Erinnert sich noch jemand an den Biogasanlagen-„Tannhäuser“? Für viele Wagnerianer ja einer der unverzeihlicheren Regiefehltritte in der epischen Bayreuther-Inszenierungsgeschichte. Sebastian Baumgarten hatte das Wartburg-Geschehen 2011 in einer riesigen Biogasanlage spielen lassen. Der Buh-Orkan für seinen „Tannhäuser“ mag manchem noch im Gehörgang rauschen.
Und doch es gibt Menschen, die lassen auf diese Produktion rein gar nichts kommen. „Sie werden unter uns niemanden finden, der diese Inszierung nicht gut fand“, sagt Regina Ehm-Klier, und muss dann laut lachen am Telefon. Sie ist Vorsitzende des Vereins Taff, und für dessen Mitglieder war der „Tannhäuser“ damals ein wirklich unvergessliches Erlebnis. Regisseur Baumgarten hatte, um die Grenze zwischen Publikum und Spielgeschehen zu überwinden, 30 Zuschauer auf der Bühne platziert. Die Karten für diese exklusiven Plätze gingen nicht in den Verkauf, sondern zum Großteil an die Taff-Leute. Ganz nah dran waren sie, quasi mittendrin, Taschen, Handys und umständliches Hustenguttis-Auswickeln verboten.
Damit, das betont Regina Ehm-Klier, hat es sich aber schon fast mit den Privilegien für die mittlerweile etwas 300 Vereinsmitglieder. „Wir wollen explizit kein Kartenkontingent für die Festspiele“, sagt sie. „Wir“, das ist das Team aktiver Festspielförderer Bayreuth e.V., kurz Taff, was wohl auch ein ziemlich treffender Charakterzug für diese Truppe ist. Und doch gehört es wohl zum Schicksal – oder Glück – des Vereins, dass er irgendwie unter Radar läuft im orchestralen Dauer-Fortissimo, das sich Intendanz sowie Bund, Freistaat Bayern und die Gesellschaft der Freunde von Bayreuth als Gesellschafter um die Finanzierung der Festspiele GmbH liefern.

Verglichen mit den mächtigen, traditionsreichen „Freunde“, die Wagner-Liebhaber gemeinsam mit den Wagner-Enkeln Wieland und Wolfgang Wagner im Jahr 1949 gründeten, ist Taff ein junger Verein im weitverzweigten Netz von privaten Unterstützern und Sponsoren der Bayreuther Festspiele. 2010 ins Leben gerufen, will das Team um Regina Ehm-Klier auf seine Weise etwas bewegen: „Hemmschwellen abbauen“, weg vom „elitären Gehabe“ um die Bayreuther Festspiele.
Die Passauer Journalistin, die auch alljährlich das Festspielmagazin „Hojotoho – das TAff-Festspielmagazin“ produziert, ist seit 2011 dabei und führt einen sechsköpfigen Vorstand plus Jugendbeauftragten. Geschäftsstelle, Sekretariat – „darauf verzichten wir bewusst und stecken das Geld lieber in Projekte wie die Kinderoper“. Schließlich sei man digital gut aufgestellt, kommuniziere mit den Mitgliedern über E-Mails und den Newsletter.
Die knapp 300 Taff-Mitglieder, „Tendenz steigend“, stellen laut Vorsitzender einen „schönen Querschnitt“ dar. Die meisten seien, wie sie selbst, gar nicht der „Typ Vereinsmeier“, sondern normale Leute mit einer ausgeprägten Liebe zu Wagners Musik eben. Viele kommen aus Bayreuth, aber auch aus Berlin, München oder Düsseldorf, etliche sind auch Mitwirkende aus dem Festspieluniversum. Der jährliche Mindestbeitrag für die Mitgliedschaft beträgt 200, unter Dreißigjährige zahlen 50 Euro. Natürlich, sagt Regina Ehm-Klier, gebe es Mitglieder, „die mit höheren Beträgen einsteigen“. Und auch Doppelmitgliedschaften gebe es, also jene, die auch bei den „Freunden“ engagiert sind.

