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Bedrohte Bäume:Kampf dem Käfer

Komplizierte Käfersuche: Gärtnermeister Josef Fuchs und Karin Krause (Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten) begutachten einen Baum in Anzing.

(Foto: Christian Endt)

Weil der Zitrusbockkäfer Bäume innerhalb weniger Jahre abtöten kann, reagieren die Behörden auf den Fund eines Exemplars in Anzing radikal: Fachleute durchsuchen fieberhaft Gärten und Flurstücke, um eine Ausbreitung des Insekts zu verhindern.

Von Nicola Staender, Anzing

45 Minuten brauchen Karin Krause und Josef Fuchs für das Eckgrundstück im Anzinger Tannenweg. Die Gartenbauingenieurin kratzt mit einer kleinen Säge an den Wurzeln eines Apfelbaumes, einer der Bäume, die "ganz vorne auf der Vorzugsliste" des Zitrusbockkäfers stünden, den Krause und der Gärtnermeister Josef Fuchs hier suchen. Es ist eine Sisyphusarbeit: 600 Flurstücke müssen sie kontrollieren, darunter Gärten, Felder und Wald. Krause kriecht unter Sträucher, wenn es sein muss, wischt das Laub zur Seite und kommt mit Dornen im Haar wieder unter der Pflanze hervor. "Nichts", sagt sie. Es ist etwa das 100. Grundstück, das in Anzing innerhalb von zwei Monaten besucht wird. Den Zitrusbockkäfer finden, der als noch gefährlicher als der Asiatische Laubholzbockkäfer gilt - das ist momentan das erklärte Ziel in der Gemeinde östlich von München.

Ob die Experten den Kampf gegen das Insekt überhaupt gewinnen können, ist ungewiss. Sollte es tatsächlich mehrere seiner Art in Münchens Umgebung geben, müssten Quarantänezonen festgelegt, befallene Bäume gefällt, zerhäckselt und sofort verbrannt werden. Im Einzelfall müssen auch alle im Umkreis von 200 Metern wachsenden Bäume zerstört werden. So passiert es in Feldkirchen und Neubiberg: Dort hat sich der Asiatische Laubholzbockkäfer ausgebreitet, ein dem Zitrusbock ähnlicher Käfer, nicht ganz so gefährlich, aber trotzdem: Er entkommt bislang immer wieder den Kontrollen und den Fällungen und greift immer weitere Laubbäume an. Allein in Feldkirchen mussten bereits 700 Bäume und fünf Hektar Wald gefällt werden - die Verfolgung der Schädlinge fordert sichtbar Opfer.

Und plötzlich ist eben auch er wieder da, in der Nähe von München, sechs Jahre, nachdem er schon einmal in der bayerischen Hauptstadt aufgetaucht war: der Asiatische Zitrusbockkäfer. Er kroch aus einem aus China importierten, im Anzinger Gartencenter verkauften Fächer-Ahorn und flog davon. Und er wäre wohl unerkannt geblieben, hätte der Besitzer der befallenen Zierpflanze das Insekt nicht fotografiert und das Bild zur Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL) geschickt, wo der Käfer identifiziert worden ist.

Der Käfer ist ein imposantes Insekt aus Ostasien, bis zu vier Zentimeter lang kann er werden. Er hat schwarz-hellblau gestreifte Fühler. Der Zitrusbock ist insbesondere für deutsche und europäische Laubbäume gefährlich. Er wird hauptsächlich durch Pflanzenimporte aus China eingeführt, sitzt als Larve in den Stämmen solcher Gewächse, die eigentlich deutsche Gärten verschönern sollen, allen voran im Fächer-Ahorn. Auch was dieser Käfer zurücklässt, sind im schlimmsten Fall tote Bäume, abgeholzte Flächen, heruntergefallene Äste.

