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Bauhaus in Bayern:Mit Schwung in die Moderne

Ein bekanntes Beispiel für die Bayerische Postbauschule ist das Post- und Wohngebäude am Münchner Goetheplatz von Robert Vorhoelzer, Franz Holzhammer und Walther Schmidt, erbaut 1931-1933.

(Foto: Jean Molitor)

Bauhaus gibt es nur in Weimar, Dessau und Berlin? Auch in Bayern stehen jede Menge Beispiele dieses Architektur-Stils. Der Fotograf Jean Molitor zeigt sie in einer Ausstellung.

Von Evelyn Vogel

Bauhaus in Bayern? Ja wo gibt's denn so was? Denn mit dem Bauhaus - jener Kunst-, Design- und Architekturschule der Zwanziger- und Dreißigerjahre des 20. Jahrhunderts - verbindet man in Deutschland vor allem Weimar, Dessau und Berlin. Doch die Prinzipien des Bauhaus, die Walter Gropius den in jener Zeit vorherrschenden Strömungen in Kunst und Architektur entgegensetzte, um zu einer Moderne zu gelangen, strahlten weit über dieses Bauhaus-Zentrum hinaus. Im internationalen Zusammenhang denkt man da gern an die Weiße Stadt in Tel Aviv, im nationalen gilt die Stuttgarter Weißenhofsiedlung als herausragendes Beispiel.

Aber auch in Bayern finden sich zahlreiche Bauten der architektonischen Moderne. Auch wenn noch vor zwei Jahren, zum 100. Jubiläum des Bauhaus, der frühere bayerische Kunstminister Ludwig Spaenle behauptete, dass ein "nennenswertes Wirken des Bauhauses und seiner wichtigen Akteure in Bayern" nicht belegt sei - wie nachzulesen ist in dem gerade erschienenen Buch "Bauhaus in Bayern. Eine fotografische Reise durch die klassische Moderne" von Kaija Voss und Jean Molitor. Ein Buch, das zusammen mit den großformatigen Schwarz-Weiß-Fotografien in der Ausstellung "Bauhaus in Bayern" in der Architekturgalerie den Gegenbeweis antritt.

Das Ferienheim für Arbeiter, Beamte und Angestellte von Emil Freymuth von 1930 vereint Bauhaus und Bayern aufs Schönste.

(Foto: Jean Molitor (Bauhaus in Bayern))

Vorhoelzer kennt man, vor allem das Café auf der Dachterrasse des gleichnamigen Forums

Unzählige Wohnsiedlungen, Post- und Industriebauten, Kirchen und andere Gebäude entstanden in den 1920er- und 1930er-Jahren in den großen Städten, aber auch in ländlichen Regionen. Leuchtturmartige Beispiele waren die vielen Postämter in und um München. Zu den auch heute noch bekanntesten zählen das ehemalige Paketzustellamt an der Arnulfstraße mit seinem Rundbau aus den Jahren 1925/26 oder das Wohn- und Postgebäude am Goetheplatz mit seiner geschwungenen Fassade, entstanden 1931 - 33, dessen minimal geneigtes Blechdach kombiniert mit einer Dachterrasse den oberen Gebäudeabschluss bildet.

An beiden wie an vielen anderen war Robert Vorhoelzer beteiligt. Der Leiter des Baureferats der Münchner Oberpostdirektion und Hochschullehrer an der Technischen Hochschule München war es auch, der die "Bayerische Postbauschule" etablierte. Einer Schule, der zwischen 1920 und 1935 etwa 350 Postbauten in Städten und Dörfern zugerechnet werden, darunter herausragende Beispiele in Augsburg und Nürnberg. Auch wer nichts mit Architektur oder Bauhaus am Hut hat, kennt in München seinen Namen. Denn nicht nur Studierende genießen gern den Rundumblick auf die Stadt vom beliebten Café auf der Dachterrasse des "Vorhoelzer Forums" der Technischen Universität - deren Wiederaufbau des Hauptgebäudes Vorhoelzer nach dem Krieg verantwortete.

Architekt und Professor Robert Vorhoelzer entwarf zusammen mit Hans Schnetzer die Post am Harras, erbaut zwischen 1930 und 1933, im Stil der Neuen Sachlichkeit.

