Bayerischer BuchpreisEhrenpreis für Hape Kerkeling: „Es gibt immer mehr als nur eine Wahrheit“

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Einen Porzellanlöwen erhält Ehrenpreisträger Hape Kerkeling (links) vom Bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder. Und hält selbst eine nachdenkliche Rede.
Einen Porzellanlöwen erhält Ehrenpreisträger Hape Kerkeling (links) vom Bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder. Und hält selbst eine nachdenkliche Rede. Stephan Rumpf

Die Bayerischen Buchpreise gehen an Heike Geißler und Dorothee Elmiger für Bücher, die die Abgründe unserer Zeit ausloten. Ehrenpreisträger Hape Kerkeling hält bei der Verleihung in der Allerheiligen-Hofkirche in München eine ernste Rede über die Bedeutung der Literatur – und des Humors.

Von Antje Weber

Wenn sogar Hape Kerkeling auf jeden Witz verzichtet, muss man sich dann wirklich Sorgen um die Welt machen? Sicherlich hoffte nicht nur Ministerpräsident Markus Söder, der ihn beim Bayerischen Buchpreis mit einem Ehrenpreis bedacht hatte, bei der Verleihung am Dienstagabend auf eine launige Dankesrede des multi-begabten Autors und Kabarettisten. Doch Hape Kerkeling verweigert die Rolle des Entertainers: Er beschwört die Bedeutung des Humors – mit geradezu staatstragendem Ernst.

Es ist nicht die einzige Überraschung eines Abends, an dem sich das Publikum in der Allerheiligen-Hofkirche und an den Radiogeräten trotzdem gut unterhalten fühlen kann. Die meisten Gäste aus der Buchbranche und Politik kennen das über Jahre erprobte Prozedere, das als Höhepunkt eine Live-Diskussion der Jury über die Gewinner der Buchpreise verspricht. Dass es diesmal eine Abweichung vom bewährten Verfahren gibt – Überraschung! –, werden sie beim anschließenden Empfang im Kaisersaal ausgiebig kommentieren.

Doch der Reihe nach, die wie immer souveräne Moderatorin Judith Heitkamp muss etliche Punkte und Preise abarbeiten. Zunächst einmal gilt es, den Bayern-2-Publikumspreis zu verkünden. Die Hörerinnen und Hörer haben sich für Tahsim Durguns Bestseller „Mama, bitte lern Deutsch“ entschieden: Der über Tiktok-Videos bekannt gewordene Comedian aus Oldenburg erzählt in diesem biografischen Buch mit bitterem Humor, was es seiner Familie jesidischer Kurden aus der Türkei schwermacht, wirklich in Deutschland anzukommen. Berührend ist schon eine kurze Hörprobe, in der die Mutter als vermeintliche Diebin aus einem Laden geworfen und gedemütigt wird: „Schmerz folgt keiner Grammatik“, schreibt Durgun. „Schmerz sprechen sie alle.“

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Das setzt einen Ton, den auch Markus Söder in seiner Laudatio auf Hape Kerkeling aufnimmt. Er würdigt nicht nur dessen Fernseh-Parodien, sondern auch die Bücher von „Ich bin dann mal weg“ bis zuletzt „Gebt mir etwas Zeit“, in denen er „viel tiefer, viel sensibler, viel authentischer“ und teils auch „wesentlich ernster“ sei. Kerkeling erweise sich als nachdenklicher, kluger Autor mit Sprachwitz wie auch Mut zu klaren Bekenntnissen. Er sei, das lässt aufhorchen, „einer, der weiß, dass Popularität nicht alles ist“. Söder schließt mit den Worten: „Danke für das Unerwartete.“

Das kommt sogleich, und Hape Kerkeling wirkt auch darin authentisch. Er hat sich entschieden, ein flammendes Plädoyer für Bücher zu halten, und dass es wenig zu lachen gibt, nimmt er in Kauf: „Ich hatte das Gefühl, die Zeiten sind danach.“ Der Ehrenpreis sei für ihn jedenfalls weit mehr als eine Auszeichnung, gesteht er, sondern „eine Bestätigung, dass die Brücken der Literatur wirken“. Denn Literatur sei für ihn „ein Brückenschlag, der Herzen und Verstand verbindet“.

