Licht gedimmt, Projektor an, ein scherzhaftes „Toi, toi, toi!“ für den x-ten Probendurchlauf vorneweg. Reda Talebi stürmt durch den Hörsaal und krabbelt über die Tische auf der Such nach sich selbst. „Was habe ich früher gemacht? Ich weiß es nicht mehr?“ Da entdeckt er eine Gestalt mit weißem Kopftuch, seine verstorbene Mutter, gespielt von Fatemeh Hassani. Doch die weist ihn schroff ab. „Die Unterwelt hält niemanden fest, der noch auf der Suche ist.“
Klar, wer sein Graecum in der Tasche hat, der kann hier die Referenz auf Odysseus Besuch bei Teiresias in der Unterwelt erkennen. So wichtig ist die am Ende aber gar nicht. Denn „Die Odyssee“ aus dem Bellevue di Monaco, dem Wohn- und Kulturzentrum für Geflüchtete an der Müllerstraße, erzählt nicht einfach Homers Ilias nach. Vielmehr diente der Stoff als Anregung, um von den eigenen Erfahrungen von Flucht, Krieg, Warten und der Liebe zu erzählen.
Am 21. Februar feiert „Die Odyssee“ unter der Regie von Christine Umpfenbach im Fat Cat Premiere. Die renommierte Dokumentartheatermacherin hatte das alte Epos schon lange in der Kiste. Zu gut eignet sich die Geschichte, um durch sie etwa über Flucht zu sprechen. Die vier Themen – Flucht, Krieg, Warten, Liebe – bilden dabei vier Stationen auf der Irrfahrt durch den alten Gasteig, auf die das Bellevue di Monaco entführt.
Es ist nicht das erste Mal, dass die Theatergruppe sich mit antiken Stoffen beschäftigt. Schon 2023 spielten sie „Gilgamesh“, ebenfalls unter der Regie von Umpfenbach und ihrem Co-Leiter Kultur im Bellevue di Monaco, Denijen Pauljević. Doch im Gegensatz zum Gilgamesh-Epos, das vielen der Beteiligten aus ihren Herkunftsländern bekannt war, musste Homers Odyssee erst mal studiert werden.

Der Autor Pauljević begann vor mehr als einem Jahr mit den Workshops zum Text. Bogdana Pivtorac, die mit auf der Bühne steht, erinnert sich an ein Tafelbild, das all die griechischen Götter in eine Ordnung gebracht hat. Viel anspruchsvoller war es aber, die eigenen Erinnerungen zu sortieren und zu Papier zu bringen. Nicht immer fiel das leicht. „Reingehen in diese Thematik, ist schwer für manche von uns“, sagt Tracey Igbinosun, deren Familie aus Benin in Nigeria flüchten musste.
Genau deshalb braucht es für das Thema auch die Vermittlung über das antike Epos. Umpfenbach weiß, die Arbeit ist leichter, wenn man nicht nur mit biografischem Material arbeitet. Die Regisseurin scheute in ihren dokumentarischen Stücken auch bisher keine schweren Themen. In Zusammenarbeit mit Azar Mortazavi brachte sie 2014 im Residenztheater das erste Stück auf die Bühne, dass sich mit den NSU-Morden aus Perspektive der Opfer beschäftigte. Auch damals war ein indirekter Zugang wichtig. Die Darsteller repräsentierten die realen Personen, verkörperten sie aber nicht.

Ähnlich bei „Die Odyssee“. Niemand erzählt hier auf der Bühne die eigene Lebensgeschichte, sondern nur die der Mitspieler und verfremdet durch die Beschäftigung mit der Odyssee. Doch trotz aller Behutsamkeit geht der Prozess den Darstellern nahe. Yamen Machnouk, der erst mit dieser Produktion zur Theatergruppe des Bellevue di Monaco gestoßen ist, erinnert sich an die erste Textprobe: „Ich war richtig emotional, als das vorgelesen wurde.“ So sehr es dabei um ihre persönlichen Geschichten gehen mag, was viele der jungen Menschen auf die Bühne zieht, ist die Möglichkeit zur Repräsentation. „Ich kenne viele, die geflüchtet sind, aber ich kenne niemanden sonst, der seine Erfahrungen auf die Bühne bringt“, sagt Reda Talebi.
Talebi ist schon seit bald drei Jahren Teil der Truppe. So auch Igbinosun, Hassani und Pivtorac. Über Freunde oder Familie sind sie zur Theatergruppe gekommen. Igbinosun wurde etwa von ihrer Mutter hingeschickt. „Du machst zu viel Schmarrn draußen“, war die Begründung. Wie viele hier geht sie nebenbei noch in die Schule. Andere machen eine Ausbildung, studieren oder arbeiten. Entsprechend anstrengend ist es, die Proben in den Alltag aller zu integrieren. Für Umpfenbach ist der Mix von verschiedenen Milieus und Erfahrungen, die hier zusammenkommen, aber auch eine der großen Stärken des Projekts und Ressource.
So gut wie alles an dieser Produktion kommt dabei aus dem Bellevue di Monaco. Idee und Konzept etwa, aber auch das Know-how für Schauspiel, Tanz und Gesang. Mit von der Partie ist zudem die Münchner Rapperin Gündalein, die in dem Kulturzentrum in der Müllerstraße 2-6 in einer wöchentlichen „Rap Academy“ ihr Wissen und Können weitergibt. Für „Die Odyssee“ kooperiert die Theatergruppe zudem mit dem Theaterlabor der Münchner Kammerspiele und ist dort im Programm aufgeführt. Odysseus mag sich auf ewig auf Irrfahrt befinden, das Bellevue di Monaco ist schon lange voll in der Münchner Kulturszene angekommen.
„Die Odyssee“, Theatergruppe des Bellevue di Monaco, Premiere am Samstag, 21. Februar, 19.30 Uhr, Fat Cat im alten Gasteig, weitere Termine und Tickets unter bellevuedimonaco.de und www.muenchner-kammerspiele.de

