„Lass uns Dracula machen!“ Man muss sich die Szene vorstellen: Laurent Hilaire sitzt im Zug, es ist laut um ihn herum, und dann hört er diese Stimme am Telefon. Geheimnisvoll, aber auch mit kindlicher Begeisterung. Die Stimme gehört dem Choreografen Edward Clug, Rumäne qua Geburt. Hilaire, Ballettdirektor der Bayerischen Staatsoper und Franzose, sagt erst zögernd: „Jaaaa?“ Mit Betonung auf dem Fragezeichen. Dann aber klatscht er voller Tatendrang in die Hände: „Ok, lass’ uns das machen!“

So jedenfalls erzählt Hilaire Monate später in seinem Direktionsbüro am Münchner Platzl von jenem Gespräch. Sehr lange schon will er mit Edward Clug, einem der begehrtesten Choreografen Europas, eine Tanzproduktion am Münchner Haus realisieren. Er hatte ihm einige Ideen dafür vorgeschlagen, doch Clug zog nicht so recht. Und dann kam der Rumäne selbst mit Dracula um die Ecke. Titel: „Carpathia“, der englische Name für die Karpaten.
„Ich glaube an den Enthusiasmus“, sagt Hilaire. Stets würden sich die Dinge fügen, wenn der Moment reif sei. Diese Erfahrung hat der Franzose, der so gar nicht zur Esoterik neigt, oft in seinem Leben gemacht. Etwa beim ikonischen „Flying Kiss“ aus Angelin Preljocajs Ballett „Le Parc“, in dem er 1994 selbst die Uraufführung an der Pariser Oper tanzte. Drei Tage vor der Premiere war der Choreograf noch nicht zufrieden mit dem finalen Duett. Etwas fehlte. So schickte Preljocaj Hilaire und seine Partnerin Isabelle Guérin noch einmal in den Probensaal. „Es dauerte kaum zwei Stunden, und wir hatten den Flying Kiss.“

Apropos Kuss, respektive Biss. Das Münchner Ballettpublikum erwartet in der Spielzeit 2026/2027 mit Clugs Auftragsstück (Premiere: 11. November) kein Tanz der Vampire à la Polanski oder opernhafte Hollywood-Breitwand im Stil von Coppolas „Bram Stoker’s Dracula“. Dabei hat der Roman des irischen Schriftstellers ja durchaus einen München-Bezug. Denn ursprünglich ließ Stoker seinen Helden Jonathan Harker auf dem Weg nach Transsylvanien zum Fürsten der Finsternis im Münchner Hotel „Vier Jahreszeiten“ absteigen und einen Horrortrip auf einem hiesigen Friedhof erleben. Doch hatte es diese München-Episode letztlich nicht in den Roman geschafft, sondern nur in eine posthum veröffentlichte Kurzgeschichten-Sammlung.

Clug lässt sich in „Carpathia“ durchaus von Stokers Roman und Verfilmungen wie jenen von Friedrich Wilhelm Murnau oder Werner Herzog inspirieren. Doch wie viele Menschen, die aus Siebenbürgen stammen, liegt ihm der ganze tourimusgetriebene Vampirkommerz und Blutsauger-Kitsch fern. Clug, der begnadete Geschichtenerzähler unter den Tanzschaffenden, sucht stattdessen nach den Ursprüngen des Dracula-Mythos’: die Karpatenlandschaft mit ihren archaischen Ritualen, in denen es um Transformation geht. Angekündigt ist deshalb eine vielschichtige Reflexion über Leben und Tod und das Zwischenreich, getanzt zu speziell für diese Produktion komponierter Live-Musik von Milko Lazar, mit dem Clug schon seit 2008 zusammenarbeitet.

Keinesfalls vom Band kommt auch die Musik für die andere große Produktion der kommenden Ballettsaison, in der sich die Welt der Lebenden und das Reich der Schatten treffen: Pina Bauschs „Orpheus und Eurydike“ aus dem Jahr 1975, zu den Klängen von Barockmeister Christoph Willibald Gluck, auf der Bühne interpretiert von den Sängerinnen Avery Amereau, Elene Gvritishvili und Carine Tinney, im Graben spielt das Staatsorchester. „Wir sind schließlich ein Opernhaus“, sagt Hilaire über die Interaktion von Musikern und Tänzern.
Hilaire schätzt das Œuvre der 2009 gestorbenen Choreografin ganz ungeheuer, auch wenn er selbst nie in einem ihrer Stücke getanzt hat. „Es ist ein Meisterwerk, ich möchte, dass meine Tänzerinnen und Tänzer diese Chance bekommen.“ Er ist überzeugt davon, dass sein Ensemble an dieser Erfahrung wachsen wird. Schon in Bauschs „Das Frühlingsopfer“ 2025 sei die Compagnie herausragend gewesen. Premiere der Tanzoper wird zur Ballettfestwoche am 9. April 2027 sein.

