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Bayerischer Filmpreis:Tränen, Trubel und Triumphe

Bayerischer Filmpreis

Anne Ratte-Polle wurde als beste Darstellerin ausgezeichnet.

(Foto: dpa)

Udo Lindenberg rockt, Anne Ratte-Polle schockt und Heiner Lauterbach ist und bleibt einfach unberechenbar - die leicht wirre Verleihung der Bayerischen Filmpreise.

Heiner Lauterbach ist unberechenbar, selbst an so einem Abend. Der 66-Jährige ist am Freitagabend auf dem Weg über den roten Teppich vor dem Prinzregententheater zum Bayerischen Filmpreis. Lauterbach bekommt den Ehrenpreis, das weiß er seit Wochen. Er könnte also ganz entspannt vor sich hinschlendern, mit seiner Frau ein wenig posieren, später dann den bangenden Schauspielkollegen dabei zusehen, wie sie sich freuen oder frustriert sind, einen der Preise zu bekommen oder eben nicht. Und am Ende mit einer vorbereiteten Rede die Lobeshymne des Ministerpräsidenten auf seine Leistungen als Darsteller kontern. Macht er aber nicht.

Lauterbach steht neben seiner Frau Viktoria und Ministerpräsident Markus Söder. Viktoria Lauterbach fragt: "Wollt ihr zwei zusammen ein Bild machen?" Er schweigt, atmet tief ein und sagt: "Ja." Dann lächelt er im feinsten Großvaterlächeln in die Kameras, dass es allen wärmer wird an diesem Januarabend im Freien. Und direkt danach mosert er die Fotografen an, dass jetzt doch wirklich Schluss sein müsse mit den Bildern. Es ist also durchaus die Frage, was Söder und das Publikum im Prinzregententheater am Ende dieses Abends erwartet.

Zunächst gibt es eher erwartete Momente. Wenn Elyas M'Barek den Teppich betritt, gibt es schnell Tränen. In diesem Fall kommt M'Barek als Teil der Filmcrew von "Das perfekte Geheimnis" an der Rampe des Theaters an, woraufhin die zwölfjährige Lorena all ihren Mut zusammennimmt und ihn um ein Foto fragt. Als er sie in den Arm nimmt, ist sie längst völlig in Freudentränen ausgebrochen und steht selig und vom Weinen zuckend neben ihm. Andere versuchen tunlichst nicht zu zucken, vor allem Gäste, die so dünne Abendkleider tragen wie Lisa Maria Potthoff. Sie darf dafür den ersten Preis entgegennehmen, denn nach dem Vorjahr hat auch bei der 41. Auflage der Bayerischen Filmpreise eine Folge der Eberhofer-Krimireihe den Publikumspreis gewonnen, "Leberkäsjunkie".

Bayerischer Filmpreis

Udo Lindenberg mit seinem Film-Darsteller Jan Bülow.

(Foto: dpa)

Titelverteidiger, das sei für den FC Bayern oder für die Partei des Ministerpräsidenten nichts Besonderes, für das Eberhofer-Team aber schon, sagt Potthoff und Söder nickt halb gönnerhaft, halb beschwichtigend, während um ihn herum der erste Applaus erklingt.

Anne Ratte-Polle stürmt bereits ans Mikrofon, ohne überhaupt den Preis entgegengenommen zu haben. Zunächst scheint es eine von den Danksagungen zu werden, die Lauterbach als "Ich danke meiner Mutter, meinem Vater, meinem Produzenten, wie es alle sagen" nennen würde. Doch dann sagt Ratte-Polle, dass auf den Tag genau vor zwölf Jahren ihre Eltern bei einem Autounfall ums Leben kamen und sie so dankbar sei, dieses Datum jetzt mit so einer schönen Erinnerung wie dem Preis als beste Darstellerin neu belegen zu können. Dass sie dann nicht aufhören will, selbst als das Mikrofon im Boden versenkt wird, lässt manche im Saal jubeln, ander etwas pikiert den Kopf schütteln, alle aber werden den Namen dieser Darstellerin nicht mehr vergessen. Und darum geht es für diejenigen, die da vorne stehen, ja immer auch.

Uwe Ochsenknecht singt ein Udo-Jürgens-Medley, das so wirr klingt wie seine Frisur aussieht, und bittet Regisseur Philipp Stölzl gleich um den nächsten Job. Stölzl hat mit Ochsenknecht den Film "Ich war noch niemals in New York" gedreht und bekommt dafür einen Sonderpreis. Bei seinem Dank zittern ihm die Hände und die Blätter, die sie halten. Später kommt dann eine Rampensau auf die Bühne. Udo Lindenberg schlurft nach vorne, er wird gleich Jan Bülow auszeichnen, der als bester Nachwuchsdarsteller für seine Rolle des Udo Lindenberg geehrt wird. "Hallöchen Experten", raunzt er schmollmundig in den Saal, dass selbst der sonst sehr ehrenpreisig entrückte Lauterbach laut lachen muss. Lindenberg rüttelt alle einmal durch, tanzt rum, küsst Bülow und trollt sich wieder. Ein paar sympathische Hänger und aufgeregt zittrige Dankes und Vielen-Dankes später ist es dann so weit. Lauterbach ist dran. Der Mann, der in 40 Jahren Hunderte Filme gedreht hat, von schwulen Vätern über fieseste Bösewichte bis zum Priester. Bei dem man nie weiß, was kommt. Und nach so einem wirren Abend mit abrupt von ernsten zu lustigen und verrutschten Situationen wechselnden erst recht nicht.

Lauterbach ist ja mittlerweile Professor und gibt seine Erfahrungen an junge Menschen weiter, die zum Film wollen. Eine Erfahrung sollten die unbedingt machen: einmal unvorbereitet zum Dreh kommen. Da merke man erst, wie schrecklich dann ein Drehtag sein kann. Lauterbach selbst ist natürlich vorbereitet, auch wenn er mit 66 doch etwas überrascht war über diese Auszeichnung. Sie kommt recht früh. Aber nach seinem ausschweifenden Leben in früheren Zeiten sei man vielleicht auf Nummer sicher gegangen. Er fasst sich dann recht kurz am Ende. "Die Leute wollen ja ans Buffet."

© SZ vom 18.01.2020/lfr
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