Klassische Musik Klassische Musik kann auch in Clubs funktionieren

Sie haben beide Grenzen des Konzertbetriebs durchbrochen, als Sie in Clubs gespielt haben. Muss man das tun, um jungen Zuhörern Klassik näher zu bringen?

Mutter: Klassische Musik live gespielt berührt uns wegen der klanglichen Fülle, aber auch wegen der Verletzlichkeit der Musik, gerade bei Streichinstrumenten. Deshalb bin ich auch in einen Club gegangen, weil in dieser Intimität des Raumes die Subtilität der Geige voll zur Geltung kommen kann. Das Leise, das Flüstern, die Magie des Instruments wird in der räumlichen Nähe unglaublich spürbar. Es war tatsächlich eine atemlose Stille bei diesen Club-Konzerten. Einige sagten mir hinterher, sie hätten zum ersten Mal überhaupt eine Geige gesehen und so gehört. Das zeigt, welche Kraft diese Musik hat.

Hornung: Ich hatte ein ähnliches phantastisches Erlebnis, als ich vergangenes Jahr die Bach-Suiten in einem Club spielte. Die Zuhörer saßen unmittelbar vor mir, es war heiß, es war eine konzentrierte Stille - und für alle ein unglaublich intensives Gefühl. Man muss nicht in Clubs gehen, um Klassik zu vermitteln. Aber da erreicht man Menschen, die sonst vielleicht nicht in ein Konzert gehen würden. Es ist eine unkomplizierte, ehrliche Atmosphäre.

Mutter: Das heißt nicht, dass wir den klassischen Konzertsaal nicht mehr brauchen. Es lehrt uns aber, dass in einem Konzert dort auch die spontane Freude, das Gefühl mehr Raum haben könnte. Man kann auch als klassischer Konzertbesucher aufspringen und jubeln, vielleicht zwischen Sätzen spontan klatschen, wenn einem danach ist - auch wenn wir alle gelernt haben, dass man das nicht macht. Ich wünsche mir mehr Mut zur Teilnahme am Konzert.

Mariss Jansons Dirigenten wollen junges Publikum ansprechen
Musik in München

Dirigenten wollen junges Publikum ansprechen

Die Dirigenten der großen Orchester wollen den Nachwuchs stärker fördern. Der Chef der Philharmoniker kündigt ein eigenes Festival an. Der Dirigent des BR-Symphonieorchesters, Mariss Jansons, träumt sogar von einer Musikgrundschule.   Von Christian Krügel

Was muss jemand mitbringen, damit er Stipendiat in Ihrer Stiftung werden kann?

Mutter: Das, was jeder gute Musiker haben sollte: eine starke eigene Persönlichkeit, Integrität und Unkorrumpierbarkeit. Den bloßen Wunsch nach Geld und Ruhm muss man sofort aufgeben. Man muss das tun, was man für künstlerisch richtig hält, womit man Spuren für die nächste Generation hinterlassen kann. Klar ist bei jungen Künstlern die Verlockung groß, schnell einen Plattenvertrag zu machen. Dazu wird niemand gezwungen, deshalb sollten junge Künstler aufrichtig zu sich selbst sein und nur das tun, wovon sie überzeugt sind.

Hornung: Jeder sollte versuchen, eine eigenständige musikalische Persönlichkeit zu entwickeln. Der Wiedererkennungswert eines Künstlers ist entscheidend.

Heißt im Umkehrschluss: Wenn wir nicht genügend in die musikalische Ausbildung von Kindern investieren, können diese auch nicht die Persönlichkeit entwickeln.

Mutter: Ja. Das hängt entscheidend von den Lehrerpersönlichkeiten ab, von den musikalischen Wurzeln, die gelegt werden. Es geht nicht darum, neue Stars und einen Personenkult zu schaffen. Es geht darum, Künstler auszubilden, die unvergessliche neue und spannende Interpretationen von Musik schaffen, die man eigentlich schon seit langem zu kennen glaubte.

Wenn Sie Wünsche an die Politik frei hätten, die musikalische Ausbildung von Kindern zu verbessern - welche wären das?

Mutter: Der Mensch ist nur im Gesamten erfassbar, wenn er im kulturellen Reichtum seiner Wurzeln ruht. Deshalb würde ich das ungern auf Musik alleine fokussieren. Literatur, Kunst, Musik - alle drei brauchen einen höheren Stellenwert in der Ausbildung unserer Kinder, darauf müssen wir einen viel größeren Fokus legen. Und wir müssen natürlich die Bedeutung und die Stellung der Lehrer dieser Fächer stärken. Wenn uns das gelänge, bräuchten wir gar nicht mehr wünschen: Die Saat würde rasch aufgehen.

Benefizkonzert mit dem BR-Symphonieorchester. Leitung: Mariss Jansons, Solisten: Anne-Sophie Mutter (Violine), Maximilian Hornung (Cello). Werke: Doppelkonzert von Brahms, 2. Sinfonie von Sibelius; Herkulessaal, Freitag, 13. November, 20 Uhr. Das Konzert ist ausverkauft, wird aber im Radio auf BR-Klassik und per Live-Stream unter www.br-klassik.de übertragen.

Mutter’s Virtuosi

Wenn Anne-Sophie Mutter über musikalische Früherziehung redet, weiß sie am besten, wovon sie spricht: Die Violinistin begann 1976 im Alter von 13 Jahren ihre Konzert-Karriere. Seit sie 1977 bei den Pfingstkonzerten unter der Leitung von Herbert von Karajan ihr Salzburg-Debüt gab, zählt Anne-Sophie Mutter zu den großen Geigen-Virtuosen unserer Zeit. Mit dem klassischen Violinprogramm gab sie sich aber nie zufrieden, sie legt besonderen Wert auf zeitgenössische Musik: Komponisten wie Henri Dutilleux, Sofia Gubaidulina, Witold Lutosławski, und André Previn haben für Anne-Sophie Mutter komponiert.

Derzeit steht ihr Club-Album in den Bestsellerlisten der Klassik-CDs: der Live-Mitschnitt eines Konzerts in einem Berliner Nachtclub. Der gebürtigen Badenerin, die seit langem in München lebt, ist soziales Engagement sehr wichtig. Sie gibt regelmäßig Benefizkonzerte, 2011 etwa für die Stiftung "Lichtblick Hasenbergl". Zudem setzt sich die zweifache Mutter sehr für den musikalischen Nachwuchs ein, den sie über ihre "Anne-Sophie Mutter Stiftung" fördert. Junge Musiker aus allen Erdteilen sind dort Stipendiaten. Einige von ihnen bilden das Ensemble Mutter's Virtuosi, mit denen die Geigerin seit 2011 weltweit Tourneen unternimmt.

Einer der Stipendiaten ist Maximilian Hornung, inzwischen selbst ein Star der Klassikszene, zuletzt als bester Nachwuchskünstler mit dem "Europäischen Kulturpreis" ausgezeichnet. Der gebürtige Augsburger gewann 2007 mit dem Tecchler Trio den ARD-Musikwettbewerb und war von 2009 bis 2012 Solo-Cellist im BR-Symphonieorchester - sein Auftritt am Freitag mit dem Ensemble und Chefdirigent Mariss Jansons ist somit eine kleine Heimkehr. Inzwischen gilt Hornung als einer der besten Cellisten weltweit, seine Einspielungen der Cello-Werke von Dvořák, Strauss und Haydn wurden gefeiert. Auch er hat Club-Erfahrung: Er spielte dort Bachs Cello-Suiten. kc