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Belastende Situationen:Sprechen über den Schrecken

Andreas Schießl

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Bei einer Hotline finden Ärzte und Pfleger in der Corona-Zeit Hilfe von Kollegen

Es ist schon viele Jahre her, da wurde Andreas Schießl als Notarzt an den Hohenzollernplatz gerufen. Person auf den Gleisen. Bis er an das Opfer herankrabbeln konnte, hat es gedauert. Und als Schießl den Kopf berührte, ist seine Hand in den Schädel hineingefallen. "Ich habe sofort gemerkt, dass ich ihm nicht mehr helfen konnte", erinnert er sich. Seine Gedanken sprangen gleich zum U-Bahn-Fahrer. Vielleicht benötigt der seine Hilfe? Schießl eilte zum Fahrer. Aber da saß bereits ein Fahrer-Kollege. Der Mann konnte über das eben Erlebte sprechen und es verarbeiten.

Auf dem Nachhauseweg kam Schießl ins Grübeln. Die U-Bahn-Fahrer, die Feuerwehrleute, die Sanitäter - sie alle hatten Kollegenorganisationen, die ihnen in schwierigen Situationen zur Seite stehen. Sogenannte Kriseninterventionsteams betreuen das Einsatzpersonal bei Katastrophen. Auch Ärzte kommen immer wieder in Ausnahmesituationen, Ringen um Leben und Tod, müssen miterleben, dass jemandem nicht mehr zu helfen ist. So wie am Hohenzollernplatz. "Und ich fahr jetzt einfach wieder heim", dachte sich Schießl damals. Traumatisiert sei er zwar nicht gewesen, aber darüber zu sprechen, hätte sicher gut getan, sagt er. Einige Jahre später stieß er ein erstes Projekt an, 2013 ist daraus der bayernweite Verein PSU-Akut geworden. PSU steht für psychosoziale Unterstützung. Der Verein bildet Ansprechpartner aus, an die man sich in belastenden Situationen wenden kann. Die Mediziner hätten diese Art von seelischer Nachsorge lange Zeit "komplett vernachlässigt", sagt Schießl, der als Oberarzt im Fachzentrum für Anästhesie und Intensivmedizin an der Schönklinik in Harlaching arbeitet. Das liege auch daran, dass das Bild der "Halbgötter in Weiß" noch in den Köpfen der Menschen, aber auch der Ärzte selbst kursiere. "Das musst du aushalten", denkt sich vielleicht ein Kollege, der nach einem schwierigen Fall noch lange dran zu kauen hat. Aber Schießl sagt: "Das ist was, worüber man reden sollte."

Der Kampf gegen die Corona-Pandemie lenkte den Blick des Vereins verstärkt auch auf die anderen Mitarbeiter im Krankenhaus, die durch das Virus oft über ihre Belastungsgrenzen hinaus arbeiten. Nach den medial verbreiteten Bildern aus Italien hätten viele die Sorge gehabt, entscheiden zu müssen, wem sie helfen und wem nicht. Das habe bei vielen Angst ausgelöst. Deshalb wurde eine Telefon-Helpline ausgebaut, an die sich Betroffene wenden können: Pflegekräfte, Ärzte, medizinische Fachangestellte, Rettungsdienstmitarbeiter. Wenn nötig, stehen auch psychosoziale Fachkräfte und approbierte Psychotherapeuten für Gespräche bereit.

Covid-19-Patienten, die oft mehrere Wochen lang beatmet werden müssen, deren Organe kollabieren, oder ein plötzlicher Hirnschlag, bei dem jemand aus dem Leben gerissen wird - "Intensivmedizin ist immer an der Grenze der menschlichen Existenz", weiß Schießl. Wenn man so etwas erlebe - "das macht was mit einem". Wegschieben helfe nicht. Die Erlebnisse könnten in einer anderen Lebensphase wieder hochkommen. Deshalb müsse man Zeit und Energie investieren, um diese Fälle "vernünftig abzulegen". Auch für Kollegen, die in Quarantäne zu Hause sitzen und nicht wissen, ob sie vielleicht schon jemanden angesteckt haben, stelle die Helpline Ansprechpartner zur Verfügung. Schießl schwebt eine "Kultur des Miteinanders" vor, in der alle, die im Gesundheitswesen arbeiten, sich als Kollegen begreifen und aufeinander Acht geben.

© SZ vom 16.05.2020
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