seit den 1950er-Jahren. Sie sollte damals auch der Völkerverständigung dienen. Heute geht es vor allem darum, junge Menschen fürs Handwerk zu begeistern. Und die Medaillengewinner sind auf jeden Fall inspirierende Vorbilder .

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