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Behinderte Frauen mit Kinderwunsch:Jugendamt sieht Kindeswohl gefährdet

Die gynäkologische Ambulanz der Amperkliniken in Dachau ist eine Ausnahme. Sie ist mit Hebelift und höhenverstellbarem Untersuchungsstuhl speziell auf behinderte Frauen eingerichtet - als eine von fünf Praxen in Deutschland. Ihre Leiterin Gerlinde Debus nimmt sich eine Stunde Zeit für jede Frau. Wünscht diese sich ein Kind, klärt Debus die Risiken ab. Bei Spastikerinnen untersucht sie, ob ein Kind im Mutterleib genug Platz hätte. Patientinnen mit Glasknochenkrankheit oder verkrümmter Wirbelsäule gibt sie Tipps, wie sie am besten mit ihrem Partner schlafen können. "Sind alle Risiken abgeklärt", sagt Debus, "steht einer Schwangerschaft nichts im Weg."

Schwieriger, als Kinder zu bekommen, ist es für behinderte Frauen oft nur, sie auch ohne professionelle Hilfe aufzuziehen. Die Münchnerin Anke-Maria Sander hat vor zehn Monaten eine Tochter geboren. Auch sie sitzt im Rollstuhl und kann sich kaum alleine bewegen. Zwei Assistentinnen sind nun 16 Stunden am Tag da, um sie und ihr Kind zu unterstützen. "Sie ersetzen meine Hände", sagt Sander. "Wenn ich mit der Kleinen auf dem Boden sitze, halten sie uns und geben uns Spielzeug." Wie Sander brauchen viele Mütter einen Menschen, der sie mit ihrem Kind zusammenbringt. Der es wickelt, füttert und mitgeht, auch zum Babyschwimmen. "Das sollte nicht immer der Partner sein, auch wenn er nicht eingeschränkt ist", sagt Sander. "Er darf nicht für alles herhalten müssen." Zu groß die Gefahr, dass eine Beziehung unter der Belastung zerbricht.

Sie hat sich monatelang um die Elternassistenz bemüht. Wie lange der Bezirk ihr nun diese Hilfe bewilligt, kann sie nicht abschätzen. Zehn Eltern bekommen zurzeit in Oberbayern regelmäßig Unterstützung für ihr Kind; einen Anspruch darauf haben sie nicht. Bei der Eingliederungshilfe - also auch bei der Elternassistenz - entscheidet die Behörde von Fall zu Fall. Dabei schreibt das Grundgesetz vor, dass niemand wegen seiner Behinderung benachteiligt werden darf. In der UN-Behindertenrechtskonvention hat sich Deutschland verpflichtet, alle in ihrem Grundrecht auf Elternschaft zu unterstützen und ihnen Mittel zur Verfügung zu stellen, um es wahrnehmen zu können.

Ein Dilemma bleibt: "Viele behinderte Menschen wollen eine Familie gründen", sagt Weiß vom Bundesverband behinderter Eltern. "Das Kindeswohl gefährden wollen sie natürlich nicht." Esther Hoffmann will sich jetzt schon um alle Papiere kümmern, damit ihr Kind später gut versorgt ist. Der Münchnerin Anna Demmler wiederum hätten die Behörden ihr Kind fast weggenommen. Die alleinerziehende Mutter mit Multipler Sklerose braucht Tag und Nacht Hilfe. Als ihre Tochter wenige Monate alt war, gewährte ihr der Bezirk nur einige Stunden Assistenz. Weil sie nicht alleine aufstehen kann, wenn ihr Kind schreit, blieb sie nächtelang im Rollstuhl neben dem Bettchen sitzen. "Ich habe Fläschchen vorbereitet und ab und zu im Sitzen geschlafen", sagt sie. Das Jugendamt sah das Kindeswohl gefährdet. Bevor Mutter und Kind getrennt wurden, sprang der Pflegedienst ein. Jetzt hat Anna Demmler 10 000 Euro Schulden. Ihre Tochter hat sie bei sich.

Am Donnerstag, 8. März, veranstalten die Netzwerkfrauen Bayern eine Diskussion zum Thema: "Mutter mit Behinderung - ein Ding der Unmöglichkeit?" Um 14.30 Uhr im HypoVereinsbank Haus Ost (München, Arabellastraße 14). Anmeldung unter Telefon 089/ 45 99 24 27 oder info@netzwerkfrauen-bayern.de.

© SZ vom 05.03.2012/afis

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