Jubiläum des Bayerischen Staatsorchesters:Söders unpassender Fußballvergleich

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Das Bayerische Staatsorchester feierte seinen 500. Geburtstag. (Foto: Wilfried Hösl)

Das Bayerische Staatsorchester feiert seinen 500. Geburtstag - und der Ministerpräsident blamiert sich mit einer Video-Grußbotschaft.

Von Egbert Tholl

Wäre am Sonntag Landtagswahl gewesen, zumindest unter den 2100 Gästen im Nationaltheater hätte der amtierende Ministerpräsident Markus Söder auf Zustimmungsergebnisse im offenkundig bestenfalls einstelligen Bereich hoffen können. Der Anlass zu Söders profunder Selbstdemontage war hierbei ein sehr freudiger: Das Bayerische Staatsorchester, also das Orchester der Bayerischen Staatsoper, feierte Geburtstag.

Vor 500 Jahren wurde es gegründet, was nicht bedeutet, dass die Wittelsbacher damals jene 144 Musikerinnen und Musiker anstellten, die heute das Staatsorchester bilden. Vielmehr wurde im Jahre 1523, also rund 80 Jahre vor Erfindung der Gattung Oper, Ludwig Senfl mit der Leitung der Hofkapelle betraut, die damals aus einer guten Handvoll Musikanten bestand; es war die Zeit der Vokalpolyphonie, Instrumentalisten brauchte man vor allem für Begleitungs- und Unterhaltungsaufgaben.

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Aber egal, damals wurde eine Tradition begründet, die bis heute anhält und das Staatsorchester zu einem der ältesten Klangkörper der Welt macht. Also wird gefeiert, mit Pressekonferenz, Festkonzert und Staatsempfang. Nun ist an diesem Sonntagvormittag das Konzert durchsetzt von Reden, von Intendant Serge Dorny, Landtagspräsidentin Ilse Aigner, Kunstminister Markus Blume und auch vom Orchesterrat, da darf dann einer nicht fehlen. Markus Söder ist zwar nicht persönlich anwesend, schickt aber eben eine Videobotschaft, aufgenommen irgendwo in der Staatskanzlei, Söder lässig, ohne Krawatte, "Bayern ist ein großartiges Land" - erste Unmutsbekundungen im Publikum. Wahlkampf will man hier nicht hören.

Das Staatsorchester vergleicht Markus Söder mit dem FC Bayern

Aber es kommt noch lustiger. Der Unwillen schwillt an, als Söder darauf verweist, nicht nur der FC Bayern gewinne viele Titel. Der Ministerpräsident meint damit den Umstand, dass das Staatsorchester zum wiederholten Male zum "Orchester des Jahres" gewählt wurde, was daraus resultiert, dass in der Jahresumfrage der Fachzeitschrift "Opernwelt" eine relative Mehrheit der rund 40 befragten Klassikkritiker das Orchester für das beste der vergangenen Saison hält.

Der Fußballvergleich führt zu einem lauten "Peinlich!"-Zwischenruf, doch Söders Beitrag evoziert auch allergrößte Heiterkeit, als er nämlich meint, geniale Musiker seien Unikate, wohingegen man Amtsträger und Minister leicht ersetzen könne. Dafür kriegt er Applaus, weniger aber für die rätselhafte Sentenz "leben und leben lassen, spielen und spielen lassen". Auch der Verweis, Kunst und Kultur würden in Bayern maximal unterstützt, ruft Zweifel hervor, wohl bei denen, die sich daran erinnern, dass Söder vor ein paar Monaten die Pläne fürs Konzerthaus im Werksviertel auf Eis gelegt hat. Doch da Söder ein geschickter Rhetoriker ist, wartet er mit einer Schlusspointe auf, die fast im Tumult des Publikums unterzugehen droht: "Gratulation zum entsprechenden Jubiläum." Darauf folgt eine Bläseradaption eines Liedes von Ludwig Senfl von berückender Simplizität, also passend (eine ähnliche Adaption eines Stücks von Orlando di Lasso indes ist später einfach nur berückend).

Claudia Roth vermittelt die Begeisterung, die ihren bayerischen Kollegen in Worte allein gerinnt

Die anderen Redner wissen wenigstens, worum es hier geht. Blume: "Wow!" Aigner: "Lassen wir uns inspirieren vom Weltkulturerbe unserer Musik", für die sie auf Werke von Wagner bis Strauss verweist, welche zwar das Kernprogramm des Festkonzerts darstellen, aber halt auch nur wenige Jahrzehnte Musikgeschichte abbilden. Tatsächlich leitet Generalmusikdirektor Vladimir Jurowski eine eigenwillig getragene, von Glanz und Übermut befreite Interpretation von Wagners "Meistersinger"-Vorspiel und eine Aufführung der "Alpensinfonie" von Richard Strauss, bei welcher es ihm nicht ganz gelingen mag, dem elaborierten Naturklangbild einen metaphysischen Mehrwert abzugewinnen - am schönsten sind die Kuh-Glocken und die Schrammelmusik darin. Das hindert die Bundeskulturstaatsministerin Claudia Roth aber nicht daran, mit dem Verklingen der letzten "Nacht" begeistert aufzuspringen. Sie vermittelt unmittelbar jene Begeisterung, die ihren bayerischen Kollegen in Worte allein gerinnt.

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Beim Staatsempfang verweist Jurowski, wie zuvor schon Dorny, auf die Unmöglichkeit, die lange Geschichte des Orchesters in Konzerten vollständig abzubilden und den Balanceakt zwischen Vergangenheit und Zukunft. Im Programm des Jubiläumsjahrs wird diese Balance dadurch bewältigt, dass drei ehemalige Generalmusikdirektoren für Akademiekonzerte zurückkehren und zwei von ihnen, Zubin Mehta und Kent Nagano, von ihnen initiierte Auftragswerke dirigieren werden - nur Kirill Petrenko nicht, er hat aber mit Mahlers Achter genug zu tun. Jurowski hätte auch ein Auftragswerk in petto, doch das erklingt in den Akademiekonzerten am Montag und Dienstag, beim Staatsaktkonzert wollte man die zahlreichen Würdenträger offenbar nicht mit Zeitgenössischem von Brett Dean erschrecken.

Das Programm des Jubiläumsjahrs 2023 ist imposant; es wird im Spätsommer eine Europatournee des Orchesters geben, ein dickes Buch, eine TV-Doku, im Nationaltheater kann man eine Ausstellung im rückwärtigen Foyer besuchen, nach ausgewählten Opernabenden laden Mitglieder des Orchesters zu Gesprächen in die Rheingold-Bar. Und zu recht ist man stolz auf die prämierten Veröffentlichungen auf dem hauseigenen CD- und DVD-Label. Doch eines fehlt: 200 Jahre Musik. Wollte, konnte man nicht Ivor Bolton für ein Barockprogramm gewinnen? Neben Zubin Mehta prägte er die Ära Sir Peter Jonas' musikalisch, war als Barockspezialist so eine Art unausgesprochener Zweit-Chefdirigent. Nun gibt es halt Mahler und Bruckner, Berg und Schumann, Mozart, das ja. Händel nicht.

Hinweis der Redaktion: In einer früheren Fassung wurde der erste Leiter der Hofkapelle im Jahre 1523 als "Ludwig Senftl" bezeichnet. Gängig und korrekt ist jedoch "Senfl", obwohl 15 verschiedene Namensschreibweisen überliefert sind für Senfl. Wir haben das ausgebessert im Text.

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