bedeckt München

·:"Seine Einzelmeinung provoziert häufig den Beifall von ausgewiesenen Corona-Leugnern"

Hauptgebäude der TU München, 2014

Die Technische Universität im Lockdown - hier ist Christoph Lütge Lehrstuhlinhaber.

(Foto: Sonja Marzoner)

Der Wirtschaftsethiker Christoph Lütge prangert seit Monaten die Corona-Politik der Regierung und den "Lockdown-Irrsinn" an. Mitglieder des bayerischen Ethikrats und die Staatskanzlei rücken nun von dem TUM-Professor ab.

Von Sabine Buchwald

Wegen seiner heftigen Kritik an den Corona-Maßnahmen von Bund und Ländern ist Christoph Lütge, Wirtschaftsethiker und Mitglied des Bayerischen Ethikrates, nun selbst in die Kritik geraten. Lütges Äußerungen seien "verstörend", sagte Staatskanzleichef Florian Herrmann auf Anfrage der Süddeutschen Zeitung. "Natürlich lebt eine Debatte von der Vielfalt an Meinungen. Mit seinen fragwürdigen Beiträgen überschreitet Herr Professor Lütge allerdings die Grenze eines durchaus kontroversen und fachlich fundierten Diskurses. Seine Einzelmeinung provoziert häufig den Beifall von ausgewiesenen Corona-Leugnern und schadet somit dem Ansehen des Bayerischen Ethikrates."

Christoph Lütge, 51, ist Inhaber des Peter-Löscher-Stiftungslehrstuhls für Wirtschaftsethik an der Technischen Universität München (TUM). Er leitet dort auch das Institut für Ethik in der Künstlichen Intelligenz. Das wurde 2019 mit Mitteln von Facebook gegründet und erhielt deshalb besondere Aufmerksamkeit und auch Kritik. Auf seinem Twitter-Account und in Interviews wettert Lütge seit Monaten gegen die Corona-Politik, den "Lockdown-Irrsinn" und insbesondere gegen Ministerpräsident Markus Söder (CSU).

Die Kritik der Staatsregierung bezieht sich nun vor allem auf ein Streitgespräch der Deutschen Welle, bei dem Lütge Mitte Januar gegen den Mediziner Marc Hanefeld antrat. In diesem Gespräch fordert Lütge wiederholt, den "mittelalterlichen Lockdown" sofort zu beenden. Er bestreitet, dass die Intensivkapazitäten der deutschen Krankenhäuser "über Gebühr belastet" seien "im Vergleich zu anderen Jahren". Besonders, zum Beispiel auf Twitter, in die Kritik geraten sind seine Aussagen über die Betroffenheit älterer Menschen in der Pandemie. Das Durchschnittsalter der an Covid-19 Gestorbenen liege bei 84 Jahren, sagt Lütge. Diese Menschen wären wohl ohnehin an anderen Krankheiten gestorben. "Menschen sterben nun einmal. Dafür alle anderen wegzusperren, das halte ich für komplett unverhältnismäßig, unverantwortlich und schlimm."

Die Gefahr durch die in Großbritannien entdeckte Mutante B 1.1.7. bezeichnete der Professor im Radiogespräch als "reine Spekulation". Lütge stellte auch infrage, dass die Ansteckung mit dem Virus hauptsächlich über Aerosole, also Partikel in der Luft, geschieht und empfiehlt generell zur Eindämmung der Pandemie: "Man muss im Grunde hier nicht viel machen, außer gründlich Händewaschen, mal ein bisschen Abstand halten, dann läuft das schon."

Auch die TUM distanziert sich von Lütge in dieser Angelegenheit. Die Universität respektiere das Grundrecht auf freie Meinungsäußerung, so ein Sprecher. Die Universität lebe einen "offenen, reflektierten und wissenschaftsbasierten Diskurs". In diesem vertrete Lütge mit seiner Wortwahl aber nicht die Ansicht der Universitätsleitung.

"Die TUM nimmt die Bekämpfung der Corona-Pandemie sehr ernst und handelt verantwortungsbewusst nach den von der überwältigenden Mehrheit der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler empfohlenen gesundheitsvorsorgenden Maßnahmen", heißt es.

Technische Universität München eröffnet Institut für Ethik in der Künstlichen Intelligenz (IEAI), 2019

Professor Christoph Lütge, 51.

(Foto: Sebastian Gabriel)

Inzwischen sind auch einzelne Mitglieder des im Oktober gegründeten Bayerischen Ethikrats von Lütge abgerückt. Susanne Breit-Keßler, ehemalige Regionalbischöfin und Vorsitzende des Gremiums, erklärt, sie wolle sich als solche "nicht zu Einzelmeinungen" äußern. Die anhaltende öffentliche Kontroverse über Einlassungen von Herrn Professor Lütge veranlasse sie aber, daran zu erinnern: "Zwar gehört der Streit über Meinungen zum demokratischen Diskurs. Dazu gehört aber auch, Meinungen auf ihre inhaltliche Validität und ihre ethische Fundierung zu sichten. Generell verwahre ich mich gegen die Auffassung, der Tod alter Menschen an und mit Covid-19 lasse sich durch den Hinweis relativieren, diese Menschen wären ohnehin so oder so demnächst gestorben. Diese Meinung ist verächtlich gegenüber Betroffenen. Und sie verachtet sittliche Grundwerte unseres Gemeinwesens."

Armin Nassehi, Soziologe an der Ludwig-Maximilians-Universität und ebenfalls Mitglied des Ethikrats, sagt, er könne sich "nur distanzieren" von Lütges Äußerungen. Dass Lütge mit der Autorität des Ethikrates in der Öffentlichkeit spreche, sei "ein Etikettenschwindel." Nassehi stößt sich sehr daran, dass Lütge behauptet, auch er, Nassehi, bezweifle den Sinn der Lockdown-Maßnahmen. Er sei im Gegenteil seit Monaten für "eine eher strenge Strategie eingetreten". Der Bayerische Ethikrat hat sich bislang zu den Maßnahmen der Regierung nicht geäußert. Man wolle sich Ende Februar zusammensetzen, erklärt Breit-Keßler. Die Bitte der SZ um eine Stellungnahme zur Kritik an seinen Äußerungen ließ Lütge bis Redaktionsschluss unbeantwortet.

© SZ vom 30.01.2021/van
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