„Frühstück“ nennen sie ihre einstündige Morgenklasse. Für die Tänzerinnen und Tänzer des Bayerischen Staatsballetts gehört sie so fest zum Start in den Tag, wie für andere die Tasse Kaffee. Ein Sprung, die Beine öffnen sich fast zum Spagat. Landung, vier Trippelschritte nach vorn, dann noch eine Pirouette und: Abgang. So wärmen sie sich für ihren Arbeitstag auf.
Um zehn Uhr versammeln sich die 62 Ballerinas und Ballerinos der Compagnie im großen Ballettsaal im sechsten Stock des Nationaltheaters. Erst wird ausgiebig gedehnt, dann die Muskeln aktiviert, und wenn der Körper bereit ist, kommen die Sprünge und Drehungen dazu. Zur schnellen Musik eines Live-Pianisten wogen sie in Kleingruppen durch den Saal; eine Reihe folgt der nächsten. Das Warm-up ist immer gleich aufgebaut, tagein tagaus.
Was wie eine ewige Wiederholung der immer gleichen Bewegungen aussieht, ist Grundlage dieser so scheinbar schwerelosen Kunst. Das Rückgrat jeder erfolgreichen Ballett-Compagnie. Und die Truppe von Ballettdirektor Laurent Hilaire konnte in der vergangenen Spielzeit etliche Erfolge feiern. Da war die Ballettfestwoche mit dem epochalen Dreiteiler „Wings of Memory“, die beeindruckende Auslastung von über 95 Prozent bei den Vorstellungen, und jüngst nun die „Glanzlicht des Jahres“-Auszeichnung der Fachzeitschrift Tanz für die Compagnie.

Der Mann, der dafür sorgen soll, dass der Erfolg auch in der neuen Spielzeit anhält, heißt Laurent Guilbaud. Er ist der neue Ballettmeister der Compagnie und hat zuletzt am English National Ballet in London gewirkt. An diesem Morgen sieht er mit seinen schwarzen Sportschuhen, der Trainingshose und dem dunklen T-Shirt ein wenig so aus wie ein Fußballtrainer. Er steht vor dem großen Spiegel am Kopfende des Saals und leitet das Training mit einer sympathischen Mischung aus der klassischen französischen Ballett-Terminologie und Englisch mit französischem Einschlag: „Plié, everybody, up, down, up, down!“
An fünf Ballettstangen sind die Tänzerinnen und Tänzer um ihn herum im Raum gruppiert. Auf sein Kommando gehen sie in die Knie und wieder nach oben. Das Piano spielt dazu eine ruhige und etwas verträumte Melodie. Die Tänzer beginnen langsam, aber mit jeder Übung, die Laurent Guilbaud ansagt, werden ihre Bewegungen größer und bald schon fliegen die ersten Beine durch die Luft.
Die Compagnie hat sich viel vorgenommen für diese Spielzeit. Nach sechs Jahren haben sie John Neumeiers „Der Nussknacker“ zurück auf die Bühne des Nationaltheaters gebracht und sind damit schon bis in den Januar ausverkauft. Im Dezember kommt dann der dreiteilige Abend „Waves and Circles“ dazu, und natürlich ist da noch die Ballettfestwoche im Frühjahr. Insgesamt drei Premieren und sechs Stücke aus dem Repertoire wollen sie in dieser Saison zeigen.
Trotz der großen Aufgabe wirken die Mitglieder der Compagnie entspannt. Jeder hat seinen eigenen Rhythmus und Stil – das beginnt schon bei der Kleidung. Im Probesaal sieht man Retro-Rennrad-Jacken und mehrfarbige Wollhosen; der erste Solist Jakob Feyferlik tanzt im Pullover mit blauem Stirnband, und Yonah Acosta könnte mit seinem gestreiften Hemd und der silbernen Uhr auch in einer Immobilienagentur arbeiten.
An diesem Tag sind auch Elisabeth Tonev und Violetta Keller beim Training dabei. Sie sind die neuen ersten Solistinnen am Bayerischen Staatsballett; sie stießen nach dem Weggang der Publikumslieblinge António Casalinho, Margarita Fernandes und Madison Young zur Compagnie.
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Mittlerweile wurden die Stangen aus der Mitte des Saals geschoben. In der kurzen Pause zieht Elisabeth Tonev ihre Spitzenschuhe an, denn nun wird die Einheit dynamischer: Die Tänzer laufen abwechselnd in Gruppen auf die freie Fläche und führen Sprünge und Pirouetten aus. Erst niedrig, dann höher und schneller.
„Irgendwann ist das Training einfach Routine“, sagt Tonev, „wir machen das hier jeden Tag, irgendwann gewöhnt sich der Körper daran.“ Für sie ist die Einheit erst der Anfang ihres Arbeitstages, später hat sie noch vier weitere individuelle Proben.

