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Begegnungen:Unter Menschen

Die Fahrt mit der U-Bahn bringt viele Weggefährten, aber sie beschäftigen sich nur mit sich selber. Dennoch gibt es Momente der Herzlichkeit

Von Jacqueline Lang

Mein Freund Jonas sagt, die U-Bahn ist ein Schmelztiegel. Er sagt, die U-Bahn konzentriert die Essenz der Bewohner einer Stadt. Ein Ort, an dem man ein Gefühl für die Größe der Stadt bekommt und dafür, dass man nur einer von vielen Menschen ist, die hier leben.

Meine U-Bahn-Haltestelle ist die Theresienstraße. Die liegt an der U2. Am liebsten cruise ich zwar auf meinem Fahrrad durch die Stadt, aber manchmal bin ich dann doch ein bisschen faul. Dann fahre ich U-Bahn. Musik an, Welt aus. Machen das die meisten Menschen genauso wie ich, oder ist die Münchner U-Bahn ein Ort, an dem man Menschen nicht nur trifft, sondern ihnen auch begegnet? Heute entscheide ich mich für: Musik aus, Welt an.

Schräg gegenüber von mir sitzt ein Mann mit einer verbeulten Aluminium-Butterbrotdose. Wir treffen uns hier in der U-Bahn, weil wir beide ein Ziel haben, zu dem uns die U-Bahn bringen soll. Nur hier unter der Erde überschneiden sich unsere Realitäten kurz, kreuzen sich für drei U-Bahnstationen. Am Sendlinger Tor steige ich aus. Der Mann bleibt sitzen. Seine Reise geht noch weiter.

Ich verlasse bekanntes Terrain und steige in die U 3 Richtung Moosach. Das Abteil ist fast leer. Zwei Vierer-Sitze weiter lässt sich ein Punk nieder. Lila Irokese, Piercing in der Nase, Bier in der Hand, Kopfhörer im Ohr. Bis auf die bunten Haare unterscheidet er sich damit kaum von den übrigen Fahrgästen. Die meisten hören Musik oder starren auf ihr Smartphone. Eine Frau hält sich mit den Fingern die Ohren zu. Hier unterhält sich kaum jemand. Und falls doch, ist die Stimme gedämpft - bis ein bärtiger Typ mit Cap und ein Mädchen mit raffinierter Flechtfrisur am Odeons-platz einsteigen. Sie fangen an zu singen: The Sound of Silence. Ich muss grinsen.

"Wos is jetzt do?", grantelt der U-Bahn-Fahrer. Da war wohl mal wieder jemand nicht schnell genug beim Einsteigen. Die Türe schließt. Die Fahrt geht weiter. Eine Gruppe von zehn Jugendlichen ist eingestiegen. Nach kurzem Lauschen bestätigt sich der Verdacht: Eine amerikanische Schulklasse. Die Indizien: Trekking-Sandalen und Basketball-Shorts. Der größte und schwerste von ihnen nimmt gegenüber von mir Platz. Pubertät steht ihm ins Gesicht geschrieben: Eine leuchtend rote, sonnenverbrannte Nasenspitze, einige Pickel am Kinn, Schweißperlen auf der Stirn. Zwei Mädchen aus der Gruppe beugen sich über eine Spiegelreflexkamera. "That's so cute", sagen sie nach jedem Bild. Ich frage mich, was sie auf den Bildern sehen, denn ich habe davor nur beobachtet, wie sie Bilder von sich gemacht haben, auf denen sie sich Gummibärchen auf die Stirn kleben.

"Nächster Halt Münchner Freiheit", tönt es aus den Lautsprechern. Zwei Polizisten steigen ein. Ob die wohl neuerdings mit der U-Bahn auf Streife gehen? Auf der Bank am Gleis sitzt ein alter, augenscheinlich obdachloser Mann. Neben ihm steht ein blauer Rollkoffer, seine Füße stecken in Wanderschuhen, in der Hand hält er eine Dose Bier. Für ihn geht die Reise nirgendwohin. "Ich lebe einmal und sonst nie wieder", sagt jemand hinter mir. Ich schaue aus dem Fenster und sehe die unterschiedlichsten Menschen: Den Mann mit der Aktentasche und das Mädchen mit dem Longboard unterm Arm. Die blonde Frau mit den Dreads und den Typ mit der Glatze. Den Obdachlosen mit dem blauen Rollkoffer und in der Spiegelung der Scheibe auch mich selbst. Wir unterhalten uns nicht, haben vielleicht nichts mit einander gemeinsam. Doch hier, unter der Erde kreuzen sich unsere Wege, wenn auch manchmal nur für einen Bruchteil von Sekunden: Beim Ein- und Ausfahren der U-Bahn. Beim Hoch- und Runterfahren der Rolltreppe.

Die Anonymität der Großstadt, in der Münchner U-Bahn kann man sie spüren. Gäbe es da nicht Momente wie diesen: Eine junge Frau hastet die Rolltreppe hinunter. Ihr großer Rucksack scheint schwer zu sein. Die Türen der U-Bahn schließen sich langsam, aber unaufhaltsam. Doch dann schiebt ein Mann mit bereits ergrautem Haar seinen Fuß dazwischen, hindert die U-Bahn am Weiterfahren. Als die Frau erleichtert die U-Bahn erreicht, wendet der Mann den Blick ab.

Mein Freund Jonas hatte wieder einmal recht. In der U-Bahn konzentriert sich die Essenz, das, was den Münchner ausmacht. Hier, gut versteckt unter der Oberfläche, findet man sie deshalb: Münchner Herzlichkeit in Reinkultur. Denn wir mögen nicht viel gemeinsam haben und doch: Wir alle freuen uns über eine U-Bahn-Tür, die etwas länger offen bleibt als vorgesehen.

© SZ vom 26.07.2016
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