Für Laien und selbst geübte Gärtner wie Karin Krause und Josef Fuchs bleibt der Käfer trotz seiner Größe oft unsichtbar, bis er sich ein Loch aus seinem Nistbaum bohrt, so rund und gerade, dass man meinen könnte, jemand habe seine Bohrmaschine einmal in den Baum gedreht. Seine Eier legt er unter die Rinde von lebenden Laubbäumen, als Larve kriecht er tief in den Stamm, frisst sich dann nach oben. Weil sich die Larve vom lebenden Holz ernährt, kann sie eigentlich vitale Bäume innerhalb weniger Jahre abtöten.

Weil der Schädling oft lange unerkannt bleibt, sind mehrere nahe aneinander wachsende Bäume bis zur Entdeckung oft bereits befallen. Deshalb sind die Reaktionen der Ämter auch so radikal: Einen Kilometer rund um den befallenen Garten werden in Anzing nun alle Laubbäume von Mitarbeitern des Rosenheimer Amts für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF) kontrolliert, vom Inneren des festgelegten Kreises bis nach außen kämpfen sie sich dabei vor.

Vielen Mitarbeitern des Rosenheimer Amtes wurde deshalb aufgetragen, nicht ihren normalen Aufgaben nachzugehen, sondern den Käfer zu suchen, ein vierstufiger Aktionsplan wurde eingeführt. Grob gesagt läuft die Arbeit der AELF-Mitarbeiter im Moment so ab: Sie suchen den Käfer, lassen von Karin Krause prüfen, wenn sie einen Verdacht haben, schicken Spürhunde, wenn die Gartenbauingenieurin diesen bestätigt. Und senden, wenn auch die Hunde anschlagen, das Insekt an die Landesanstalt für Landwirtschaft.

Wo der Anzinger Zitrusbockkäfer jetzt ist, weiß allerdings niemand. "Wir hoffen alle, dass nur ein Käfer importiert wurde und er sich nicht fortpflanzen kann", sagt Georg Baumgartner, Landwirtschaftsdirektor und Abteilungsleiter der Fachzentren am Rosenheimer AELF. Seine Sorge ist berechtigt, denn die LfL versucht schon lange, die Schädlinge mit allen Mitteln auszurotten, und hat schon keine Kapazitäten mehr für einen weiteren Käfer-Kampf in Anzing.

Der Zitrusbockkäfer steht auf der Quarantäneliste der EU, zusammen mit der Kastaniengallwespe, die auch in Deutschland schon viele Kastanienbäume befallen hat. Dass der Käfer nach Deutschland kommen konnte, ist eine Folge der Globalisierung - und der fehlenden Vorsicht. Erst im Jahr 2006, nachdem in Neukirchen am Inn bei Passau das erste Mal ein Laubholzbockkäfer gefunden wurde und auch in anderen europäischen Ländern ein Befall gemeldet worden war, wurde die EU-weite Richtlinie erlassen, Pflanzenimporte aus China mit Insektiziden zu behandeln, bevor sie in den Verkauf gehen. Doch auch das hilft nicht immer - in Anzing konnte die Larve wohl im Stamm überleben, bis jetzt der Käfer geschlüpft ist. Außerdem gibt es weitere Verdachtsfälle. Laut Sabine Weindl, Sprecherin der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft, wird ganz aktuell ein weiterer Laubholzbockkäferbefall in Schönebach in Schwaben vermutet.

Weitestgehend gelassen bleiben bislang die Bewohner in dem betroffenen Gebiet. In Anzing schrieben Bürger selbst auf Flugblättern, dass der Käfer aufgetaucht ist und es sich um einen "meldepflichtigen Quarantäneschaderreger" handelt, sie kamen zu mehreren Hundert zur Informationsveranstaltung in der Gemeinde. Verwaltungsleiter Helmut Wimmer berichtet von älteren Bürgern, die Wanzen für den Zitrusbockkäfer hielten, was aber ausgeschlossen werden konnte. Auch Florian Alte, der Karin Krause und Josef Fuchs an diesem Mittag durch den Garten seiner Mutter führt, bleibt ruhig. "Ich bin nicht nervös. Weil hier schließlich alles dafür getan wird, dass die Bevölkerung informiert ist."

© SZ vom 31.10.2014/infu
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