Staatsoper für alle:Gelungener Auftritt

Die Bayerische Staatsoper beginnt ihre erste Saison unter dem neuen Intendanten Serge Dorny in Ansbach und München mit einem volksfestartigen Saisonauftakt: Oper, Konzert und Ballett begeistern das Publikum

Von Rita Argauer, Veronika Kügle und Paul Schäufele, München/Ansbach

Nach und nach füllt sich der Karlsplatz in Ansbach, Schulter an Schulter, aber mit Maske sitzen hier insgesamt 2800 Gäste, die erwartungsvoll der Bühne entgegenblicken. Auch aus den Wohnhäusern ringsum haben Neugierige ihre Köpfe aus den Fenstern gestreckt, aus der St. Ludwig Kirche laufen derweil vereinzelt die Musiker des Staatsorchesters Richtung Bühne.

Unter freiem Himmel wird die Bayerische Staatsoper heute Opernhighlights aus ihrem Repertoire sowie aus den insgesamt elf geplanten Premieren der kommenden Saison spielen. Für die "Oper für alle" verlässt die Bayerische Staatsoper erstmals ihre Heimatstadt. Über die Münchner Stadtgrenzen hinaus soll das größte Opernhaus Deutschlands so für alle Menschen in Bayern zugänglich werden. Auftakt macht das mittelfränkische Ansbach, ein "Riesengeburtstagsständchen", wie Moderatorin Annekatrin Hentschel es scherzhaft nennt, als sie der Stadt, die Flächenmäßig dreimal in München hineinpasst, zum 800. Jubiläum gratuliert.

Auch für Vladimir Jurowski, der sein erstes Konzert als Generalmusikdirektor dirigiert, dürfte der Abend ein besonderer sein. Sein Anzug spannt zwischen den breiten Schultern, als seine Arme zu schwungvollen Bewegungen ausholen. Vor blaugrauen Wolken wirkt der rund 1,90 große Mann wie ein Magier, der statt Blitz und Donner Pauken und Trompeten befehligt. Erst als die Mezzosopranistin Ekaterina Semenchuk im smaragdgrün-schimmernden Kleid für die Arie der Eboli auf die Bühne kommt, dreht er sich zum Publikum und verbeugt sich.

Für das Duett aus der Oper "Adriana Lecouvreur" von Francesco Cilèa kommt Startenor Piotr Beczala als Maurizio herbeigeeilt, eine Blume in den Händen haltend. Glaubt man Moderatorin Hentschel, hat er sich die erst kurz vor seinem Auftritt hinter der Bühne stibitzt. Ebenso spontan ist er an dem Abend für Jonas Kaufmann eingesprungen, der aus gesundheitlichen Gründen kurzfristig absagen musste. Spätestens bei "Nessun Dorma" von Puccini beweist Beczala, warum auch er zu den erfolgreichsten Tenören der Welt gehört -stehend klatscht ihm das Publikum Beifall.

Im Cuvilliéstheater sind die Raumwege gestutzt, dafür zieht die körperliche Nähe der Tänzer zum Publikum dieses in Bann

Tags darauf in München feiert die Staatsoper ebenfalls den Saisonauftakt: Mit einen Budenzauber-Fest im Brunnenhof und einzelnen Vorstellungen in den Theatern. Beim Ballett zeigt sich da exemplarisch der Unterschied zwischen kleinen und großen Gesten auf kleinen und großen Bühnen. Im Cuvilliéstheater gibt es nach dem dunklen und grandios körperlich zerklüfteten "Tag Zwei" von Özkan Ayik, Liam Scarletts "With a Chance of Rain". Zu Präludien und einer Elegie Rachmaninows zeigen sich höchst detailreich verschiedene Zustände der Zwischenmenschlichkeit; eine blitzsauber getanzte und sehr gegenwärtige Version der Neo-Klassik mit tief romantischem Überbau. Während die Raumwege auf der kleinen Bühne ein bisschen gestutzt wirken, zieht die körperliche Nähe der Tänzer zum Publikum dieses in Bann. Besonders Madison Young, Laurretta Summerscales und Emilio Pavan erzählen Scarletts melancholisch verwischtes Stück voll bewegender Tiefe. Draußen dann im Brunnenhof gibt es anschließend das großgestische Finale aus John Neumeiers "Sommernachtstraum". Ohne jede Theateratmosphäre wirken Neumeiers Theaterwitzchen ein wenig wie eine Markt-Pantomime - allerdings mit exzellenter Fußarbeit.