Seine Compagnie, das sind 61 Tänzerinnen und Tänzer. Seit Mai 2022 leitet Laurent Hilaire das Bayerische Staatsballett, als Nachfolger des Russen Igor Zelenky, der zurück in sein Heimatland ging. Hilaire wiederum kehrte damals kurz nach Ausbruch des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine Moskau den Rücken, wo er fünf Jahre lang die Ballettsparte am Stanislawski- und Nemirowitsch-Dantschenko-Musiktheater geleitet hatte. Organisch hat er die Münchner Compagnie in den vergangene Jahren geformt, anders als sein Vorgänger, der bei seinem Amtsantritt 30 Prozent der Truppe austauschte. Behutsam wollte Hilaire vorgehen, die Compagnie weiterentwickeln. Er hat neue Erste Solisten ins Staatsballett geholt wie Jakob Feyferlik, Julian MacKay oder zuletzt Violetta Keller und Elisabeth Tonev, anderen, die bereits da waren, wie dem blutjungen Portugiesen António Casalinho den Aufstieg zum Star geebnet. Hilaire ist nun da, wo er hinwollte, oder wie er es formuliert: „Jetzt ist die Komposition fertig.“
Und der Erfolg gibt im Recht, nahezu 100-prozentige Auslastung der meisten Vorstellungen. 800 Bewerberinnen und Bewerber im Jahr, die unbedingt in diesem Ensemble tanzen wollen. Wegen des weit aufgefächerten Repertoires, der Qualität des Ensembles, der Atmosphäre. Zumindest in Deutschland reiche da mittlerweile wohl kaum ein Haus heran, oder? Doch Hilaire hält von solchen Rankings offenbar eher wenig. Macht ihm der Erfolg Angst? „Natürlich!“ Und er mache ihn vor allem demütig, denn alles sei fragil in dieser Kunst.
Natürlich kommen die jungen Tänzerinnen und Tänzer auch seinetwegen ans Staatsballett. Ein Ruf, der ausstrahlt: Hilaire, den Rudolf Nurejew Mitte der Achtzigerjahre zum Danseur étoile der Pariser Oper ernannte, ist ein sehr präsenter Ballettdirektor, ist oft im Probensaal. Heute ist er 63 Jahre alt. Ob er die Zeit, die vielen magischen Momente auf der Bühne vermisse. Hilaire verneint entschieden, und schnell. Er habe das ja alles gehabt, und nun wolle er das an die nächste Generation weitergeben, die genauso brenne wie er damals. „Wir Tänzer sind glückliche Menschen, wir können das tun, was wir lieben und werden noch dafür bezahlt. Das hat natürlich seinen Preis.“ Kurze Karrieren.

In der kommenden Saison hat sich Laurent Hilaire selbst eine weitere Aufgabe zugeteilt: Das erste Mal wird er am Bayerischen Staatsballett choreografieren, auch wenn er sich selbst ausdrücklich nicht als Choreografen bezeichnen würde. Er arbeitet an einer eigenen, leicht adaptierten Version des romantischen Klassikers „Giselle“ (Premiere 9. Januar 2027), auf Grundlage der ursprünglichen Choreografie von Jean Coralli und Jules Perrot und deren Weiterentwicklung durch Marius Petipa. Stärker ins Heute will er den Stoff holen, für das Publikum noch intensiver erfahrbar machen. Dem Ganzen mehr „Sauerstoff geben“, wie er sagt. Und wieder geht es ins Totenreich, zu den Wilis, jenen Bräuten, die vor der Hochzeit gestorben sind und nun um Mitternacht aus ihren Gräbern steigen, um mit ihrer Tanzlust an den Männern Rache zu üben.

Auch von John Neumeier gibt es eine „Giselle“, doch sind es andere Klassiker des großen Choreografen, die in der kommenden Spielzeit wieder am Münchner Haus zu sehen sein werden: „Die Kameliendame“, „Illusionen – wie Schwanensee“ oder „Der Nussknacker“. Doch nicht Neumeiers Aschenputtel-Ballett „A Cinderella Story“ ist am Staatsballett auf dem Programm, sondern Christopher Wheeldons „Cinderella“, das im Mai 2027 zurückkehrt. Auch die beliebten Triple Bills – drei Choreografen, drei Stücke – der vergangenen Saison stehen an: „Waves and Circles“ und „Common Ground“. Und mit „Das Vier-Farben-Land“ nach dem gleichnamigen Kinderbuch von Gina Ruck-Pauquèt gibt es auch wieder ein Tanzstück für Kinder (Premiere: 9. Januar 2027).

„Glanzlichter“ heißt dann schließlich eine Ballettgala, die zum Auftakt der Opernfestspiele 2027 an drei Abenden im Prinzregententheater präsentiert wird, mit Höhepunkten der Ballettgeschichte, großen Pas de deux. Dazu werden auch internationale Ballettstars als Gäste auftreten. Klingt kulinarisch, ein wenig nach Potpourri-Best-of, und so gar nicht Laurent Hilaire. Deshalb ist es geradezu beruhigend, wenn er sagt: „Die Aufgabe des Balletts ist nicht, die Menschen zu verführen, ihnen etwas zu verkaufen. Was wir tun, ist Kunst.“
Das Programm der Spielzeit 2026/2027 des Bayerischen Staatsballetts unter www.staatsoper.de


