Bayerischer Filmpreis:Nur die Ruhe

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Bayerischer Filmpreis: Gratuliere: Ministerpräsident Markus Söder (links) und Sönke Wortmann , der beim Bayerischen Filmpreis geehrt wird.

Gratuliere: Ministerpräsident Markus Söder (links) und Sönke Wortmann , der beim Bayerischen Filmpreis geehrt wird.

(Foto: Matthias Balk/dpa)

Johanna Wokalek hüpft vor Freude, Albrecht Schuch spricht nur stockend, Sönke Wortmann thront als Ehrenpreisträger stoisch-souverän über allem - und ist am Ende doch bewegt.

Von Philipp Crone, München

In einem kurzen Moment treffen die beiden sonst so getrennten Welten fast physisch aufeinander. Als Markus Söder, Gastgeber des gleich startenden Gala-Abends, aus seinem Wagen vor dem Prinzregententheater steigt, um zum roten Teppich zu gehen, rumpelt beinahe ein schiebender Radfahrer in die Security-Phalanx. Der Radler will losmotzen, sieht Söder samt seines Ehrengastes Sönke Wortmann, dann den mit Fotografen gesäumten Teppich, und sagt: "Ach so."

Diese Welt der Männer in Smoking, der Darstellerinnen und Darsteller, der Fiktion, der nationalen Starhaftigkeit, die hat in München anerkanntermaßen Vorfahrt. Filmfiguren vor Fahrradfahrern. Gerade, wenn es sich beim Bayerischen Filmpreis um das erste richtig große Glitzer-Event handelt, das die Stadt seit zweieinhalb Jahren ausrichtet. Da ist mehr Hitze in der Luft als die dieses flirrend heißen Freitagabends. Nur einer ist so cool, dass man kaum glauben mag, was er noch vor zwei Tagen gesagt hat: "Ich werde immer nervöser."

Sönke Wortmann schreitet im swimmingpoolblauen Anzug am Fotografenspalier entlang und wirkt staatsmännischer als der bayerische Staatsmann neben ihm, der beim Aussteigen mit "Maggus!"-Rufen begrüßt wurde. Wortmann erhält am Ende den Ehrenpreis, und eine der Fragen ist, was auf dieser Bühne wohl noch alles passiert, wenn die Nominierten, Laudatoren und Preisträger mit Gala-Entzug und Hitze-Wallungen auf die Bühne kommen. Und ob Wortmann das auch vor der Kamera kann, was er dahinter so meisterhaft beherrscht: Drama, Witz und Unterhaltung.

Bayerischer Filmpreis: Otto geht immer: Der Schauspieler und Komiker Otto Waalkes (rechts) gibt vor der Verleihung des Bayerischen Filmpreises im Prinzregententheater Autogramme.

Otto geht immer: Der Schauspieler und Komiker Otto Waalkes (rechts) gibt vor der Verleihung des Bayerischen Filmpreises im Prinzregententheater Autogramme.

(Foto: Ursula Düren/dpa)

Vor der Gala bekommt er auf jeden Fall schon eine Menge Lob übergeschüttet. Constantin-Chef Martin Moszkowicz schwärmt von einem "im allerbesten Sinne souveränen Handwerker", der mit einer ungeheuren Ruhe arbeite. "Es ist eine Wonne, mit ihm zu arbeiten", was Moszkowicz auch in mehr zig Filmen gemacht hat. Und Doris Dörrie sagt nur, es klingt nach angenehmen Erinnerungen: "Ach, der Sönke." Der lässt den Teppich währenddessen gerne zügig hinter sich und betritt den Saal.

Der Ehrenpreisträger setzt zumindest zu Beginn eine Miene auf, die einen Spannungsbogen geradezu herausfordert: Wird er sich für diesen Abend begeistern können. Der 62-Jährige schaut eher so, als ob er gerne - in aller Ruhe - substanzielle Regie-Anweisungen geben wollen würde. Und es geht auch los, dass Dramaturgen wohl am liebsten Hand anlegen würden. Längliche Dankesworte, spannungsfreie Moderationen, zum ersten Mal unterbrochen von Johanna Wokalek, die vor Freude über ihren Laudator Klaus Maria Brandauer über die Bühne hüpft, jubelnd ehe sie ihm in die Arme fällt.

