Klassische Musik "Der Musikunterricht war nicht besonders inspirierend"

Herr Hornung, Sie sind 29, also noch kurz vor dem Zeitalter von Facebook und YouTube groß geworden. Würden Sie wohl eine Musikerlaufbahn einschlagen, wenn Sie heute jung wären?

Maximilian Hornung: Ich stamme aus einer Musikerfamilie, mein Vater ist Geiger, Konzertmeister in Augsburg im Orchester und meine Mutter ist auch musikbegeistert. Es waren immer Musiker im Haus, es wurde immer geprobt, gespielt. Musik hat zum Leben gehört wie Essen, Schlafen, Lesen. Es war ein ganz normaler Teil der Gemeinbildung. Da war es später auch ganz selbstverständlich, dass ich ein Instrument lerne. Das war erst Geige, dann ein bisschen Horn, dann Klavier, und als ich acht war, kam das Cello dazu. Ich würde mich heute, wenn ich das gleiche Umfeld hätte, wieder so entscheiden.

Mutter: Das Umfeld ist natürlich ganz entscheidend. Ich bin der erste Musiker in meiner Familie, aber das Umfeld war sehr musikaffin. Meine Eltern haben immer klassische Musik gehört. Also selbst in einer Umgebung, in der Musik nicht praktiziert wird, genügt es eigentlich schon, wenn sie einfach da ist. Jazz, Klassik - wie soll ein Kind überhaupt rausfinden, dass diese Dinge existieren, wenn Eltern damit keinen Umgang pflegen?

Heißt das, dass Kinder aus bildungsferneren Schichten gar keinen Zugang zu Klassik oder Jazz gewinnen können?

Mutter: Es ist nicht eine Frage der Bildung, ob ich ein Flötenkonzert im Radio höre. Ich habe doch die Wahl, Sender auszusuchen, die etwas anderes bringen als das, was ich schon kenne. Es ist eine Frage der Neugier. Die ist aber anstrengend, gerade wenn Kinder dann vielleicht auch noch Fragen stellen. Deshalb bleiben viele lieber bei dem, was sie schon kennen - das ist meistens nicht die klassische Musik.

Hornung: Ich habe das damals, als ich klein war, eigentlich als eine Art Freizeit empfunden, wenn ich Musik hörte. Es war auch wirklich etwas Besonderes, wenn mein Vater mit seinem Streichquartett bei uns zu Hause geprobt hat. Man hat es im ganzen Haus gehört, das war so ein Hauch von Urlaub. Es hat einen vom Alltag weggetragen.

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Und Sie waren bei den Freunden nicht der Außenseiter, bei dem Zuhause immer etwas gedudelt wurde?

Hornung: In der Grundschule war es natürlich schon so, dass ich meine Klassik-CDs gehört habe und die anderen die Backstreet Boys. Die haben mich schon so angesehen: Der macht etwas ganz anderes. Aber es war überhaupt nicht so, dass ich da nicht respektiert worden wäre.

Wären Sie durch den Musikunterricht in der Schule darauf gekommen, dass Musik für Sie interessant ist?

Hornung: Nein, mit Sicherheit nicht. Der Musikunterricht war nicht besonders inspirierend. Um wirklich eine Idee zu bekommen, was klassische Musik bedeutet, muss man Konzerte besuchen. Man hätte mit der Schule mal in die Oper gehen sollen oder in ein Symphoniekonzert, um das einfach mal live zu erleben. Das ist etwas völlig anderes, als wenn man eine CD einlegt. Diese Fülle eines Orchesters zu erleben, diese klangliche Kraft, diese Vielfalt, das ist unglaublich. Ich bin davon überzeugt, dass da bei jedem etwas bleibt, wenn er aus dem Saal geht.

Frau Mutter, Sie kritisieren auch, dass frühkindliche Musikerziehung viel zu sehr auf Rhythmus ausgelegt ist. Was stört Sie am Orff-Unterricht?

Mutter: Die Einseitigkeit. Rhythmusgefühl muss man selbstverständlich entwickeln, aber auch da scheinen die Kinder unterfordert. Beim Singen ist der ganze Körper in seiner ganzen Sinnlichkeit als Instrument erfahrbar. Das ist für das ganzheitliche Erleben seiner Selbst wichtig. Wir sprechen ja nicht nur davon, dass wir eine Generation von fabelhaften Musikern in die Welt schicken wollen. Sondern wir sprechen davon, dass ein Kind in seiner Ganzheit, in seiner Seelenwelt, in der Entwicklung der Phantasie, des Träumens, des Hörens gefördert werden soll. Das genaue Hinhören halte ich für ganz wichtig für den Dialog und das Verstehen. Nicht zum Erkennen falscher Noten, sondern für den Umgang miteinander.