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Behördengänge:"Da liegen die Nerven oft echt blank"

Andrang vor dem Kreisverwaltungsreferat in München, 2016

"Da laufen diejenigen, die sich nicht auskennen, panisch und in irrem Tempo durch die Gänge", sagt Sebastian Simon und empfiehlt den Seiteneingang.

(Foto: Robert Haas)

Sebastian Simon war etwa Hundert Mal bei den Behörden in der Poccistraße. Er kennt den täglichen Wahnsinn im KVR - und ein paar einfache Tricks.

Interview von Philipp Crone

Sebastian Simon kennt nach einhundert Besuchen jeden Winkel im Kreisverwaltungsreferat. Wo andere morgens zu Dutzenden um Punkt 7.30 Uhr durch die Gänge rennen, ist der 25-jährige Österreicher, der an der TU Luft- und Raumfahrt und BWL studiert hat, Vollprofi. Aus der eigenen Erfahrung, wie chaotisch zum Teil die Kunden im KVR herumirren und den auch dadurch zunehmenden Wartezeiten entstand die Idee, einen Service anzubieten.

Mittlerweile hat sich der Dienst Erledigungen.de etabliert, mittlerweile in sieben deutschen Städten. Simons Mitarbeiter erledigen Behördengänge, dabei kennen sie alle Tricks, die es braucht, um nicht erst nach Stunden an der Reihe zu sein. Und skurrile Erlebnisse gibt es bei der Arbeit gratis dazu.

SZ: Herr Simon, was sagen Sie jemandem, der zum Beispiel einen Personalausweis braucht und zum KVR an der Poccistraße geht?

Sebastian Simon: Der entscheidende Unterschied, ob man lange warten muss oder nicht, ist, ob man um fünf vor halb oder um fünf nach halb Sieben da ist.

Warum?

Weil es jeden Morgen wieder ein fast absurdes Schauspiel ist, was in den ersten Minuten passiert. Da laufen diejenigen, die sich nicht auskennen, panisch und in irrem Tempo durch die Gänge, um an jeder der neun Wartezonen einen Wartezettel zu ziehen. Erst danach überlegen sich viele: Ah, mein Nachname beginnt mit B, ich muss zur Wartezone eins. Wenn man nach halb Sieben kommt, muss man daher deutlich länger warten.

Wo soll man sich denn aufstellen?

Ein Geheimtipp ist der Seiteneingang an der Ruppertstraße. Der Sicherheitsdienst sperrt von hinten nach vorne auf. Wenn man also am Seiteneingang, wo weniger los ist und auch die Mitarbeiter etwas früher reingehen, um fünf vor Halb reingelassen wird, hat man noch ein paar Minuten, bevor die Flut der Wartenden vom Haupteingang losbricht.

Wie ist es mit Passfotos? Gibt es da auch einen Trick?

Ja, aber vor allem einen, der das Warten der anderen verringert. Die Mitarbeiter im KVR dürfen, wenn es etwa um einen Personalausweis geht und der Kunde keine Fotos dabei hat, keinen anderen Kunden betreuen in der Zeit, in der derjenige ohne Passfotos schnell rausläuft, um am Automaten Bilder zu machen. Also: vorher informieren. Man braucht fast immer ein aktuelles biometrisches Foto.

Was ist denn in Ihren Augen das größte Problem bei diesen Behördengängen?

Dass ganz viele Leute keine Ahnung haben, was sie brauchen und mitbringen müssen.

Zum Beispiel?

Ich habe oft bis zu vier Wohnsitzmeldungen in der gleichen Zeit geschafft, in denen ein anderer nicht mal einen hinbekommen hat. Das liegt daran, dass ganz viele ankommen und sagen: "Hallo, ich möchte mich ummelden." Und dann gehen sie unverrichteter Dinge wieder nach Hause, weil sie zum Beispiel nicht wussten, dass man seit einiger Zeit dafür eine Vermieterbescheinigung braucht.

Was schätzen Sie, wie viele kommen umsonst?

Ein Drittel der Leute wird wieder nach Hause geschickt, schätze ich, mindestens.

Und das führt zu schlechter Stimmung.

Absolut, da lassen viele auch ihren Frust an den Mitarbeitern aus. Deshalb ist es auch immer klug, schlicht und einfach freundlich zum Personal zu sein. Da reicht oft einfach nur ein Lächeln. Zum Teil wird es ja sogar handgreiflich, wenn die Leute unzufrieden sind.

Handgreiflich?

Ich habe einmal an der Kasse erlebt, dass sich Personen am zweiten Schalter angestellt haben, der aber geschlossen war. Dann haben sich beide Schlangen langsam vermischt, und als die Leute das gemerkt haben, brach ein Tumult aus. Es wurde geschrien und geschubst, so dass die Security eingreifen musste. Da liegen die Nerven oft echt blank.

Warum?

Gute Frage. Deutsche gehen verhältnismäßig selten zu Behörden, sind die Abläufe also nicht so gewohnt, denke ich. Dazu ist das Personal oft sehr überlastet, gerade durch die vielen Anträge von Flüchtlingen in der jüngsten Zeit. Zum Glück ist es aber noch bei Weitem nicht so schlimm wie in Berlin, wo man bis zu sechs Wochen auf eine Kfz-Zulassung warten muss.

© SZ vom 07.06.2017/vewo
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