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Bayernkaserne:"Lesen bringt dich weiter"

Lesen tut gut - je früher, desto besser.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Eine Stiftung verteilt Bücher in Flüchtlingsunterkünften

Von Sarah Beham

Während die einen mit schwarzen Limousinen vorfahren, warten die anderen hinter einem Gittertor. Sie warten auf Abwechslung in einem Alltag, der sich hier ziehen kann in der Bayernkaserne, der Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge in München. Die Abwechslung sollen Bücher der Stiftung Lesen bringen, die für das Projekt "Lesestart für Flüchtlingskinder" im Auftrag des Bundesbildungsministeriums in Erstaufnahmen verteilt werden.

Die Bücher bringen Politiker und andere Entsandte des Ministeriums zu den Flüchtlingen. Die Liste der Überbringer ist lang, darunter sind etwa der bayerische Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) und Christoph Hillenbrand, Regierungspräsident von Oberbayern. In kleinen Stofftaschen haben sie das Buch "Mein erstes Wörterbuch" dabei. Darin können Kinder und Eltern Begriffe aus dem "Kindergarten" lernen oder in die Wörterwelt vom "Bauernhof" oder der "Baustelle" eintauchen.

62 Erstaufnahmeeinrichtungen habe man schon mit Büchern und Spielen ausgestattet, bis Ende des Jahres sollen es 100 sein, sagt Melitta Göres, Projektleiterin bei der Stiftung Lesen. Neben den Büchern verteilen die Gäste noch eine sogenannte Lese- und Medienbox für Flüchtlingskinder von null bis zwölf Jahren. Mehr als 20 Kinder stürzen sich auf Spiele wie "Erster Obstgarten", "Qwirkle" oder "Colorana". Ein kleines Mädchen mit geflochtenen Zöpfen schnappt sich einen Atlas, ein kleiner Junge neben ihr weint. Doch schnell hat auch er ein Buch gefunden, setzt sich neben das Mädchen auf den Boden und beide schauen sich die Bilder und Karten an. Ein anderes Mädchen hält ihr Wörterbuch ganz fest in den Händen, gibt es nicht mehr her und lächelt.

"Es ist sehr schön und wichtig, dass sie mal was Eigenes besitzen", sagt Isabell Just, Erzieherin im "Family House" der Bayernkaserne. Auch Dilvin, zwölf, freut sich über das erste eigene Buch. Ihr Vater will es ihr vorlesen, sie selbst spricht kaum Deutsch. Doch das soll sich ändern. "Lesen ist gut für später", meint der Vater. Dilvin will Ärztin werden in Deutschland, ihr kleiner Bruder Ismat, acht, träumt vom Polizistenberuf. Er hat sich das Spiel "Wer hat mein Eis gegessen?" aus der Box geschnappt. Das muss er später wieder zurückgeben. Die Box bleibt in der Bayernkaserne, damit alle Kinder etwas davon haben. "Die wechseln hier schnell", wie Just sagt. Meist sind die Flüchtlinge drei Monate in der Erstaufnahme. Derzeit sind von 1500 Plätzen 600 belegt, darunter sind 150 Kinder.

Aida, 40, liest laut den Untertitel des Buches vor: "Lesen bringt dich weiter." Sie ist die Mutter des weinenden Jungen. Sie spricht bisher fast nur Englisch und ist froh über das Wörterbuch, mit dem sie in Zukunft lernen will. Zumindest eine Erleichterung gibt es dabei, sagt Just: "Menschen aus Eritrea, dem Senegal oder Nigeria haben dasselbe Alphabet wie wir und können die Buchstaben lesen." Und zum Lesen gibt es nun erst mal genug.

© SZ vom 24.03.2016

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