Süddeutsche Zeitung

Beispielhafte Realschulen:Filmgruppen, Dattel-Nutella und ein Klassenhund

Die Samuel-Heinicke-Realschule in Nymphenburg hat Schüler aus ganz Bayern eingeladen, die zeigen, was man außer Mathe noch so alles lernen kann

An vielen Ständen in der Pausenhalle herrscht noch Leere. An einer fahrbaren Kochinsel warten die Siebtklässler der Carl-Spitzweg-Realschule auf erste Messebesucher. Als die dann endlich in die Halle strömen, kommt Bewegung in die Schüler. "Hauben auf", dirigiert die Lehrerin; widerspenstige Haarschöpfe und kabellose Kopfhörer verschwinden unter den dünnen Haarnetzen. Die Schüler der Carl-Spitzweg-Realschule sind zu Gast in Nymphenburg, denn die private Samuel-Heinicke-Realschule hat an diesem Tag zur Schulentwicklungsmesse eingeladen. Realschulen aus ganz Bayern sind mit Beispielprojekten ihrer Schulen dabei.

Dass Schulentwicklung mehr ist als die bloße Anschaffung digitaler Lernmaterialien, wurde am Stand der städtischen Carl-Spitzweg-Realschule besonders deutlich. Der mobile Kochwagen steht im Zentrum des Projekts. Die Schule hatte sich beim Bezirksausschuss Allach-Untermenzing um einen solchen Kochwagen beworben, der mit zwei Herdplatten und viel Stauraum ausgestattet ist. Im vergangenen halben Jahr erfanden die Realschüler mit der Unterstützung zweier Ernährungsberaterinnen Rezepte für gesunde Snacks. "In der Pause verkaufen wir davon aber nur Sachen, die uns selbst gut geschmeckt haben", erklärt die Zwölfjährige Jessi Chan. Am Messestand präsentiert sie mit ihren Mitschülern ihre Lieblingsrezepte: Waffelförmchen mit Joghurt, Apfelmus und Streuseln und eine Art gesundes Nutella aus Datteln - und ohne Zucker, wie sie stolz betonen. Der Pausenverkauf soll aber nicht nur gesund, sondern auch nachhaltig sein, erklärt Lehrerin Heide Hevendehl-Arndt. "Statt Plastik verwenden wir Waffeln und Pfandgläser." Das Projekt ist jedoch nicht nur Teil des Ernährungs- und Gesundheitsunterrichts an der Realschule. "Geplant ist langfristig eine Fächerübergreifende Arbeit", so Hevendehl-Arndt. So lernten die Schüler im Rechnungswesen-Kurs, wie sie die Kosten für den Einkauf kalkulieren könnten, im Computerunterricht wird ein Rezeptbuch layoutet. Die gesunde Pausenverpflegung sei, trotz der hausmeisterlichen Schnitzel-Semmel-Konkurrenz, gut bei den Mitschülern angekommen, weniger beliebt seien bei der Kochtruppe jedoch die vorgeschriebenen Hygiene-Häubchen, so die Lehrerin.

Selber ausprobieren und eigene Projekte umsetzen, darum geht es ein paar Stände weiter auch bei der privaten Sabel-Realschule. Dort wurde zunächst mithilfe einiger Eltern das Equipment für eine Filmklasse bereitgestellt: Ältere Laptops, auf denen eigene Filme geschnitten und bearbeitet werden können. Florian Schröder ist Projektbetreuer und sagt, dass viele der Kinder sich auch ohne oder vielleicht sogar wegen des fehlenden Notendrucks besonders ins Zeug legen. Ab der fünften Klasse können die Schüler hier eigene Filmprojekte umsetzen. Dass Filmprojekte viel Zeit in Anspruch nehmen, weiß der Projektbetreuer. "Wir haben das Glück, dass wir eine Ganztagsschule sind." Wenn gegen Ende des Schuljahres an vielen Schulen nur die Zeit abgesessen werde, legten die Realschüler der Sabel-Schule erst richtig los. Dann werde vielen Filmprojekten der letzte Schliff verpasst. Das aktuelle Werk der Siebtklässler "No Support", debütiert Anfang April beim Kinder- und Jugendfilmfestival flimmern&rauschen am Gasteig.

Das Filmprojekt ist jedoch nur eines der technisch orientierten Angebote. Neben einem Robotik-Projekt und einer Initiative gegen Mobbing im Klassenchat dominierte aber vor allem ein Thema: Nachhaltigkeit. Manche Schülerin habe man mit den Umweltprojekten von der freitäglichen Umweltdemo zurück ins Klassenzimmer locken können, erzählt Rotraud Kotter, Lehrerin an der Erzbischöflichen Maria-Ward-Mädchenrealschule in Berg am Laim. Die Schülerinnen sähen, dass sie im eigenen Umfeld selbst tätig werden könnten. Die Schule züchtet beispielsweise Bienen auf dem Schulgelände.

Den Umgang mit Bienen dürfte für viele Schüler neu sein. Was für die einen die Bienen sind, sind für die anderen die Hunde. "Viele meiner Schüler hatten noch nie Kontakt zu Tieren", erzählt Angelika Beisegel, Lehrerin für Deutsch und Ethik an der Städtischen Elly-Heuss-Realschule. Seit sie ihre Schulhündin Biesti in ihre Klasse bringt, habe sich dort einiges verändert. Ihre Hündin beruhige die 32 Schüler der Ganztagsklasse und schaffe eine entspannte Arbeitsatmosphäre. "Der Umgang der Schüler untereinander ist besser geworden", sagt die Lehrerin. Es gebe mehr Zusammenhalt. Die Schulhündin werde in den Unterricht eingebaut, als Belohnung für Schüler (und Hund) winkt dann auch mal ein gemeinsames Spielen.

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SZ vom 24.02.2020
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