Süddeutsche Zeitung

Bayerischer Filmpreis für Gernot Roll:Stilles Genie hinter der Kamera

  • Der Kameramann und Regisseur Gernot Roll erhält den Ehrenpreis des 36. Bayerischen Filmpreises. Einer seiner größten Erfolge war der Film "Ballermann 6".
  • Roll hat mit vielen anderen großen Regisseuren seiner Zeit gearbeitet: Heinrich Breloer, Helmut Dietl, Caroline Link oder Wolfgang Staudte.
  • Trotz seiner vielen Preise: Der Glamour der Filmwelt ist ihm immer noch suspekt und auf dem roten Teppich fühlt er sich nicht wohl.

Von Josef Grübl

Wenn er dann endlich an die Reihe kommt, werden sie alle schon etwas erschöpft sein: Von all dem Applaus, den Dankesreden, den Lobhudeleien. Gernot Roll kennt das, er hat das schon oft genug erlebt. An diesem Freitagabend bekommt er es aber aus einer anderen Perspektive zu sehen, der Kameramann und Regisseur erhält den Ehrenpreis des 36. Bayerischen Filmpreises. Staatsministerin Ilse Aigner wird am Ende der Show auf die Bühne kommen und seine technische Versiertheit loben, seine künstlerische Meisterschaft, seine Phantasie. Die Gäste im Münchner Prinzregententheater werden aufstehen und applaudieren, von Erschöpfung plötzlich keine Spur mehr. Und der Geehrte? Wird den ganzen Trubel über sich ergehen lassen.

Gernot Roll denkt in großen Bildern, große Worte mag er nicht. Er freut sich sehr über den Preis, den vor ihm Kollegen wie Michael Ballhaus oder Freunde wie Joseph Vilsmaier erhalten haben. Seit ein paar Wochen weiß er davon, allzu viel Zeit zur Vorbereitung hatte er bisher nicht. Bis Ende des Jahres drehte er in Mexiko, vergangene Woche unterrichtete er Filmstudenten in Babelsberg.

Auch im Alter von 75 Jahren ist er gefragt, er zählt zu den besten Kameramännern Deutschlands. Er hat mit den großen Regisseuren seiner Zeit gearbeitet, mit Heinrich Breloer, Helmut Dietl, Caroline Link oder Wolfgang Staudte. Doch der Glamour der Filmwelt ist ihm suspekt, er liebt es eher bodenständig. Als Ehrenpreisträger ist er auch Ehrengast beim Deutschen Filmball an diesem Samstag, er wird mit seiner Tochter Laura über den roten Teppich gehen und viele alte Bekannte treffen. "Eigentlich ist das aber nicht meine Welt, ich bin auch kein Tänzer", sagt er.

"Für Leute wie Fassbinder war ich nie interessant"

Roll ist ein kleiner Mann mit wachem Blick, der immer wieder über seine bunte Halbbrille hinaus schweift. Als Treffpunkt für das Gespräch hat er ein neu eröffnetes Café am Weißenburger Platz vorgeschlagen. Der Laden ist aber noch so neu, dass er schon wieder geschlossen hat. Sofort fällt ihm eine nahe gelegene Alternative ein, in dieser Gegend Haidhausens ist das ja kein Problem. Das gefällt ihm, erst vor einem halben Jahr ist er vom Stadtrand hierher gezogen. In seiner zweiten Heimat München lebt er allerdings schon seit mehr als einem halben Jahrhundert.

Roll stammt aus Dresden, als 14-Jähriger fing er eine Ausbildung bei den berühmten DEFA-Studios in Potsdam-Babelsberg an. 1960 siedelte er nach Westdeutschland über, ein Jahr später wurde sein Sohn geboren. Dieser folgte dem Vater ins Filmgeschäft, allerdings vor die Kamera: Michael Roll ist ein viel beschäftigter Fernsehschauspieler. In den Sechziger- und Siebzigerjahren arbeitete Gernot Roll als Kameramann bei der Bavaria Film in Geiselgasteig.

Er drehte Straßenfeger wie "Graf Yoster gibt sich die Ehre" und Fernsehfilme mit Regisseuren wie Franz Peter Wirth oder Fritz Umgelter. In den Siebzigerjahren gaben die Autorenfilmer im deutschen Kino den Ton an, der als Fernsehmann abgestempelte Roll blieb da erst einmal außen vor. "Für Leute wie Fassbinder war ich nie interessant", gesteht er.