Tonev kennt das alles schon aus Amsterdam, wo sie sechs Jahre am Niederländischen Nationalballett tanzte. 2024 wurde sie dort zur ersten Solistin befördert, doch dann zog es sie zurück nach Deutschland. Für die gebürtige Berlinerin, deren Eltern dort im Staatsballett tanzten, ist der Wechsel nach München damit auch eine Art Rückkehr: „Es ist ein bisschen wie nach Hause kommen“, sagt sie. Die Compagnie habe sie mit offenen Armen empfangen.
Trotz der konzentrierten Trainingsarbeit ist die Stimmung locker. Es fehlt der erhabene Ernst, der die Tänzer auf der Bühne oft zu entrückten, unnahbaren Wesen macht. Stattdessen wird gescherzt und gelacht; bei schwierigen Übungen ziehen die Tänzer auch mal Grimassen. 24 Nationen kommen im Trainingssaal des Staatsballetts zusammen. Dass mit Tonev und Keller nun gleich zwei Deutsche als erste Solistinnen in einer deutschen Compagnie tanzen, ist eher selten.
„Ich finde es schade, dass es nur so wenige große deutsche Tänzer gibt“, meint Tonev. „Aber vielleicht kann ich ja mit meinen Auftritten einen Beitrag leisten und junge Menschen hier vor Ort inspirieren.“ Ihre erste Chance dazu hatte sie Anfang November, als sie die Louise in John Neumeiers „Nussknacker“ tanzte.

Das Training steuert auf sein Ende zu. Einmal noch setzt das Piano zu einem schnellen Stakkato an, und Laurent Guilbaud lässt die Compagnie durch die Luft wirbeln – dann ist Schluss. Ein kurzer Applaus und die Tänzer gehen ihrer Wege.
Um Violetta Keller zu erwischen, muss man sich etwas gedulden, denn gleich im Anschluss steht für sie eine Probe für den „Nussknacker“ an. Im Ballett-Probenhaus am Platzl, gleich neben dem Hofbräuhaus, sieht es fast so aus wie im Nationaltheater: ein großer Spiegel, viel Platz, eine Ballettstange und ein Klavier. Keller übt hier ihren Part als Louise zusammen mit dem hochgewachsenen Amerikaner Soren Sakadales, der im „Nussknacker“ den Ballettmeister Drosselmeier tanzt.
Die Louise hat Violetta Keller auch schon am Finnischen Nationalballett in Helsinki getanzt, allerdings nicht in der Neumeier-Version. Jetzt ist sie in München – oder besser: wieder in München. Denn Keller ist ein Kind des Münchner Balletts; ihre Ausbildung erhielt sie an der Ballett-Akademie der Hochschule für Musik und Theater. „Es war immer ein Traum für mich, hierher zurückzukehren“, sagt sie heute. Nach sieben Jahren in Finnland sei es Zeit geworden für etwas Neues. So habe sie sich einfach gemeinsam mit ihrem Partner Clark Eselgroth beim Bayerischen Staatsballett beworben. „Ich bin sehr glücklich, dass es geklappt hat – unsere Spontanität hat sich wirklich ausgezahlt“, sagt sie.
Auch Ballettmeister Laurent Guilbaud ist wieder bei der Probe dabei. Dieses Mal betreut er aber nicht über 60 Tänzer, sondern zwei – dementsprechend genauer kann er hinschauen. Keller übt das komplizierte Solo aus dem zweiten Akt des „Nussknackers“, das sie einmal im großen Bogen über die Bühne führt. Die Partie steckt voller kleiner, schneller Bewegungen; ein Zucken im Fuß, perfekt zum Takt der Musik, eine langsame Drehung mit ausgestrecktem Bein, dann wieder Sprünge.
Für den Laien sieht alles, was Keller macht, beeindruckend aus. Guilbaud findet trotzdem noch Fehler: hier den Arm ein bisschen höher, dort die Schulter ein paar Zentimeter weiter zurück, den einen Schritt kürzer, den anderen länger. „Ich glaube, für diesen Beruf muss man ein Perfektionist sein“, sagt Violetta Keller nach dem Training. „Aber das ist auch wichtig: Jeder Fehler im Training ist einer, der einem auf der Bühne nicht passiert.“

