bedeckt München
vgwortpixel

Bayerischer Verfassungstag:Luftballons statt Jubelschüsse

Kinder der Helfendorfer Kindergruppe des Goldbergler-Trachtenvereins lassen Luftballone im Hofgarten fliegen.

(Foto: Sebastian Gabriel)

Eigentlich sollte die Feier zum Bayerischen Verfassungstag im Hofgarten mit Böllerschützen beginnen. Doch die Residenzverwaltung hat das verboten - eine Entscheidung, die kein Festredner nachvollziehen kann

Wenn es noch eines Beweises bedurfte, dass mittlerweile sogar kernbayerische Veranstaltungen wie die alljährliche Verfassungsfeier von der Globalisierung angesteckt sind, dann lieferte ihn am Samstag die Bayreuther Intendantin Sissy Thammer. Als sie beim Bayerischen Verfassungstag im Herkulessaal die Nachfahren des einstigen Ministerpräsidenten Wilhelm Hoegner, des "Vaters der Bayerischen Verfassung von 1946", willkommen hieß, rutschte ihr zur allgemeinen Erheiterung statt des Wilhelm ein "William Hoegner" heraus. Vermutlich war sie ins Amerikanische abgedriftet, weil das Orchester Hugo Strasser vorher ein Benny-Goodman-Medley in den Saal geblasen hatte, dass sogar die festlich gewandeten Abordnungen der Trachtenverbände ihre Landlermelodien kurz verräumten und vor lauter swingendem Mitwippen ins Schwitzen gerieten.

Der Bayerische Verfassungstag wird auf Initiative der überparteilichen Vereinigung Bayerische Einigung/Bayerische Volksstiftung seit 1967 gefeiert, und zwar in Erinnerung daran, dass sich das bayerische Volk am 1. Dezember 1946 selber eine Verfassung gegeben hat. Das Ziel der Veranstaltung ist es, ein tieferes Bewusstsein für die Bedeutung dieser Verfassung zu schaffen, die wegen ihrer herausragenden Formulierung und ihrer inhaltlichen Bedeutung zu den großen Texten der deutschen Geschichte gezählt wird. Wo sich soviel Freude und Harmonie vereinigen, ist der Ärger stets nicht weit, wie sich auch am Samstag wieder herausstellte.

Der Zwiespalt manifestierte sich bereits am Beginn der Veranstaltung. Eigentlich sollten Böllerschützen im Hofgarten hörbar in Erinnerung rufen, dass der Verfassungstag in diesem Jahr von zwei Großjubiläen begleitet wird: 100 Jahre Freistaat Bayern und 200 Jahre erste bayerische Verfassung von 1818. Waren solch bedeutende Anlässe zu begehen, hat man es in Bayern immer krachen lassen. Bräuche wie Böllern, Schnalzen und Schießen werden seit grauer Vorzeit gepflegt, nicht zuletzt, um das Gute zu bejubeln und das Böse zu vertreiben. Die dem Finanzministerium unterstehende Residenzverwaltung ließ sich davon jedoch nicht beeindrucken und legte ein Veto ein, von dem die Behörde partout nicht abrückte. Es blieb den Veranstaltern nichts übrig, als mit Unterstützung von Trachtlerkindern ersatzweise Luftballons in die Luft steigen zu lassen. Wenigstens sie wurden, was die Lärmerzeugung in der adventlich tosenden Innenstadt betrifft, als unbedenklich eingestuft.

Dieser Wermutstropfen trübte die Feierlichkeit im Herkulessaal. Das Unverständnis über das Verbot zog sich wie ein roter Faden durch sämtliche Festreden. Landtagspräsidentin Ilse Aigner und Innenminister Joachim Herrmann sahen sich zu dem Zugeständnis veranlasst, dass in Zeiten des überall obwaltenden Lärms zu einem herausragenden Anlass wie dem Verfassungstag ein paar Böllerschüsse möglich sein müssten. Festrednerin Sissy Thammer forderte diesbezüglich sogar ein neues Gesetz von wägender Weisheit, das als "Lex Besold" in die Geschichte eingehen sollte.

Der Name Besold ist von der Verfassungsfeier nicht zu trennen. Der Münchner Rechtsanwalt Florian Besold ist als Präsident der Bayerischen Einigung die treibende Kraft dieser von allen gesellschaftlichen Gruppierungen getragenen Feiern. Wie die Vergangenheit gezeigt hat, ist Besold im Engagement für die Verfassung auch zu Scharmützeln mit dem Landtag bereit, besonders wenn das hohe Haus glaubt, Konkurrenzveranstaltungen zur Verfassungsfeier anberaumen zu müssen, wobei dieser Drang mittlerweile nachgelassen hat.

Auch diesmal leistete Besold politischen Widerspruch, nachdem nämlich Innenminister Herrmann stolz hervorgehoben hatte, in keinem anderen Land würde das Volk so sehr von Plebisziten Gebrauch machen wie in Bayern, die unmittelbare Volksdemokratie werde hier am intensivsten gelebt und es habe Bayern nicht geschadet. Besold hielt dagegen, eine Ausweitung von Bürgerbegehren werde das Parlament schwächen und eine Stimmungsdemokratie befördern.

Jene Gäste des Verfassungstags, die sich während der Festreden nicht von ihren Smartphones ablenken ließen und aufmerksam zugehört haben, wirkten beim anschließenden Empfang bei Wein und Häppchen nachdenklich. Es wirkte nach, dass in allen Reden zwar die Freude über die lange demokratische Erfolgsgeschichte zum Ausdruck kam, noch mehr jedoch die Sorge, dass über dem Verfassungsstaat schwere Stürme aufziehen könnten. "Tun wir wirklich genug, um unsere freiheitliche Ordnung zu verteidigen?", fragten die Politiker Aigner und Herrmann. Sie appellierten, in Zeiten der alles umwälzenden digitalen Veränderungen um die Werte der Verfassung zu kämpfen - gerade jetzt, da die Gesellschaft auseinanderdrifte und sich Gleichgültigkeit, Misstrauen und Geringschätzung breitmachten. Demokratische Werte, Respekt und Anstand seien keine Selbstverständlichkeit mehr.

"Demokratie muss hart erarbeitet und bewahrt werden", sagte Minister Herrmann, sie sei großartig, aber nicht für ewig garantiert. "Zeigen Sie eine klare Haltung!", rief Ilse Aigner den Besuchern zu, und Florian Besold sagte: "Lesen Sie diese überragende Verfassung! Sie ist kein Wiegengeschenk der Geschichte!"

In diesem Sinne vergeben die Bayerische Volksstiftung und die Bayerische Staatsregierung seit 2009 im Rahmen des Verfassungstags gemeinsam den Verfassungspreis "Jugend für Bayern". In diesem Jahr ging die Auszeichnung an die Jugend des deutschen Alpenvereins unter anderem für ihren Einsatz zur Integration von Zuwanderern. Anerkennungspreise erhielten eine Schülergruppe des Gymnasiums Vilshofen und eine Schülerinnengruppe der Maria-Ward-Schule Aschaffenburg.