Kabarett im Fernsehen:Neue Sendeformate für Kinseher und Barwasser

Lesezeit: 3 min

drei zu eins; Luise Kinseher

Gerburg Jahnke, Constanze Lindner und Luise Kinseher (von links) treffen sich in "Dreizueins" im Ambiente einer Almhütte.

(Foto: BR/Markus Konvalin)

"Dreizueins" und "Bei Pelzig auf der Bank": Luise Kinseher und Frank-Markus Barwasser alias Erwin Pelzig haben spannende neue Sendungen bekommen - doch die sind mehr oder weniger versteckt.

Von Oliver Hochkeppel

Sie gehören beide nicht nur seit vielen Jahren zu den beliebtesten und erfolgreichsten Kabarettisten des Landes, sie sind auch Pioniere des Fernseh-Humors: Die Niederbayerin Luise Kinseher, etwa als erste Bußpredigerin und "Mama Bavaria" beim Nockherberg wie mit vielen anderen Formaten. Und der Franke Frank-Markus Barwasser alias Erwin Pelzig als Mitglied der ersten ZDF-"Anstalt", aber auch mit seinen kabarettistischen Talk-Shows. Jetzt kehren beide fast still und heimlich mit neuen Formaten auf den Bildschirm zurück.

"Dreizueins" heißt es bei Luise Kinseher, und anders als sonst in der Männer-dominierten Kabarettszene sind hier die Frauen in der Mehrheit. Jeweils zwei Kolleginnen lädt sich Kinseher in die mit vier Folgen pro Jahr projektierte 45-Minuten-Sendung (zwei sind jetzt bereits im Kasten), dazu kommt ein männlicher Überraschungsgast, dessen Identität außer ihr niemand kennt, weder das Publikum noch ihre weiblichen Gäste.

Jeder ihrer Gäste bekommt einen Solo-Auftritt, danach wird zusammen geratscht. Fast ein weiblicher "Ottis Schlachthof" sozusagen, wäre die Sendung nicht in der "Alm" in München-Riem aufgezeichnet und wären da nicht die Slots, die sich Kinseher selbst ausbedungen hat. Für eine ihrer beliebtesten Figuren, die stets leicht angeschickerte "Mary from Bavary", und für die neue Figur der Schreibwarenhändlerin Renate Lallinger. Die wird in die aufgezeichneten Sendungen eingespielt: "Es war mir ganz wichtig, dass die Möglichkeit erhalten bleibt, auf Aktuelles einzugehen," sagt Kinseher.

Ansonsten gibt ein eher zeitloses Thema den Rahmen vor. Um die Digitalisierung etwa geht es in der ersten Folge, um die Entmündigung durch das eigene Auto oder die rettungslose Abhängigkeit vom Smartphone beispielsweise. Zu Gast sind - neben dem männlichen Überraschungsgast, von dem einzig bekannt ist, dass er aus Wien kommt - die Oberhausener Grande Dame des deutschen Kabaretts, Gerburg Jahnke, bekannt durch ihr Duo "Missfits" wie dank ihrer langjährigen Sendung "Ladies Night" im Ersten, und das bayerische Energiebündel Constanze Lindner, populär als Mitglied bei "Die Komiker" wie als Moderatorin aus dem Vereinsheim. Ausgestrahlt wird die Folge am Donnerstag, 9. Dezember, um 21 Uhr im BR Fernsehen. Wie die folgenden bleibt sie ein Jahr lang in der BR-Mediathek erhalten.

Beim Pelzig auf der Bank; Erwin Pelzig

In der Folge "Scheiß Zukunft" kopiert ein Avatar-Roboter an der Uni Bonn alle Bewegungen, die Erwin Pelzig ihm vormacht.

