Interview:Wir Deutschen, die Besserwisser

Lesezeit: 5 min

Interview: Benita Bailey wurde in Thüringen geboren und wuchs dort auf. Im Fernsehen durfte sie in ihren Rollen bislang oft nicht einmal Deutsch sprechen.

Benita Bailey wurde in Thüringen geboren und wuchs dort auf. Im Fernsehen durfte sie in ihren Rollen bislang oft nicht einmal Deutsch sprechen.

(Foto: Puria Safary)

Die Schauspielerin Benita Bailey ist in Thüringen geboren und kämpft mit ihrer Kunst, ihrem Witz und einer Schar von Kollegen gegen Alltagsrassismus.

Von Susanne Hermanski

Benita Bailey ist derzeit an den Kammerspielen im Rahmen der Münchner Biennale im Stück "Davor" zu sehen. Einem breiteren Publikum ist sie aus dem Fernsehen bekannt - als "Die Pflegionärin" (zu sehen in der ARD Mediathek). In der Serie spielt sie eine Pflegekraft, die mit ihrem kleinen Auto übers Land in Thüringen fährt und in den allzu knapp bemessenen Minuten, die sie bei den Menschen verbringen soll, viel Skurriles, Erschreckendes und Bewegendes erlebt. Wie ihre Kunstfigur Caro Lacher ist auch Benita Bailey - die heute zwischen Kanada und Deutschland pendelt, einen deutschen Vater und eine äthiopische Mutter hat - in Thüringen geboren und aufgewachsen. Sie ist unter anderem eine der Organisatorinnen der Schwarzen Filmschaffenden Community.

SZ: Wie wurden Sie zur "Pflegionärin"?

Benita Bailey: Bei dem Casting wurde eine Schauspielerin in meinem Alter gesucht, die aus Thüringen kommt und den dazugehörigen Dialekt spricht. Beides trifft auf mich zu. Ich durfte außer in der Schauspielausbildung - allerdings auf der Bühne - und im Fernsehen noch nie meinen Dialekt sprechen. Im Fernsehen durfte ich bislang oft noch nicht mal Deutsch reden.

Konnten Sie mit der Rolle auf Anhieb etwas anfangen?

Auf alle Fälle. Caro Lacher stammt aus der Arbeiterschicht und erlebt auf ihren Touren viel von den Problemen der Region: Kräftemangel, Zeitnot, Landflucht. Wenn man in Thüringen aufgewachsen ist, kennt man das natürlich alles.

Wo haben Sie noch Erfahrungen gesammelt?

Ich war mit Unterbrechungen ein Jahr in Südafrika. Nach dem Abitur und nach vier Monaten als freie Mitarbeiterin der Ostthüringer Zeitung bin ich nach Johannesburg gegangen. Dort war ich Teil eines Performing Arts Teams, weil ich nach zwölf Jahren Schule praktisch werden wollte und ich schon seit früher Kindheit eine Vorliebe für die performativen Künste hatte - und das in einem komplett anderen Kulturkreis.

Wie ist es Ihnen dort ergangen?

Was ich in Südafrika erlebt habe, war in vielerlei Beziehung prägend. Ich war zum ersten Mal in meinem Leben nicht Teil einer marginalisierten Gruppe in einer Gesellschaft. Zu merken, was das ausmacht, Teil der Mehrheitsgesellschaft zu sein, umgeben von Künstlerinnen und Künstlern, hat beides gutgetan. Trotzdem war es für mich auch ein Kulturschock, ich bin ja deutsch.

Was mussten Sie dazulernen?

Das Team war gemischt. Wir hatten Weiße, Coloured, Black, Inder mit dabei und jeder brachte eigene Erfahrungen mit, die stark geprägt waren von dem erlebten Apartheid-System. Trotzdem bin ich nicht aufgefallen in dieser Gesellschaft, es gab nicht dieses "Othering", das ich zu Hause erlebt hatte. Bei dem wusste ich oft nicht: Liegt es an mir? Bin ich so crazy? Oder was ist es eigentlich?

Sie bezeichnen sich selbst als Schwarz - mit einem großgeschriebenen S?

Ich bezeichne mich als Schwarz, weil ich eindeutig nicht weiß bin - es ist nicht als Hautfarbe zu verstehen, sondern als soziale und politische Konstruktion in einem globalen Machtgefüge. Mittlerweile hat sich eine große Gruppe von Menschen, der es wie mir ergangen ist, darauf geeinigt, dass "Schwarz" auch politisch der Begriff ist, den wir benutzen wollen. Das war ein langer Prozess. Auch für mich persönlich.

Wie war Ihre Kindheit?

Ich habe eine Schwester, die ist heller als ich und wurde anders wahrgenommen. Meine Mutter hat in etwa meine Hautfarbe. Und es gab noch ein paar kubanische Familien, die allerdings Söhne hatten. Auch das ist schon wieder etwas anderes. Ich war also immer "die Einzige". Das erste schwarze Baby im Krankenhaus, in dem ich geboren worden bin, und so ging es weiter in Kindergarten und Schule.

Wie lief das im Alltag?

In meiner Umgebung kannten mich alle, aber sobald ich mich aus ihr entfernte, ich an einem Wettbewerb oder Kongress teilnahm, stach ich immer heraus. Zudem bin ich in einer Gegend aufgewachsen, wo es auch Neonazis gab. Da existierten auch Begegnungen, die sehr, sehr unschön waren.

Gab es ein Schlüsselerlebnis?