(Foto: Jean Molitor)

Auch das Schaffen von Walter Gropius fand in den späten Sechzigern seinen Niederschlag

Die Ausstellung "Bauhaus in Bayern" in der Architekturgalerie München zeigt wie der Bildband von Molitor aber nicht nur bekannte Meisterwerke des neuen Bauens. Sie gibt auch überraschende Einblicke in ländliche Beispiele. Das vielleicht überraschendste: das Ferienheim für Arbeiter, Beamte und Angestellte in Kochel aus dem Jahr 1930. Wie sich hier die biederen Fensterläden auf der Stirnseite zu scheinbar ins Endlose verlaufenden Fensterbändern an der geschwungenen Längsseite vereinen und in der oberbayerischen Landschaft behaupten, das ist einfach großartig. Proportional nicht ganz so gelungen wirkt zwar die Wetterstation in Bad Tölz, aber der schlichte, eher traditionelle Hauptbau zieht durch den überdimensionierten weißen Rundturm auf jeden Fall die Blicke auf sich. Nicht weit davon entfernt verharrt die Trink- und Wandelhalle im Dornröschenschlaf. Während das Verstärkeramt in Kochel - auch ein Bau von Vorhoelzer - erst vor wenigen Monaten der Abrissbirne zum Opfer gefallen ist.

Robert Vorhoelzer war auch der Leiter des Baureferats der Münchner Oberpostdirektion. Nach seinen und Walther Schmidts Plänen entstand 1925/26 das Paketzustellamt. Als solches wurde der Rundbau bis 1985 von der Deutschen Post auch genutzt.

(Foto: Jean Molitor)

Auch im sozialen Wohnungsbau der Zwanzigerjahre, an Einfamilienhäusern wie an Villen zeigt sich vielfach der Bauhauseinfluss. Molitor hat hier ein paar schöne Beispiele versammelt: Vom "Mollblock" und dem "Amerikanerblock" in München mit ihren geschwungenen Eckbalkonen über den Lessinghof und den Eschenhof in Augsburg bis hin zum Haus Hirschmann in Fürth, der Villa Strauss in Augsburg und der Villa Geys in Würzburg zeugen die Kuben, Balkone und rhythmisierenden Fensterbänder von der Ankunft der Moderne in Bayern.

Neben etlichen Kirchenbauten, deren Anmutung "in Richtung Backsteinexpressionismus ging", wie Kaija Voss im Begleitbuch schreibt, beeindrucken Großbauten wie das Karl-Bröger-Haus in Nürnberg, die diversen Büro- und Fabrikgebäude der Firma Josef Witt in Weiden in der Oberpfalz oder das Städtische Hochhaus in der Münchner Blumenstraße noch heute.

Nicht zuletzt werfen Molitor und Voss auch einen Blick auf die Nachkriegszeit, wo beispielsweise eine fast futuristisch anmutende Tankstelle mit einem geschwungenen, kühn auskragenden Vordach in Benediktbeuern von der aufkommenden Mobilität kündete. Auch das Schaffen von Bauhausgründer Walter Gropius fand in den späten Sechzigerjahren seinen direkten Niederschlag in Bayern: So baute er für Rosenthal in Selb eine Porzellanfabrik mit einem markanten, himmelwärts ragenden Vordach sowie das Rosenthal-Glaswerk im Amberg, das wegen seiner Form schnell den Beinamen "Glaskathedrale" weghatte.

Der Bürotrakt der Kraftwagenhallen in Füssen aus der Zeit des "Neuen Bauens", ist ein wahres Kunstwerk mit seiner gebäudehohen verglasten Fassade - nach einem Entwurf aus dem Jahr 1931 von Georg Werner, Walter Schüßler und Robert Pfaud.

(Foto: Jean Molitor)

Bauhaus-Kathedralen sind nicht alle Bauwerke, die Jean Molitor in den zurückliegenden fünf Jahren in Bayern fotografiert hat. Aber Ausstellung wie Bildband machen Lust darauf, die Spuren zu erkunden, die das Bauhaus in Bayern hinterlassen hat.

Bauhaus in Bayern, Fotografien von Jean Molitor, Architekturgalerie, Türkenstr. 33, bis 17. Juli, Di-Fr 10.30 Uhr-18 Uhr, Sa 10.30 Uhr-16 Uhr; der Bildband "Bauhaus in Bayern. Eine fotografische Reise durch die Klassische Moderne" von Jean Molitor und Kaija Voss ist im be.bra Verlag erschienen und kostet 32 Euro

© SZ vom 23.06.2021
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