(Foto: ZDF und Cathy Guilleux/Gruppe 5 Filmproduktion)

Die Mediathek, genauer die von 3sat, ist auch der Ort, auf dem man den neuesten Streich von Frank-Markus Barwasser alias Erwin Pelzig entdecken kann. Beziehungsweise muss, da das produzierende ZDF die dreiteilige Reihe "Bei Pelzig auf der Bank" auf 3sat abgeschoben und weit unter Wert verkauft hat. Wie sehr, machte vor ein paar Wochen schon die nachträgliche Preisverleihung des Dieter-Hildebrandt-Preises an Frank-Markus Barwasser klar. Laudator Oliver Welke rühmte ihn da als Deutschlands besten Talkmaster und beklagte schmerzlich, dass Barwasser die entsprechenden Formate "Aufgemerkt - Pelzig unterhält sich" (von 1998 an im BR) und "Pelzig hält sich" im ZDF 2015 aufgegeben hat. Ein Nachfolger sei ein echtes Desiderat, schloss er - und wusste wie die meisten nicht, dass es einen gibt: Eben "Bei Pelzig auf der Bank", bei dem sich Barwasser eine Klapp-Bank samt mobilem Bowle-Set ans Herrenfahrrad schnallt und durch die Republik radelt, um zuzuhören und nachzufragen. Angeregt von den sogenannten "Freundschaftsbänken" in Simbabwe, auf denen lebenskluge Frauen für Menschen mit Sorgen bereit sitzen.

Das Ziel: das Ungeschminkte bei den Gästen hervorholen

"Aufgemerkt! Ich höre zu!" steht also nun auf einer Tafel neben Barwassers Bank. Drei Folgen hat er erradelt, mit verabredeten wie mit spontanen Gesprächen zu drei Themen: "Scheiß Corona", "Scheiß Demokratie" und "Scheiß Zukunft" - allesamt bereits am 1. Dezember auf 3sat hintereinander versendet. Immerhin aber alle noch längere Zeit in der Mediathek zu sehen. Und den ebenso lustigen wie spannenden und lehrreichen Spaß sollte man sich unbedingt gönnen. Weil Barwasser auch diesmal wieder seinen scheinbar harmlosen und minderbemittelten Pelzig als Köder vorschickt, um so das Ungeschminkte bei seinen Gästen hervorzulocken. Wenn auch weniger konfrontativ als zuvor. Weder bei Prominenten wie der Köchin und EU-Abgeordneten Sarah Wiener, der Theologin Margot Käßmann oder dem Wissenschaftler und TV-Moderator Harald Lesch. Noch bei den hier zahlreich vertretenen "ganz normalen" Menschen, unter anderem einer der ersten deutschen Covid-Patienten, eine Studentin, die ihre Generation von der Politik vergessen sieht, oder ein Messebauer, dessen Firma durch das Virus pleite ging - der aber inzwischen höchst erfolgreich Gin brennt.

Beim Pelzig auf der Bank; Erwin Pelzig

Im Regen auf dem Radl: Frank-Markus Barwasser alias Erwin Pelzig schenkt sich nichts.

(Foto: ZDF und Adnane Korchyou/Gruppe 5 Filmproduktion)

Selbst einen Corona-Leugner lässt Pelzig Platz nehmen und seinen (Irr-)Weg erklären. Als bei der Nachfrage nach den vielen Toten dann aber auch da Leugnung kommt, verabschiedet ihn Barwasser/Pelzig augenblicklich und lässt ihn ungerührt "ins dunkle Reich des Wahnsinns ziehen", wie es in seinem neuen Bühnenprogramm so schön heißt. Das Format erlaubt ihm außerdem, Recherchen, Studien und Statistiken einzubauen - etwa zu Frauen in der Politik, wenn er mit der jungen SPD-Bundestagskandidatin Rasha Nasr spricht. Und eine ganz persönliche Nachbetrachtung leistet er sich am jeweiligen Ende auch. Fernsehen, wie es auch sein kann und viel öfter sein sollte.

"Dreizueins", Do., 9. Dez., 21 Uhr, BR Fernsehen; "Beim Pelzig auf der Bank", drei Folgen, 3sat, www.3sat.de/kabarett/beim-pelzig

Anmerkung der Redaktion: In einer ersten Version dieses Artikels wurde Luise Kinseher als Oberbayerin bezeichnet, obwohl sie doch aus Niederbayern stammt. Wir haben das korrigiert.

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