Ich musste nie ins Krankenhaus gebracht werden oder bin mit ähnlich schrecklichen Konsequenzen angegangen worden. Ich habe aber Grenzerfahrungen gemacht, die andere nicht haben. Und ich habe gemerkt, dass ich nicht so selbstverständlich selbstbewusst durch die Welt gehe wie andere.

Interview: In der Serie des Mitteldeutschen Rundfunks sind verschiedene Stars an der Seite von Benita Bailey zu sehen, in einer Folge spielt Iris Berben die Alzheimerkranke Gerda Blume.

In der Serie des Mitteldeutschen Rundfunks sind verschiedene Stars an der Seite von Benita Bailey zu sehen, in einer Folge spielt Iris Berben die Alzheimerkranke Gerda Blume.

(Foto: Chris Riebe/MDR/Cross Media)

Wie kam es zu Kanada als Ihrem Hauptwohnort?

Das hatte zunächst mit dem Beruf meines Mannes zu tun. Als wir in Montreal waren, habe ich erst festgestellt, wie sehr auch ich das für eine internationale Karriere nutzen kann. Dort wird anders gecastet, man wird dort nicht primär als Schwarze Frau gesehen, deren Einsatzmöglichkeit dadurch begrenzt wären. Und so kam es, dass ich in Kanada zum ersten Mal in einer Jelinek-Adaption von Ibsens "Nora" auf der Bühne stand. In englischer Fassung natürlich.

In Kanada spielten Sie auch in "For Colored Girls Who Have Considered Suicide / When The Rainbow Is Enough"?

Das war das erste Mal, dass ich mit einem komplett schwarzen Cast auf der Bühne war - und dabei ist übrigens auch gleich das Publikum viel diverser. Das Stück beschreibt den Alltag von Schwarzen Frauen, die in den Sechzigerjahren leben und, heute würde man sagen, bestimmte Trigger-Situationen durchmachen. Ich spielte eine Frau, die in einem siebenminütigen Monolog davon berichtet, dass ihr Mann schwer traumatisiert aus dem Vietnam-Krieg kam und in einem Streit die gemeinsamen Kinder aus dem Fenster geworfen hat.

Oh Gott.

Nach der Vorstellung kamen zwei Frauen zu mir, in deren Familie genau das passiert war. Sie sagten, dass sie zum ersten Mal ausgesprochen gehört hatten, was einem Familienmitglied widerfahren war. Und dass es ihnen helfe, dass jetzt jemand Worte für das Unsagbare gefunden hat. Das Stück, ein Choreopoem von Ntozake Shange, ist in Deutschland weitgehend unbekannt - wie überhaupt Schwarze Autorinnen und Autoren. Deshalb habe ich mich sehr gefreut, es vor kurzem an der LMU Theaterwissenschaftlern vorstellen zu können.

Sehen Sie schon irgendwelche Fortschritte in Ihrem Kampf?

Ja, kleine Fortschritte. Zum Beispiel haben wir uns mit der Deutschen Filmakademie getroffen - schon vor dem Mord an George Floyd im Jahr 2020 übrigens -, und vieles von dem, was diese jetzt umsetzt, kam auf Anregung der "Schwarzen Filmschaffenden". Aber der Wandel kann nie nur von einzelnen Institutionen ausgehen. Es müssen alle mitziehen.

"Davor" ist ein Dokumentartheater-Experiment, in dem das Publikum mit Szenen des Alltagsrassismus konfrontiert werden soll. Wie kann man sich das vorstellen?

Es basiert auf Interviews mit People of Color, die schon 2019 geführt wurden; die Uraufführung sollte ja schon 2020 sein und wurde pandemiebedingt verschoben. Das Publikum erhält Virtual-Reality-Brillen und wird mit Musik von dem großartigen Komponisten Yoav Pasovsky und den von uns gespielten Szenen durch speziell dafür gebaute Räume geleitet. Ich finde, dem Regisseur Robert Lehniger und der Ausstatterin Irina Schicketanz ist da Großartiges gelungen, welches sich besonders die Münchner Mehrheitsgesellschaft nicht entgehen lassen sollte.

Glauben Sie, was die Menschen dort erleben, taugt zur Empathie-Schulung?

So würde ich das nicht unbedingt sehen. Wenn wir glauben, wir haben etwas verstanden und machen es fortan richtig, zeigt uns das Leben oft genug, dass es anders ist. Man ist nicht irgendwann ausreichend "geschult" und kann dann einen Haken dahinter machen. Das gilt auch für mich selber. Wenn es zum Beispiel um gendergerechte Sprache geht, lerne ich stets und ständig dazu.

Ist die Angst vorm Fehlermachen typisch deutsch?

Das kann schon sein. Wir Deutschen sind uns immer sicher, dass wir wissen, wie etwas "richtig" gemacht werden muss. Sie sollten mal sehen, wie ungeduldig ich werde, wenn ich im Ausland auf einem Amt sitze und merke, das alles dort fürchterlich ineffizient abläuft, ich könnte in die Luft gehen. Dabei bin ich eigentlich weit genug rumgekommen in der Welt, um zu wissen, es führen immer mehrere Wege zum Ziel.

Was muss passieren, damit der Rassismus in unserer Gesellschaft wirklich endlich abgebaut wird?

Ein ständiges Hinterfragen dessen, was man sagt und tut. Ein offenes Zugeben von Menschen in wichtigen Positionen: Wir haben das die letzten Jahrhunderte verpasst. Und eine ernsthafte Bereitschaft, jetzt wirklich zu handeln und etwas zu verändern.

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