Roll wurde mit Preisen überhäuft

Dafür lernte er bald andere Filmgrößen kennen: Der junge Bernd Eichinger war Mitte der Siebzigerjahre als Aufnahmeleiter bei der Bavaria tätig und brachte ihn mit dem Regisseur Edgar Reitz zusammen. Mit kleinem Team und vielen Ideen drehten Reitz und Roll "Heimat - Eine deutsche Chronik". Die knapp sechzehnstündige Serie feierte im Sommer 1984 ihre Premiere und löste nicht nur bei den Zuschauern im In- und Ausland Begeisterung aus: "Das war die schönste Zeit meines Berufslebens", sagt Gernot Roll, wenn er an die neunzehn Monate andauernden "Heimat"-Dreharbeiten zurückdenkt.

"Bei diesem Film spielen Erinnerungen eine große Rolle", sagt sein Regisseur Edgar Reitz. "Die Bilder, die wir suchten, sollten ihre Wurzeln in der gemeinsamen Erinnerung haben. Das hat uns eng zusammengeführt." Zuletzt haben die beiden an dem in wunderschönem schwarz-weiß gefilmten Kino-Epos "Die andere Heimat" gearbeitet.

Reitz weiß auch, warum die Zusammenarbeit immer wieder aufs Neue klappt: "Wir sind im Filmemachen überhaupt nicht analytisch-intellektuell, sondern gehen sehr handwerklich an die Dinge heran." Dazu passt auch das Berufsverständnis seines Kameramanns: Trotz der vielen Adolf-Grimme-Preise, der Bayerischen und Deutschen Filmpreise, die er im Laufe seines Berufslebens gewonnen hat, sieht sich Gernot Roll nicht als Cineast. "Ich liebe Kontraste und arbeite gerne mit natürlichem Licht", sagt er.

Aus der Sicht des Handwerkers erklärt er auch, wie die berühmten Kerzenszenen in Helmut Dietls Kinohit "Rossini" entstanden: "Das wurde mit ganz unempfindlichem Filmmaterial gedreht, damit es nicht so körnig aussieht. Wir mussten die Optik weit öffnen und hatten kaum Tiefenschärfe. Aber das war beherrschbar."

Debüt als Regisseur beim Film "Radetzkymarsch"

Seine größte berufliche Herausforderung erlebte er ein paar Jahre vor dem Dietl-Dreh: Während der Dreharbeiten zu "Radetzkymarsch" im Dezember 1993 starb mit Axel Corti der Regisseur dieses TV-Mehrteilers. Die Produzenten suchten in größter Panik nach Ersatz und fanden ihn im Kameramann des Films. So kam Gernot Roll zur Regie. "Ungefähr ein Drittel des Films ist von mir. Man kann aber nicht mehr auseinanderhalten, wer was gedreht hat", erzählt er stolz.

Zum Kinoregisseur machte ihn dann Bernd Eichinger: Dieser engagierte ihn Mitte der Neunzigerjahre für die Kameraarbeit des Proll-Spektakels "Ballermann 6". "Eines Tages rief er mich an und sagte: 'Ich finde keinen Regisseur, du machst das jetzt einfach mit'." Diese Geschichte hat Roll schon oft erzählt, er lacht aber so herzlich darüber, als wäre es das erste Mal. Der Film wurde ein Kassenknüller und aus dem Grimme-Preisträger quasi über Nacht ein Komödienregisseur.

Nächstes Projekt: Buddenbrooks

Vor allem für die Kinoausflüge berühmter Comedians wurde er gebucht, er drehte mit Mario Barth, Tom Gerhardt und Gerd Dudenhöffer alias Heinz Becker. Roll wusste, dass sich seine Stars am liebsten selbst inszeniert hätten und ließ ihnen genügend Freiraum, mit seiner gewohnt pragmatischen Art kümmerte er sich um den Rest. Das funktionierte einige Jahre lang ganz gut, dann änderte sich der Publikumsgeschmack.

Heute sind solche Komödien nicht mehr gefragt. Vor ein paar Jahren inszenierte er mit einer Neuverfilmung von "Der Räuber Hotzenplotz" seinen schönsten Film, heute konzentriert er sich wieder mehr auf seine Arbeit an der Kamera. Eines seiner nächsten Projekte wird der neue Film des "Buddenbrooks"-Regisseurs Heinrich Breloer sein, gemeinsam wollen sie die Geschichte von Bertolt Brecht neu erzählen. Daran sieht man noch einmal Rolls Bandbreite: Von Barth zu Brecht, vom Hotzenplotz zur Heimat - wer das hinkriegt, hat jeden Filmpreis dieser Welt verdient.

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Quelle:
SZ vom 16.01.2015/mmo
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