Die Bayerische Staatsoper in ChinaKulturelle Diplomatie oder Unterhaltungsprogramm in einer Diktatur?

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Auch Verdis „Otello“ wurde in Shanghai konzertant aufgeführt.
Auch Verdis „Otello“ wurde in Shanghai konzertant aufgeführt. Geoffroy Schied

Die Bayerische Staatsoper kehrt von einer Tournee durch China zurück, die bereits seit 2019 geplant war. Wieder daheim in München wird ein konzertanter „Figaro“ gespielt.

Von Egbert Tholl

Dann war da dieser Junge. Er war von Beijing nach Shanghai gereist, weil ihm sein Großvater gesagt hatte, er müsse das hören. Er müsse in Shanghai ins Grand Theatre gehen und dort die Aufführung von Richard Wagners „Fliegendem Holländer“ besuchen. Dieses Erlebnis werde er nie vergessen. Und er werde verstehen, was Oper eigentlich sei. Der Großvater wusste, wovon er sprach, er hatte 1984 das Gastspiel der Bayerischen Staatsoper in China erlebt.

Damals war zum ersten Mal ein westliches Opernhaus in China zu Gast gewesen, mit einer echten Opernproduktion, also mit Bühnenbild und voller Ausstattung. Es ist lange her, damals leitete noch Wolfgang Sawallisch, der sehr gute Verbindungen nach Asien hatte, die Staatsoper. Jetzt tun dies Vladimir Jurowski und Serge Dorny. Jurowski dirigierte in Shanghai den „Holländer“. Der Junge aus Beijing hatte danach Tränen in den Augen.

Eine schöne Geschichte, die verschiedene Menschen aus der eben zurückgekehrten Reisetruppe erzählen. Die Bayerische Staatsoper war gerade zu Gast in Shanghai, das Staatsorchester spielte darüberhinaus noch drei Konzerte in Beijing, Tokio (in der berühmten Suntory Hall) und Kawasaki. Eine enorme Unternehmung, 330 Menschen reisten an, 110 davon Musikerinnen und Musiker, per Schiff fuhr das „Holländer“-Bühnenbild, drei Aufführungen hatte der in Shanghai, dazu kamen zweimal konzertant Verdis „Otello“ und ein Konzert. Alles ausverkauft, insgesamt 16 900 Zuschauerinnen und Zuhörer mit den Konzerten außerhalb Shanghais. Aber eigentlich hätte alles noch viel größer sein sollen.

In der Staatsoper in München wird gerade die Sicherheit auf Vordermann gebracht, notwendige Maßnahmen, wie Dorny sagt, auch neue Aufzüge werden eingebaut. Deshalb beginnt die Saison in München später, konkret Ende Oktober mit dem Akademiekonzert im Nationaltheater. Also hat man Zeit zu reisen. Oder, wie Dorny sagt, auch die Verpflichtung, die Aktivität aufrechtzuerhalten.

Beeindruckender Blick auf eine futuristische Kulisse: der Himmel über Shanghai.
Beeindruckender Blick auf eine futuristische Kulisse: der Himmel über Shanghai. Geoffroy Schied

Die Verhandlungen mit Shanghai begannen 2019. Es gibt da eine Holding, der unterstehen verschiedene Spielstätten, es scheint ähnlich wie hier zu funktionieren, die Holding erhält offenbar zwar staatliche Gelder, muss aber Einnahmen generieren. Wie dies bei Ticketpreise zwischen 20 und 130 Euro mit einem solchen Gastspiel funktionieren kann, bleibt allerdings ein chinesisches Rätsel – für die Staatsoper ist das Gastspiel ein Nullsummenspiel. Es gab schon mal Zeiten, da reiste die Staatsoper zum Geldverdienen nach Asien, genauer nach Japan. Dort gab es einen reichlich durchgeknallten Opernfan, der dies möglich machte. Heute, sagt Serge Dorny, seien echte Operngastspiele, also mit Szene, finanziell nur noch in Südkorea und China möglich.

