Preisverleihung:Nahverkehr auf dem Sprachgleis

Preisverleihung: Norbert Hummelt und Anja Kampmann teilen sich das Preisgeld des mit 30 000 Euro dotierten Rainer-Malkowski-Preise.

Norbert Hummelt und Anja Kampmann teilen sich das Preisgeld des mit 30 000 Euro dotierten Rainer-Malkowski-Preise.

(Foto: Robert Haas)

Die Schriftsteller Anja Kampmann und Norbert Hummelt erhalten in der Bayerischen Akademie der Schönen Künste den Rainer-Malkowski-Preis - und machen deutlich, warum Gedichte das Leben als lohnend erscheinen lassen können.

Von Antje Weber, München

"Nichts ist selbstverständlich; wir haben uns nur an manches gewöhnt" - diesen Satz des jungen Rainer Malkowski findet man auf der Webseite über den Lyriker. Nichts ist selbstverständlich, das gilt auch für diesen Montagabend in der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, an dem der Rainer-Malkowski-Preis verliehen werden soll, mit 30 000 Euro einer der höchstdotierten deutschen Literaturpreise. Wer die Akademie betreten will, deren Eingang hinter raumgreifenden Aufbauten für die IAA-Automesse auf dem Max-Joseph-Platz verschwunden ist, muss sich gemäß der 3-G-Regeln ausweisen und wird an feste Plätze geführt. Nichts ist in pandemischen Zeiten selbstverständlich; auch nicht, hinter den Masken der wenigen Gäste den Schriftsteller Georg M. Oswald zu erkennen. Der vormalige Leiter der Literatur-Abteilung, vor Kurzem aus Protest gegen Corona-Äußerungen des Präsidenten Winfried Nerdinger aus der Akademie ausgetreten, ist in seiner neuen Funktion als Lektor des Hanser-Verlags gekommen.

In diesem Verlag hat die Schriftstellerin Anja Kampmann bisher zwei Gedichtbände und einen Roman veröffentlicht. Sie wird an diesem Abend eine Hälfte des Preises erhalten, die andere geht an ihren bereits mit acht Gedichtbänden hervorgetretenen Kollegen Norbert Hummelt. Dass die beiden wie auch die Laudatoren planmäßig anreisen konnten, ist übrigens aufgrund der Bahnstreiks auch nicht selbstverständlich. Und so wirkt Nerdinger in seiner Begrüßung froh darüber, dass die mehrfach verschobene Preisverleihung überhaupt endlich stattfinden kann.

Es ist die erste ohne die Stifterin. Margarete Malkowski, die Witwe des 2003 gestorbenen Lyrikers, hat den drei Jahre später erstmals vergebenen Preis ins Leben gerufen - und war seither in schöner Selbstverständlichkeit zu jeder Verleihung aus Brannenburg am Inn angereist. Anfang des Jahres ist sie verstorben. "Mit ihr verliert die Akademie eine große und großzügige Förderin", würdigt Nerdinger die Stifterin, die von einem Foto sehr wach und neugierig in den Saal schaut. Und Holger Pils, Leiter des Lyrik-Kabinetts, erinnert an eine liebenswürdige, auch schalkhafte Person, die stets "warmherzige Begegnungen" mit den Preisträgern suchte.

Wie gut angelegt ihre Stiftung ist, machen die hervorragenden Reden im Anschluss deutlich. Es ist ein Genuss, der weit ausgreifenden und dabei doch immer wieder genau fokussierenden Laudatio des Schriftstellers Marcel Beyer auf Anja Kampmann zu lauschen. Ausgehend von ihrem Gedicht "mittweida, im januar" über die Bahnfahrt eines Paares in der Provinz nähert er sich ihrem Werk über die sächsischen Landschaften an, über ein "Fantasma namens Osten". Er zieht Traditionslinien von Schriftstellern wie Wolfgang Hilbig bis zur sozialdokumentarischen Fotografin Evelyn Richter - "teilnehmend, aber nicht unkritisch" wie diese, könne Kampmann als ihre Schülerin gelten. Ihr "zurückhaltendes lyrisches Ich" scheine verwandt mit den "namenlosen Ichs, die ihre Gedichte bevölkern". Es sind Menschen wie das Paar aus der Bahn in Mittweida, mit herausgewachsener Haartönung und Tätowierungen eines Sängers.

In ihrer Dankesrede, poetologisch aufgeladen und lyrisch schwingend, zieht Anja Kampmann empathisch Verbindungen zwischen Menschen wie diesen, die sich vielleicht durch Talentshows für Gesang im Fernsehen berühren lassen, und der Poesie. Vielleicht seien Gedichte "Nahverkehr auf dem Sprachgleis", sagt sie. Jede Geschichte bilde sich "auf den Obertönen der Realität"; diese Realität solle ein Sänger, ein Dichter verwandeln, verdichten, "in dieses Andere, Schwebende", in einer "verzauberten Sprache".

Wie rüde die Realität jede Verzauberung zunichte machen kann, wird in der Rede auf Norbert Hummelt deutlich; der Schriftsteller Henning Ziebritzki liest sie anstelle des verhinderten Laudators Michael Braun vor. Denn ein "Sehnsuchtsort" des Dichters, Rech in der Hocheifel, ist vor wenigen Wochen von der Flut schwer getroffen worden. Braun beschreibt, wie sehr sich die Fantasie Hummelts an die dörfliche Landschaft in der Eifel angebunden habe; wie wichtig die "Fließbewegung" in seinen Gedichten sei, das "versunkene Schauen". Und er analysiert, wie sehr sein Werk von Eichendorff wie Dante inspiriert ist, mit einem Zug zum Romantischen und einer teils "einfachen Liedhaftigkeit", gegen die sich heutige Leser mit ihrem "ironisch ausgenüchterten Bewusstsein" durchaus auch wehren; dabei "verstörend schön".

Hummelt dankt mit dem Vortrag einiger Gedichte - und erinnert nochmals an Rainer Malkowski. Der habe vielleicht, so sinniert er, in den Räumen der Akademie vor vielen Jahren den Schriftsteller Hermann Lenz kennengelernt. Ein Austausch zwischen beiden ist belegt, 1991 schrieb Lenz in einem Brief an Malkowski: "Ihre Gedichte stärken mich, weil sie mir beim Lesen das Gefühl geben, es lohne sich, auf der Welt zu sein." Mehr lässt sich über die Wirkung von Gedichten nicht sagen. Auch nicht über diesen Abend, der mit der Preisübergabe zu Ende geht; kein Wein, kein Brot danach wie sonst in der Akademie. Nichts ist mehr selbstverständlich, und nicht an alles will man sich gewöhnen.

© SZ/mbr
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