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Beliebte App:Monster an der Uni

Das Smartphone-Spiel Pokemon Go erreicht München, vor allem Studenten fangen die Fabelwesen - die Bibliothek des Instituts für Mathematik und Informatik ist ein besonders beliebter Ort für die Jagd

Von Philipp Kreiter

Das Institut für Mathematik und Informatik der Münchner TU: überall laufen Studenten in kleinen Grüppchen herum, angestrengt über ihre Smartphone gebeugt. Viel Hektik, hier und da ein kurzer Freudenschrei, dann wieder Hektik. "Da, ich habe ein starkes Rattikarl gefunden!", ruft jemand und sofort macht sich die ganze Gruppe daran, es einzufangen. Denn sie haben eine Mission: Sie müssen Monster jagen. Wobei es sich bei den Monstern um Pokémon (vom englischen "Pocket Monster") handelt und die Jagd mit der neuen Smartphone App "Pokémon Go" stattfindet. Die Monster gibt es also nur virtuell, der Spieler sieht sie im Handy. Um eines zu fangen, muss er sich aber an einem vom Spiel vorgegebenen realen Ort begeben, der auf einer Karte markiert ist. Bis Mittwoch war diese App nur über Umwege in Deutschland erhältlich.

Solche Umwege kennen naturgemäß Informatikstudenten besonders gut. "Im Institut für Mathematik und Informatik ist Pokémon Go allgegenwärtig", sagt etwa Maximilian Tharr (24), Student im Master Informatik. Ein Blick in die Bibliothek des Instituts zeigt: Studenten sitzen an den Arbeitsplätzen, angestrengt über Laptops und Bücher gebeugt, es ist schließlich Klausurenphase. Doch die meisten greifen alle fünf Minuten zum Smartphone, wischen ein bisschen darauf herum und konzentrieren sich dann wieder - für fünf Minuten. Ausgerechnet in der Bibliothek fallen einige besonders begehrte Orte im Spiel zusammen. An sogenannten Pokestops bekommt der Spieler neue Pokébälle, mit denen sich die kleinen Monster fangen lassen. Für die Konzentration beim Lernen ist es allerdings eher abträglich, immer wieder auf dem Smartphone zu aktualisieren. Auch dass die Spieler die Sitzplätze blockieren, stößt Kommilitonen sauer auf. Einem Großteil der Studenten ist das aber egal, zu groß ist die Faszination des Spiels. Eine offizielle Reaktion der Uni zu dem Spiel gibt es noch nicht.

Meistens sitzen die Spieler ohnehin nicht an einem Ort, sondern müssen sich bewegen. In der Studentenstadt wird das besonders sichtbar: Allabendlich machen sich Gruppen von Studenten mit ihrem Smartphone in der Hand in den Englischen Garten auf, um seltene Pokémon zu fangen oder auch ihre Pokémon zu trainieren. "Teilweise laufe ich pro Tag fünf bis zehn Kilometer zusätzlich", sagt einer der Studenten. Eine Gruppe erzählt, sie hätte an einem Abend eine Stunde damit verbracht, ein besonders seltenes Pokémon in der Nähe ausfindig zu machen. Und plötzlich strömen von allen Seiten Leute herbei, jemand hat ein Item aktiviert, das die Zahl der Pokémon an der Stelle rapide ansteigen lässt. Etwa dreißig Studenten starren angestrengt durch ihr Handy und versuchen, die kleinen Monster einzufangen. Dann ziehen sie weiter.

Auch wenn das Phänomen dort am sichtbarsten ist, wo viele Technik-affine Menschen unterwegs sind, schwappt die Pokémon-Welle zunehmend auch an andere Orte. Der Münchner Marienplatz, es ist Mittwochmittag, die App ist erst seit wenigen Stunden in Deutschland erhältlich. Hier halten viele Passanten ihr Smartphone in die Luft, schließlich gibt es mit dem Rathaus und dem Glockenspiel einiges zu fotografieren. Es ist erst einmal schwierig zu sagen, ob hier besonders viele Leute das Spiel spielen. Ein Blick in die App hilft: Dort, wo Pokémon zu finden sind, stehen ganze Trauben von Menschen und versuchen sie zu fangen. Einigen ist es unangenehm, dass sie vor dem Eingang eines großen Kosmetikgeschäfts jagen, "aber das Paras habe ich eben noch nicht." Mit kindlicher Begeisterung freuen sich die Spieler, wenn der Fang eines seltenen Pokémons glückt. "Die App vermittelt mir das Gefühl, wieder zehn Jahre alt zu sein", sagt ein Passant und muss grinsen.

Screenshot: Niantic, Nintendo; Foto: Özer; Montage: SZ

So viel Freude die App auch bereitet, ungefährlich ist sie nicht. Der ADAC warnte am Mittwoch vor den Gefahren für den Straßenverkehr. Spieler liefen achtlos über die Straße oder seien unaufmerksam am Steuer. Dies ist wohl auch den Machern des Spiels bewusst: Bei jedem Start der App erscheint ein Hinweis, auf die Umgebung zu achten. In den USA hat es schon schwere Zwischenfälle gegeben - man sollte also Vorsicht walten lassen bei der Jagd.

© SZ vom 14.07.2016
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