Elīna Garanča beugt die Knie. Eine Geste der Ehrerbietung, vielleicht auch der Erschöpfung. Mit der rechten Hand berührt sie lange den Bühnenboden. Als wolle sie sich bei diesem Ort bedanken, sich erden, rückversichern. Ja, ich bin wirklich hier. Dieser Triumphmoment vor dem Vorhang gehört ganz ihr. Im Bayreuther Festspielhaus jubeln und trampeln sie nach über vier Stunden „Parsifal“. Garanča erntet den mit Abstand lautesten Applaus, die Leute sind wie entfesselt. Und das will viel heißen, denn auch ihre großartigen Kollegen Andreas Schager, Michael Volle, Jordan Shanahan, Georg Zeppenfeld und der souverän dirigiernde Pablo Heras-Casado werden vom Publikum mit Beifallsstürmen verabschiedet. Ein Sängerfest.
Vor zwei Jahren hatte Elīna Garanča ihr Bayreuth-Debüt gegeben, war kurzfristig bei der Premiere von Jay Scheibs „Parsifal“ für Ekaterina Semenchuk eingesprungen. Schon damals war klar: Hier singt zweifellos die Kundry unserer Zeit. Die lettische Mezzosopranistin wurde zur Sensation dieser Inszenierung, die doch eigentlich durch die eigens für das Festspielhaus entwickelten Augmented-Reality-Tools Maßstäbe setzen und in die Bayreuth-Annalen eingehen sollte.
Gut, das wird sie wahrscheinlich auch, denn Bayreuth hat hier mit dem amerikanischen MIT-Professor durchaus mutig, spielerisch immersives Theaterneuland betreten. Und doch waren es am Sonntag gerade die großen Garanča-Momente im Zweiten Aufzug, in denen viele ihre verkabelten VR-Brillen etwas entnervt von den Nasen rissen und sie dann wie langweilig gewordenes Spielzeug einfach auf dem Schoß vergaßen.
Auffällig auch, dass auf den 330 Brillen-Plätzen mit den kleinen Computern unter den alten Holzklappsitzen offenbar auch Menschen saßen, die eine normale Platzkarte ohne Aufpreis erworben hatten. Dabei hatten Scheib und sein Team ihre Hightech-Zone extra in den hinteren Reihen des Opernhauses verbaut, damit die brillenlosen Wagnerianer sich nicht gestört fühlen durch eventuell ruckartige Bewegungen ihrer verkabelten Sitznachbarn: Wenn diese etwa einem auf sie zuschießenden virtuellen Pfeil ausweichen oder - wie mit Wendehälsen - den Raum nach immer neuen optischen Reizen durchscannen.
Blutende Schwäne, Lämmer, gähnende Füchse, züngelnde Pythons, Speere, auf dem ein Ohr steckt (Klingsor?), weiße Plastiktüten und Flaschen, goldene Handgranaten und Schnellfeuerwaffen, die um sich selbst rotieren, nervös flatternde Schmetterlinge, Riesen-Insekten, die provozierend vor der AR-Brille herumbrausen. Ob diese optischen Extras die Realität des Bühnengeschehens erkenntnisbringend erweitern? Zuweilen scheint jeder Vorspann eines James-Bond-Films origineller als Scheibs überbordende Digital-Illusionen.

Warum müssen auch im virtuellen Raum die Blüten üppigst sprießen, wenn sich schon analog auf der Bühne Klingsors Blumengarten als Kitsch-Albtraum in Rosa und Neon erweist? Und man sich keinen Moment darüber wundert, dass der überragende Andreas Schager als Parsifal den grellen (famos singenden!) Haremsdamen dort widerstehen kann.
Doch dann kommt sie, Kundry, Elīna Garanča, deren Präsenz die banale Künstlichkeit von AR-Welt und Bühnenbild einfach wegfegt, als überflüssige Staffage entlarvt. Nun wird alles wahr. Auf einmal steht da ein Mensch. Die sinnliche Verzweiflung, mit der diese Kundry Parsifal verführt, so etwas hat man selten gesehen. Die vibrierende Erotik, die Seelenqualen dieser geheimnisvollen Frau, all das überträgt sich auch ganz ohne Hightech bis in den hintersten Winkel des Opernhauses.
Garanča singt vollkommen natürlich, mit einer Mühelosigkeit, wie sie nur sängerische Disziplin, Präzision und Analyse hervorbringt. In den Höhen wie in den Tiefen, sie hat ihr Organ komplett im Griff. Man weiß es, Garanča ist eine Perfektionistin. Dabei wirkt sie nie kalt. In jedes zärtliche Piano, jeden verzweifelten Ausbruch legt sie tiefe emotionale Energie. Pfeile. Anders als ihre virtuellen Pendants treffen sie das Publikum an diesem langen Operntag im Bayreuther Festspielhaus mitten ins Herz.


