Kultur und Gesellschaft:Stilvoll ein paar Federn lassen

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Kultur und Gesellschaft: "Ich bin ja so galant, Madame, doch das hat seinen Grund": Rachel Willis-Sørensen und Jonas Kaufmann, die aktuell in "Peter Grimes" an der Staatsoper singen, entführen beim Bühnendinner in die Welt der Operette.

"Ich bin ja so galant, Madame, doch das hat seinen Grund": Rachel Willis-Sørensen und Jonas Kaufmann, die aktuell in "Peter Grimes" an der Staatsoper singen, entführen beim Bühnendinner in die Welt der Operette.

(Foto: Florian Peljak)

Trotz Operetten-Glamour mit Jonas Kaufmann zelebriert die Bayerische Staatsoper ihr Bühnendinner zurückhaltender als in den Vorjahren.

Von Jutta Czeguhn, München

Operetten, heißt es, seien gut gegen Einschlafängste in nervösen Krisenzeiten. Mit ihrem banalen Schmelz schaffen sie ein verdrängungsfreudiges Klima. Sie entführen in die alteuropäische Handkuss-Ära, als die Champagnerflaschen noch mit Eleganz entkorkt wurden, die Damen lustige Witwen waren, und es in den Theatern noch den ehrenwerten Beruf des Logenschließers gab. Jonas Kaufmann, der Neu-Österreicher ehrenhalber, kann und liebt Operette. Beim Bühnendinner der Bayerischen Staatsoper serviert er, quasi als vorgezogener musikalischer Hauptgang, zusammen mit Sopranistin Rachel Willis-Sørensen "Wiener Blut". Über eine Geheimtür hat er sich auf der mittleren Bühne materialisiert, singt lässig unbefrackt den Tauber-Schlager "Ich küsse Ihre Hand, Madame". Gefühlt 400 Handy-Hände rauschen nach oben.

Der Auftritt der beiden Opernstars war mit Abstand die glamouröseste Zutat bei diesem angenehm zurückhaltenden Benefiz-Dinée, das im Münchner Nationaltheater mittlerweile zum Spielzeit-Auftakt gehört wie der Kammerton, auf den sich das Orchester im Graben einstimmt, bevor der Dirigent den Arm hebt. Ein Seismograf also, ein wenig zumindest, für die Stimmungslage am Haus, in der Münchner Gesellschaft - und womöglich darüber hinaus. Intendant Serge Dorny, der weiß Gott keine einfach erste Saison hinter sich hat, führt diese Tradition des feinen Vier-Gänge-Speisens (mit neuem Caterer Berlin Cuisine) und künstlerischen Amüsements also fort, bei der auf der Bühne eingedeckt wird für jene, die in der Geldhierarchie weiter oben stehen oder ein Gesicht haben, das man aus Film und Fernsehen kennt. An die 480 waren gekommen, konnten masken- und abstandslos feiern, und am Ende stattliche 400 000 Euro da lassen fürs Nachwuchsprogramm der Staatsoper. Und wohl einige Sümmchen darüber hinaus, denn die Sponsoren-Dichte war relativ groß.

Kultur und Gesellschaft: Auch mit Lampen vom Flohmarkt geht es stimmungsvoll: Die Ausstattung bei der Benefiz-Gala ist diesmal von dezentem Charme.

Auch mit Lampen vom Flohmarkt geht es stimmungsvoll: Die Ausstattung bei der Benefiz-Gala ist diesmal von dezentem Charme.

(Foto: Florian Peljak)

Es sei nun auch schon egal, ob man sich hier oder auf der Wiesn anstecke, war schon beim Entrée zu vernehmen, wo sich die Menge zum Aperitif durch die Ionischen Säle schob. Zwischen all den langen Roben und Smokings glitten da Staatsballett-Mitglieder als unheimliche, gefiederte Mischwesen, die beunruhigend intensiv zurückstarrten, wenn man den Blickkontakt hielt. Als ob in der Mauser, hinterließen sie schwarze Federn auf dem Marmorboden. Abergläubische durchfuhr da ein leichter Schauder.

Serge Dorny beschwört eine "Nostalgie für die Zukunft"

Kein Bühnendinner ohne Motto. Diesmal sollte "ein Tor zu einer anderen Welt" aufgestoßen werden. Max Koch (künstlerisches Konzept) und Katarina Ravlic (Ausstattung) schufen eine zauberhaft schlichte Dachboden-Atmosphäre, Lampen aus dem Fundus und vom Flohmarkt hingen vom Schnürboden herab, die Gäste saßen auf robust bequemen Holzstühlen, aßen von Steinguttellern und horchten jedes Mal auf, wenn die mächtige Standuhr aus Barrie Koskys "Rosenkavalier" zwischen den Gängen schlug und wie in den "Chroniken von Narnia" eine Kurzreise in die Anderwelt ankündigte.

Waren in den Vorjahren für die Gala oft spektakuläre Varieté-Acts oder Stars wie der mittlerweile dreifach Putin-tätowierte Ballerino Sergei Polunin eingekauft worden, setzte man diesmal ganz auf eigene Kräfte mit Darbietungen des Opernstudios, des Staatsballetts und natürlich des Staatsorchesters. Als wolle man sich auf sich selbst besinnen und alle guten Geister des Hauses beschwören. Dabei sei er kein Mensch, der zurückblicke, meinte Serge Dorny, beseelt vom Abend, kurz vor dem Dessert. "Natürlich lernt man von der Vergangenheit", gerade an einem so traditionsreichen Haus wie der Bayerischen Staatsoper. "Aber wir müssen alle zusammen das Morgen prägen und in diesen schwierigen Zeiten an die Kraft von Kunst und Kultur glauben. Und eine Nostalgie für die Zukunft haben."

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