Braucht man die überhaupt? Natürlich, für die Kompagnie ist das ein Erlebnis, das zusammenschweißt. Aber China? Die Bayerische Staatsoper als Unterhaltungsprogramm in einer Diktatur? Antwort Dorny, eine Frage: „Wo gibt es keine Diktatur momentan?“ Natürlich, die Geschichte des Jungen aus Beijing ist ein Argument dafür, dass hier wirklich Kulturaustausch stattfindet. Das Publikum in China sei, das sagen Dorny und auch sein Pressechef Michael Würges, bemerkenswert jung gewesen, jünger, als jemals hier in Europa. Außerdem hoch konzentriert, wissend. Selbst erinnert man sich an eine Konzerttournee durch China vor 15 Jahren, da fanden viele im Publikum das eigene Handy noch interessanter als das Geschehen auf der Bühne. Lang her. Außerdem: Viele fahren nach China, die Wiener und die Berliner Philharmoniker etwa. Vielleicht gibt es doch eine kulturelle Diplomatie, die die offizielle Politik gewinnbringend unterläuft.

Vladimir Jurowski und das Bayerische Staatsorchester spielten in Shanghai ausverkaufte Konzerte.
Vladimir Jurowski und das Bayerische Staatsorchester spielten in Shanghai ausverkaufte Konzerte. Geoffroy Schied

Geplant war das Gastspiel als Eröffnung der Grand Opera in Shanghai. Mit vier szenischen Produktionen, „Otello“, „Figaro“, „Holländer“, Strauss’ „Ariadne“, dazu zwei Ballette. Nur: Das neue Opernhaus wurde nicht fertig. Zwar schwärmt Dorny von einer für deutsche Verhältnisse unvorstellbaren Bauzeit von fünf Jahren, Baukosten etwa 450 Millionen Euro (mit einer Bühnenmaschinerie aus Deutschland und England), das Ganze, so Dorny, auf einer Grundfläche 70-mal so groß wie die des Nationaltheaters in München. Aber fertig wurde es dennoch nicht rechtzeitig, Nachwirkungen von Corona. Also wurde das Programm abgespeckt. Das Ballett reist nach Barcelona, „Ariadne“ und „Figaro“ gibt es konzertant in München, im Herkulessaal, weil, als umgeplant werden musste, die Isarphilharmonie nicht mehr passend frei war. Doch Dorny denkt schon ans nächste Gastspiel. In einigen Jahren. Schließlich steht ja noch die Generalsanierung des Nationaltheaters an.

Beim „Figaro“ leuchtet der Herkulessaal wie lange nicht. Es ist eine vollkommen verblüffende Aufführung, außerordentlich kurzweilig, man ist verdutzt. Stefano Montanari dirigiert, als hätte er vorher mindestens drei Espressi zu viel getrunken, er spielt selbst auch Hammerklavier voller geradezu szenischer Einfälle. Das Staatsorchester ist ein top Bestform, es rast, es singt, es malt Poesie. Mozarts winzige Details der Ausgestaltung der flackernden Emotionen treten plastisch hervor. Es geht zwar dennoch um nichts, aber das mit größter Freude und Schönheit.

Die Besetzung ist aufregend. Und alle haben ungehemmte Lust, auch am Spiel. Man sah schon szenische Aufführungen, in denen nicht so lebendig agiert wurde. Erwin Schrott hat als Graf unglaublichen Witz und Charme, Konstantin Krimmel, der Figaro, ist eh kaum zu bändigen, gibt seiner Figur auch alle nötigen Dummheiten mit. Herrlich Dorothea Röschmann als Marcellina, bestens aufgelegt, auch stimmlich. Louise Alder schafft es, in diesem turbulenten Treiben der Gräfin auch das nötige Weh mitzugeben. Der Hit aber ist ein Hausdebüt.

Joélle Harvey singt zum ersten Mal an der Bayerischen Staatsoper, sie singt die Susanna. Ihre Stimme besitzt die allergrößte Natürlichkeit, da ist nichts mehr Rokoko, da ist alles Mensch. Betörend schön, fast schon aberwitzig perfekt, aber diese Perfektion birst vor Leben. Harvey muss bald wiederkommen, am besten bindet man sie fest ans Haus, weil dieses Strahlen will man wiederhaben.

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