Die Literatur bot ihm selbst früh Flucht und Rettung. Er lernte von Autoren von Robert Louis Stevenson bis Bertolt Brecht, wie wichtig Haltung, Empathie und Verantwortungsgefühl sind, und von Ephraim Kishon den „Humor als ultimative Überlebensstrategie“. Und Hape Kerkeling beschränkt sich nicht auf seine eigenen Leseerfahrungen: In Zeiten globaler Turbulenzen und hohler Phrasen werde das Buch „vielleicht zum wichtigsten Bollwerk der Demokratie“, zum „Schutzwall gegen Populismus“. Lesend blicke man über den eigenen Tellerrand und lerne: „Es gibt immer mehr als nur eine Wahrheit.“

Ausgezeichnet nach einer Jury-Live-Diskussion: Im Sachbuch gewann Heike Geißler (links) den Bayerischer Bücherpreis, in der Belletristik Dorothee Elmiger.
Ausgezeichnet nach einer Jury-Live-Diskussion: Im Sachbuch gewann Heike Geißler (links) den Bayerischer Bücherpreis, in der Belletristik Dorothee Elmiger. Stephan Rumpf

Das finden die Zuhörenden bestätigt in der folgenden Stunde, in der die Jury die Bayerischen Buchpreise in Sachbuch und Belletristik ausdiskutiert. Im dritten Jahr ihres Wirkens haben die Literaturkritiker Marie Schoeß, Andreas Platthaus und Cornelius Pollmer dabei eine Neuerung durchgesetzt: Künftig ist geheim, wer welches Buch vorgeschlagen hat. Das macht die Diskussion zweifellos einfacher für die Juroren, denn sie müssen sich nicht bis zum Schluss schützend vor ein Buch werfen. Doch fehlt damit auch der Pfeffer? Die Meinungen beim Wein sind später gespalten: Auch da gibt es wohl mehr als eine Wahrheit.

Zweifellos führt die Jury wieder ein so eloquentes wie freundliches Gespräch. Dabei stellt sich bald heraus, dass das Schmerzvolle, Abgründige auch ihren Nerv besonders gut trifft. Zwar sorgt beim Sachbuch Martina Heßler mit ihren Gedanken über die Fehlbarkeit der Technik in „Sisyphos im Maschinenraum“ dafür, dass sich unter anderem Pollmer „ertüchtigt“ fühlt. Zwar lobt die Jury Verena Luekens Porträts von insbesondere künstlerisch tätigen Frauen über 80 in „Alte Frauen“ als sprachlich elegant und hoffnungsvoll. Doch am Ende entscheidet sie sich für Heike Geißlers Essay „Verzweiflungen“. Bei allem „Ausheulen“ über die Zumutungen unserer Zeit, eine Seite mit Tränen-Emojis eingeschlossen, zeige dieses so politische wie persönliche Buch doch mit Humor: Resignieren ist keine Option.

Sekunde der Entscheidung: die Jury des Bayerischen Buchpreises, im dritten Jahr Marie Schoeß, Andreas Platthaus und Cornelius Pollmer.
Sekunde der Entscheidung: die Jury des Bayerischen Buchpreises, im dritten Jahr Marie Schoeß, Andreas Platthaus und Cornelius Pollmer. Stephan Rumpf

Auch in der Belletristik wird viel gelobt. Nicht nur Schoeß fühlt sich „unglaublich berührt“ von Dagmar Leupolds Auseinandersetzung mit ihrer Mutter und einer ganzen Generation im Buch „Muttermale“, das lebensklug und auch formal bemerkenswert sei. Annette Pehnt dagegen überrascht in „Einen Vulkan besteigen“ mit Erzählungen in leichter Sprache. Bei aller sprachlichen Reduktion schaffe sie es, in kurzen Sätzen ganze Welten aufscheinen zu lassen: „In all diesen Geschichten brodelt es“, so Platthaus.

Noch stärker brodelt es für die Jury aber doch in Dorothee Elmigers Roman „Die Holländerinnen“. Sie fasziniert deren komplexe, gebrochene Erzählweise, die überreiche Sprache auf knappem Raum (ein „Raumwunder“ für Pollmer), der „subtile Grund-Grusel“ der tief in den Urwald führenden Geschichte. Elmiger schreibe sich in die literarische Tradition ein, so Platthaus, indem sie wie einst Boccaccio „gegen die Angst anerzähle“. Dass Elmiger nach dem Deutschen Buchpreis damit nun auch den Bayerischen Buchpreis erhält, ist stimmig – auch wenn man leise bedauern darf, dass fast alle Aufmerksamkeit des an hervorragenden Büchern reichen Herbstes sich auf ein einziges Buch konzentriert.

Dafür belohnt Dorothee Elmiger das Publikum mit einer schönen Anekdote, die ihr Werk mit dem der Leipziger Sachbuch-Preisträgerin Heike Geißler verbindet. Sie sei vor einem halben Jahr in einem Park in Zürich gesessen und einigermaßen verzweifelt gewesen, erzählt sie in ihren Dankesworten. Da sei eine laute Gruppe von Männern gekommen, die ihr zuriefen: „Was liest du denn da?“ Elmiger zeigte ihnen Geißlers Essay „Verzweiflungen“. Daraufhin setzte sich einer der Männer neben sie und sagte: „Verzweifelt bin ich auch.“ Er erwies sich als Kranführer aus Sachsen, der in Zürich auf dem Bau arbeitet, er zeigte ihr Fotos. Elmiger wirkt noch immer bewegt von dem langen Gespräch, der unerwarteten Begegnung. Und sie sagt: „So etwas können Texte.“

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SZ PlusVon Marie Schmidt

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