Ehm-Klier hat ihren Schatzmeister Reinhart Michalke befragt: 88 000 Euro insgesamt hat der Verein 2024 aufgebracht. Unterstützt haben die Taff-Mitglieder damit vor allem die Kinderoper, denn sie teilen Katharina Wagners Ansinnen, jungen Menschen Richard Wagners Musik und die Institution Oper nahezubringen. Zuletzt um Weihnachten habe man der Festspielleiterin zusätzlich 20 000 Euro für die Finanzierung der Kinderoper 2025 überreichen können. Doch sind da immer auch spontane Aktionen. 2024 etwa ein langer Kinotag zu Ehren des im September 2023 gestorbenen, wunderbaren Tenors Stephen Gould, erst „Tannhäuser“, dann „Tristan“. Die Fans hielten durch.

„Könnt Ihr mal...?“ Wenn solch ein Anruf aus dem Büro der Festspielleitung kommt, so Regina Ehm-Klier, dann gebe man in der Regel – nach einem flotten Vorstandsbeschluss – grünes Licht. „Ja, wir können!“ So gab es beispielsweise rasch eine Finanzspritze für die Postproduktion des Kinderoper-„Parsifals“, der zu Ostern 2024 erstmals weltweit im Stream zu sehen war. Überhaupt sei das Verhältnis zur Intendantin sehr konstruktiv, Katharina Wagner sei auch kraft Amtes regelmäßig bei den Vorstandssitzungen dabei. Sticheleien, Taff sei ein „Katharina-Wagner-Fan-Club“, fegt Ehm-Klier lässig beiseite: „Wir leisten uns eben den Luxus, nicht gegen sie zu sein.“ Und wie sieht Katharina Wagner selbst die Zusammenarbeit mit dem Verein? Trotz wiederholter Anfrage der SZ gab es keine Antwort seitens der Intendantin.
Die Mitglieder gönnen sich auch manchmal den Spaß, ihrer Wagner-Leidenschaft auch außerhalb der Festspielzeit zu frönen. Im vergangenen März etwa auf einer gemeinsamen Reise nach Barcelona, wo Katharina Wagner im Gran Teatre del Liceu „Lohengrin“ inszenierte und der Taff-Gruppe am Vorabend der Premiere eine Werkeinführung gab.
Zusätzlich zum guten Gefühl, die die Bayreuther Festspiele zu unterstützen und ihnen etwas von ihrem elitären Nimbus zu nehmen, öffnen sich den Förderern also auch Türen, die sonst verschlossen bleiben. Regina Ehm-Klier nennt da noch die exklusive Führung durchs Haus, die seit einigen Jahren immer um Weihnachten herum stattfinde. Und dann sind da Tickets für den Besuch der Kinderoper, zudem bemühe man sich um Karten für die Generalproben. Und weil der Verein zu den Sponsoren gehöre, seien die Mitglieder auch zu internen Veranstaltungen eingeladen wie dem Mitwirkenden-Fest, bei dem man sonst nur mit Hausausweis Zugang hat, und natürlich dem traditionellen Walküre-Empfang für die Solistinnen und Solisten.
Wie viele Wagnerianer gehört auch Regina Ehm-Klier zu jenen Enthusiasten, die ihren Sommerurlaub für die Bayreuther Festspiele dreingeben: Die diese besondere Vorfreude verspüren, wenn die Bayreuther Stadtgärtner die Blumenrabatten im Festspielgarten herrichten. Und die Stimmung bei der letzten Vorstellung, wenn es in der zweiten Pause draußen schon dunkel ist, und für Wagnerianer quasi der „Bayreuther Winter“ beginnt. Und wieder hört man Regina Ehm-Klier herzlich lachen. Denn eines ist klar. Nach den Festspielen ist vor den Festspielen.