Staatsoper für alle: Exzellente Fußarbeit: Eine Szene aus John Neumeiers Ballett "Sommernachtstraum".

Exzellente Fußarbeit: Eine Szene aus John Neumeiers Ballett "Sommernachtstraum".

(Foto: Katja Lotter)

Auch das Nationaltheater zeigt sich an diesem volksfestartigen Saisonauftakt. Und nicht ohne Grund mit Lotte de Beers Inszenierung von "Gianni Schicchi". Puccinis karnevalesker Erbschleicher-Einakter ist ein Kondensat von quasi allem, was Oper bieten kann. Einige der größten Drama-Queens und -Kings der Musikgeschichte zanken sich in Kostümen wie vom Mittelaltermarkt ums Erbe von Buoso Donati, überpurzeln sich im rasanten Wechsel der Affekte, ein Liebespaar droht daran zu zerbrechen. Da hilft nur Schicchis (nicht ganz rechtskonforme) Gerissenheit. Ambrogio Maestri spielt ihn perfekt, präsent, schnell und am Ende so furios wie ihn Dante im Inferno gesehen hat - als rasenden Kobold. Als solcher hilft er dem sängerisch etwas erschöpften Rinuccio (Galeano Salas) und der umso strahlenderen Lauretta (Emily Pogorelc). So begeistert man Leute für die Oper.

Der Staatsorchester-Nachwuchs zeigt sein Können mit einer Auswahl aus dem Kuriositätenkabinett der Kammermusik

Ein Faible fürs Musiktheater dürften auch die Geförderten der Akademie des Bayerischen Staatsorchesters haben, die seit Kurzem den Namen des jüdischen Dirigenten Hermann Levi trägt. Bei einem Nachmittagskonzert zeigen die angehenden Berufsmusizierenden sich und ihr außergewöhnliches Können in einer Auswahl aus dem Kuriositätenkabinett der Kammermusik. So folgen auf eine mit subtilem Humor präsentierte Poulenc-Sonata (Trompete: Balász Drahos, Horn: Anton Schultze, Posaune: Julian Rabus) ein angejazztes Duo für Violine und Cello (Paula Borggrefe und Constantin Pritz) oder eine meditative Sonate des Kontrabass-Spezialisten Johann Michael Sperger (Vincente Salas, begleitet von Clara Holdenried an der Bratsche). Publikumslieblinge sind dann aber vor allem Tomàs Toral, der an der Marimba eine Bearbeitung von Ravels "Alborada del gracioso" wie ein magisches Ritual zelebriert und Sophia Litzinger, die ein hinreißendes Impromptu von Gabriel Fauré auf der Harfe vorstellt.

Staatsoper für alle: Bei Jazz trifft Oper kombiniert der 85-Jährige Klarinettist und Saxophonist Michel Portal schräge Rhythmen mit originellen Melodien.

Bei Jazz trifft Oper kombiniert der 85-Jährige Klarinettist und Saxophonist Michel Portal schräge Rhythmen mit originellen Melodien.

(Foto: Wilfried Hösl)

Wer sich am späten Abend nochmals ins Nationaltheater begibt, erlebt ein dazu seltsam passendes Komplementär-Konzert. Die Akademistinnen und Akademisten stehen am Anfang ihrer Karrieren, während Michel Portal nun hoffentlich nicht am Ende der seinen ist, aber doch auf Jahrzehnte des Jazz-Musizierens zurückblicken kann. Der 85-Jährige Klarinettist und Saxophonist hat sich und uns noch ein neues Album gegönnt, das er mit ein paar Freunden in die Oper bringt. Der Mann ist nicht zu unrecht eine Legende, immer noch kombiniert er schräge Rhythmen mit unvermindert originellen Melodien, spielt brillant und mit Feuer, dabei so zurückhaltend, dass es kaum einen physischen Beleg dafür gibt, dass er überhaupt spielt; und strahlt eine abgeklärte Heiterkeit aus, die das ganze Publikum erfasst. Es gibt viele Gründe, sich gute Musik anzuhören, das zeigt das Septemberfest. Doch wer eine Verjüngungskur braucht, wende sich an Michel Portal. Er weiß, wie's geht.

© SZ/by
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