Dann steht sie vor Freude schluchzend da, als Brandauer davon spricht, "ein bisschen verliebt" zu sein in sie, als Schauspielerin. Sie halten sich an der Hand, die Preisträgerin und ihr Dozent und Entdecker vom Max-Reinhardt-Seminar, sie streicht ihm durchs Haar, und selbst bei der Dank-Aufzählung stockt noch ihre Stimme, und das bei einem Vollprofi. Da verschwimmen wieder beide Welten, Film und Realität, wenn eine Darstellerin auf einer Bühne wirklich gerührt ist.

Bayerischer Filmpreis: Der ist für dich: Laudator Tobias Moretti (links) überreicht im Prinzregententheater während der Verleihung des Bayerischen Filmpreises Albrecht Schuch seine Auszeichnung.

Der ist für dich: Laudator Tobias Moretti (links) überreicht im Prinzregententheater während der Verleihung des Bayerischen Filmpreises Albrecht Schuch seine Auszeichnung.

(Foto: Matthias Balk/dpa)

Wortmann schaut sich das in seiner Wortmann-Ruhe an, wie auf der Bühne getanzt wird, geherzt, stoisch. Auch als Albrecht Schuch geehrt wird und auch er nicht weiß, wer ihm den Preis überreicht. Der Kollege Tobias Moretti ist es, und die Männer hauen sich auf die Schultern, ehe Moretti erklärt, dass Schuch in "Lieber Thomas" über den Dramatiker Thomas Brasch, den "Satyr, diesen zarten und wilden Poeten, der sich selbst immer wieder kaputthaut" die Figur in einem "Meisterporträt" gespielt habe.

Zum ersten Mal gibt es Jubel bei den etwa tausend Gästen, und auch Schuch stockt ein wenig, als er zum Dank einen Brief von ihm, Schuch, an Brasch vorliest und von einer "soliden Annäherung" spricht, und endet mit "ich war ein Du". Das Geheimnis des guten Schauspielens in vier Worten. Regisseur Dominik Graf nimmt den Regiepreis für "Fabian oder der Gang vor die Hunde" eher routiniert entgegen, der Kameramann dieses Films wird anschließend auch ausgezeichnet, und da sieht man auch wieder, dass die Dramaturgie greift. Die Preisträger wissen zwar, dass sie ausgezeichnet werden, aber nicht, wer ihnen den Preis überreicht.

Im Fall von Kameramann Hanno Lentz ist das Regisseurin Doris Dörrie, die erzählt, wie viele Kameraleute "stumm wie Fische" seien und wie schön es ist, dass Lentz reden kann. Das macht er auch, kurz und pointiert, Kamerafrauen und Kameramänner müssen eben auch ein Gefühl für Timing haben. Das dann auch die Gala-Regie beweist, als sie dem Gewinner Michael Kranz für seinen Dokumentarfilm "Was tun?" über Prostitution in Bangladesch zunächst eine Video-Schalte zu seinen Protagonisten einrichtet, nur um sie ein paar Sekunden live auf die Bühne zu holen.

Kranz hüpft, wenn auch nicht so hoch wie Wokalek vorher. Die Drehbuchautorin Maria Schrader wiederum, die zusammen mit ihrem Kollegen Jan Schomburg für den Film "Ich bin dein Mensch" geehrt wird, muss erst einmal tief Luft holen und stellt dann fest, wie viele "emotionale Momente" der Abend schon hatte und viele Menschen, "die wirklich was wollen". Nicht nur Preise. Und was überrascht am Ende Sönke Wortmann, der ja seinen Laudatoren schon kennt?

Das Outfit des Laudators. Söder trägt Stutzen, kurze Hose und ein DFB-Trikot von 1954 und lässt einen Fußball einmal aufditschen, dass alle wieder wach werden. Söder schwärmt vom "Wunder von Bern". Wie hat Leander Haußmann vorher noch gesagt: "Wir lernen, über uns selbst zu lachen." Und da macht Söder einen Punkt.

Wortmann muss hingegen überhaupt nichts sagen, um einen emotionalen Moment zu erzeugen, der entsteht, weil sehr lange applaudiert wird, ehe Wortmann etwas sagt. Er irrt sympathisch aufgeregt ein wenig durch seine Dankeswort, bringt den Saal mit einem "ich nehme den Preis an" zum Lachen, und nimmt dann auch gerne den Weg wieder zurück, runter von der Bühne, wieder dahin, wo er sich am wohlsten fühlt, hinter die Kameras.

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